Wer auf TikTok nach Abnehmtrends sucht, kommt an Berberin derzeit kaum vorbei. Influencer:innen bezeichnen den Pflanzenstoff als „natürliches Ozempic. Sie versprechen weniger Heißhunger, bessere Blutzuckerwerte und einen Gewichtsverlust, ganz ohne Spritze. Doch wie viel Evidenz steckt tatsächlich hinter dem Hype?
Vorne weg: Berberin ist kein Wundermittel. Der gelbe Pflanzenstoff kommt unter anderem in Berberitzengewächsen vor und wird seit Jahrhunderten in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet. Neu ist vor allem seine Popularität in sozialen Medien. Dort wird Berberin häufig als pflanzliche Alternative zu GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) wie Semaglutid oder Tirzepatid dargestellt. Dieser Vergleich greift jedoch zu kurz.
Warum Berberin mit GLP-1-RA verglichen wird
Der Ursprung des Trends liegt in den Stoffwechseleffekten von Berberin. Studien zeigen, dass der Pflanzenstoff die Insulinsensitivität verbessern, den Blutzucker beeinflussen und sich positiv auf verschiedene Parameter des metabolischen Syndroms auswirken kann. Zudem gibt es Hinweise auf Verbesserungen bei Cholesterin und Triglyceridwerten. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Aktivierung der sogenannten AMP-aktivierenten Proteinkinase (AMPK).
Das Enzym wird häufig als „metabolischer Schalter“ des Körpers bezeichnet, da es an der Regulation des Energiehaushalts beteiligt ist. Vereinfacht gesagt aktiviert Berberin Stoffwechselwege, die normalerweise auch durch körperliche Aktivität oder ein Kaloriendefizit angeregt werden. Genau an dieser Stelle beginnen jedoch die Unterschiede zu GLP-1-RA. Semaglutid und Tirzepatid wirken gezielt an Hormonrezeptoren, die Hunger, Sättigung und die Magenentleerung beeinflussen. Viele Anwender:innen berichten deshalb von einer deutlich verminderten Nahrungsaufnahme und einem frühen Sättigungsgefühl.
Kein pflanzliches Pendant zu Abnehmspritzen
Berberin greift aber nicht direkt als GLP-1-Rezeptoragonist ein. Es kann jedoch die körpereigene GLP-1-Sekretion fördern und damit indirekt auf dieses Hormonsystem einwirken. Berberin ist daher nicht völlig unabhängig vom GLP-1-System, aber auch nicht mit den GLP-1-RA gleichzusetzen. Fachleute warnen deshalb davor, Berberin als pflanzliches Pendant zu den Abnehmspritzen darzustellen. Die Substanzen führen zwar teilweise zu ähnlichen Ergebnissen, erreichen diese aber über unterschiedliche biologische Wege.
Ist der Gewichtsverlust vergleichbar?
Hier wird der Unterschied besonders deutlich. Eine aktuelle Metaanalyse zeigt, dass Berberin Körpergewicht, Body-Mass-Indey (BMI) und Taillienumfang zwar statistisch signifikant reduzieren kann. Die erzielten Effekte fallen jedoch deutlich geringer aus als jene, die von modernen GLP-1-Therapien bekannt sind. Auch eine randomisierte Studie mit 337 Personen mit Adipositas und Fettlebererkrankungen konnte keine deutlichen Vorteile gegenüber Placebo bei der Verringerung des viszeralen Bauchfetts zeigen. Zwar wurden positive Stoffwechseleffekte beobachtet, die Erwartungen an einen „natürlichen Ozempic-Effekt“ erfüllten sich jedoch nicht. Die derzeitige Datenlage deutet daher eher auf eine moderate Unterstützung des Stoffwechsels als auf eine ausgeprägte Gewichtsreduktion hin.
Aktiver Pflanzenstoff
Ein weiterer Punkt, der auf TikTok oft untergeht: Berberin ist ein Isochinolin-Alkaloid und somit ein pharmakologisch aktiver Pflanzenstoff. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Bauchschmerzen, Verstopfung oder Durchfall. Darüber hinaus kann Berberin mit Arzneimitteln interagieren, die über bestimmte Enzymsysteme der Leber verstoffwechselt werden. Auch Wechselwirkungen mit Antidiabetika sind möglich.
Die Studienlage spricht dafür, dass Berberin positive Effekte auf Blutzucker, Insulinsensitivität und verschiedene Stoffwechselparameter haben kann. Die Bezeichnung „natürliches Ozempic“ hält einer wissenschaftlichen Prüfung jedoch nicht stand.
