Wenn der Urin die Farbe wechselt


Sanja Agatic

Smybolbild: Ein Harnbecher mit rötlichen Urin
Auch rezeptfreie Präparate können Spuren hinterlassen. Wirkstoffe und ihre Metaboliten verändern mitunter sichtbar die Farbe des Urins.Foto:stock.adobe.com/GladkovPhoto

Neongelb nach dem Vitaminpräparat, rotbraun nach einem pflanzlichen Abführmittel. Verändert sich die Urinfarbe, wirkt das schnell beunruhigend. Dabei können nicht nur verschreibungspflichtige, sondern auch rezeptfreie Präparate dahinterstecken.

Der Blick in die Toilette kann nach manchen Over The Counter (OTC)-Präparaten überraschen. Während zahlreiche Arzneistoffe den Körper verlassen, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen, bringen einige Wirkstoffe oder ihre Abbauprodukte Farbe ins Spiel. Dahinter steckt nicht immer derselbe Mechanismus. Mal wird eine von Natur aus intensiv gefärbte Substanz ausgeschieden, mal entsteht der Farbeffekt erst durch Metaboliten.

Neongelb nach dem B-Komplex

Besonders auffällig ist der Effekt nach Vitamin-B-Präparaten. Verantwortlich ist Riboflavin, Vitamin B2. Der Stoff besitzt eine gelbe Eigenfarbe und fluoresziert unter UV-Licht. Riboflavin ist wasserlöslich. Wird mehr aufgenommen, als der Organismus benötigt oder verwerten kann, gelangt ein Teil über die Nieren in den Urin. Nach höher dosierten B-Komplex- oder Multivitaminpräparaten kann dieser deshalb intensiv gelb erscheinen.

Die häufige Interpretation, die Farbe zeigt, dass das gesamte Vitaminpräparat „einfach wieder ausgeschieden“ werde, greift jedoch zu kurz. Aus der Farbintensität lässt sich weder zuverlässig auf die Aufnahme anderer Vitamine noch auf deren Versorgung im Körper schließen.

Senna: Rotbraun ohne Blut

Deutlich erklärungsbedürftiger wird es, wenn der Urin nicht gelb, sondern rotbraun erscheint. Ein möglicher OTC-Auslöser sind Sennapräparate gegen Verstopfung. Die Verfärbung ist als bekannter und in der Regel harmloser Effekt beschrieben und verschwindet nach Ende der Einnahme wieder. Dahintersteckt ein anderer Mechanismus als bei Riboflavin. Sennoside sind Prodrugs: Sie passieren den oberen Gastrointestinaltrakt weitgehend unverändert und werden erst im Dickdarm durch die Darmflora in aktive Metaboliten überführt. Ein Teil der entstehenden Verbindungen wird anschließend aufgenommen, weiter metabolisiert und renal ausgeschieden. Die Dickdarmschleimhaut kann bei einer Langzeittherapie ebenfalls gefärbt werden (Pseudomelanosis coli).

Besonders interessant ist, dass die sichtbare Farbe vom pH-Wert abhängen kann. Entsprechende Metaboliten können den Urin gelblich bis rotbraun erscheinen lassen. Rotbrauner Urin kann unter Senna harmlos sein, eine ähnliche Farbe kann aber auch bei Blut, Hämoglobin oder Myoglobin auftreten. Die Einnahme eines entsprechenden Präparats liefert deshalb eine mögliche Erklärung, aber keine sichere Diagnose.

Vitamin C färbt nicht

Noch interessanter wird es bei Ascorbinsäure. Hoch dosiertes Vitamin C ist kein klassischer Urinfärber. Trotzdem kann es bei der Urindiagnostik einen Farbeffekt auslösen, allerdings auf dem Teststreifen. Ascorbinsäure ist ein Reduktionsmittel und kann chemische Farbreaktionen bestimmter Urintestfelder abschwächen.

Die Studie „Influence of Vitamin C on Urine Dipstick Test Results“ zeigt, dass Vitamin C im Urin zu relevanten Interferenzen führen kann. Besonders bekannt sind falsch-negative Ergebnisse bei Testfeldern für Blut und Glukose, deren Nachweis auf Oxidationsreaktionen beruht. Vitamin C war in Urinproben häufig nachweisbar und konnte abhängig von Testsystem und Konzentration falsch-negative Ergebnisse verursachen. Während Riboflavin den Urin unübersehbar färben kann, kann Vitamin C eine diagnostisch gewünschte Farbreaktion unterdrücken.

Anhaltende Verfärbungen abklären lassen

Kommen zu einer anhaltenden, ungeklärten Verfärbung des Urins Schmerzen beim Wasserlassen, Fieber, Nierenschmerzen oder sichtbare Blutbeimengungen hinzu, sollte dies ärztlich abgeklärt werden. Solche Beschwerden sprechen dagegen, die Verfärbung vorschnell einem rezeptfreien Präparat zuzuschreiben.



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