Pflanzlich ist nicht gleich harmlos


Sanja Agatic

Symbolbild:Kräuter, getrocknete Pflanzen und eine Tasse Tee auf hellem Holztisch.
Pflanzliche Zubereitungen gelten oft als sanft, doch ihre Wirkung wird im Alltag häufig unterschätzt.Foto:stock.adobe.com/ricka_kinamoto

„Das ist ja nur ein Tee“. Ein Satz, der im Apothekenalltag ständig fällt. Aber pflanzliche Zubereitungen werden häufig unterschätzt. Sie gelten als mild, verträglich, „natürlich“. Was dabei vergessen wird: Alles ist Chemie. Auch Teedrogen enthalten pharmakologisch aktive Substanzen und diese haben oft mehr Nebenwirkungen als gedacht .

Pflanzliche Arzneimittel genießen oft einen Vertrauensvorschuss. Sie gelten als mild, gut verträglich und „natürlich. Genau das führt jedoch dazu, dass Risiken unterschätzt werden. Denn auch Teedrogen und pflanzliche Extrakte greifen aktiv in den Organismus ein, mit entsprechenden Wirkungen, aber auch möglichen unerwünschten Effekten. Ein genauer Blick lohnt sich daher besonders dann, wenn pflanzliche Präparate begleitend zu anderen Therapien eingesetzt werden. Die Spannweite pflanzlicher Wirkstoffe ist größer, als oft angenommen. Zwischen mild wirksamen Teedrogen und hochpotenten Arzneistoffen liegen Welten. Eine klare Einteilung macht diese Unterschiede sichtbar.

Hochpotente und potenziell gefährliche Pflanzenstoffe

Diese Wirkstoffe zählen zu den pharmakologisch stärksten pflanzlichen Substanzen. Bereits geringe Abweichungen in der Dosierung können zu schweren Nebenwirkungen führen.

Roter Fingerhut (Digitalis purpurea) und Wollige Fingerhut (Digitalis lanata)

Beide Digitalis Arten enthalten herzwiksame Glykoside und zählen zu den pharmakologisch stärksten pflanzlichen Wirkstoffen. Aufgrund ihrer sehr engen therapeutischen Breite kann bereits eine geringe Überdosierung zu schweren Vergiftungen führen. Eine Anwendung außerhalb standardisierter Arzneimittel ist daher nicht geeignet, da folgende Nebenwirkungen auftreten können:

  • Herzrhythmusstörungen
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Sehstörungen
  • Schwindel und Verwirrtheit

Tollkirsche (Atropa Belladonna)

Die Tollkirsche gehört zu den giftigsten heimischen Plfanzen. Sie enthält Alkaloide wie Atropin, die stark auf das zentrale Nervensystem und das Herz-Kreislauf-System wirken. Eine Anwendung außerhalb kontrollierter Arzneimittel ist mit erheblichen Risiken verbunden. Auch folgende Nebenwirkungen können auftreten:

  • Mundtrockenheit und Sehstörungen
  • Tachykardie
  • Unruhe und Halluzinationen
  • Vergiftungserscheinungen bis hin zu lebensbedrohlichen Zuständen

Pflanzliche Wirkstoffe mit Risiko bei falscher Anwendung

Auch weniger stark toxische Pflanzen sind nicht risikofrei. Nebenwirkungen, Wechselwirkungen oder falsche Anwendung können den Nutzen deutlich übersteigen.

Aloe (Aloe barbadensis)

Aloe wird vor allem als stark wirksames pflanzliches Laxans eingesetzt. Die enthaltenen Anthranoide fördern die Darmtätigkeit, können bei längerer oder unsachgemäßer Anwendung jedoch zu Problemen führen. Besonders kritisch sind Elektrolytverluste und Gewöhnungseffekte. Weitere Nebenwirkungen sind:

  • Bauchkrämpfe und Durchfall
  • Elektrolytverluste vor allem Kalium
  • Gewöhnungseffekte bei längerer Anwendung
  • Wechselwirkungen mit Diuretika oder Herzmedikamenten

Herzgespannkraut (Herba Leonuri cardiacae)

Herzgespannkraut wird traditionell bei nervösen Herzbeschwerden eingesetzt. Die enthaltenen Iridoidglykoside und Flavonoide wirken beruhigend auf das vegetative Nervensystem und können das Herzempfinden dämpfen. Das klingt zunächst harmlos, wird aber problematisch, wenn Patient:innen bereits kardiovaskuläre wirksame Arzneimittel einnehmen oder Symptome fälschlicherweise als „nervös“ eingeordnet werden. Denn ein Tee ersetzt keine Abklärung bei tatsächlichen Herzproblemen. Zusätzlich ist Herzgespann in der Schwangerschaft kontraindiziert, da ein uterotoner Effekt nicht ausgeschlossen werden kann. Herzgespannkraut ist nicht frei von Risiken und mögliche Nebenwirkungen sind:

  • Magen-Darm-Beschwerden
  • allergische Reaktionen
  • verstärkte Sedierung

Erdrauchkraut (Herba Fumariae)

Auch Erdrauchkraut, häufig als „Leber- oder Gallentee“ bekannt, wird oft unkritisch verwendet. Dabei enthalten Erdrauchpräparate Isochinolin-Alkaloide wie Protopin, die spasmolytisch wirken, aber auch Einfluss auf das zentrale Nervensystem haben können. Bei bestehenden Gallenwegserkrankungen oder einem Verschluss kann die Einnahme sogar kontraindiziert sein. Was als Verdauungshilfe gedacht ist, kann somit Beschwerden verstärken oder verschleiern. Erdrauchkraut birgt potenzielle Risiken. Zu den möglichen Nebenwirkungen zählen:

  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Müdigkeit oder zentrale Effekte
  • Verschlechterung bestehender Gallenwegbeschwerden
  • höhere Dosierungen können giftig wirken und zum Tod führen

Damiana (Folium Daminae)

Verzerrt ist die Wahrnehmung auch häufig bei Damiana. Die Pflanze wird als natürliches Aphrodisiakum vermarktet und häufig mit „sanfter Wirkung“ beworben. Tatsächlich greifen die Inhaltsstoffe aber in das zentrale Nervensystem ein und können stimulierend wirken. Gerade in Kombination mit Psychopharmaka oder bei bestehenden neurologischen Beschwerden ist Vorsicht geboten. Zudem gibt es Hinweise auf eine Beeinflussung des Blutzuckers, ein Aspekt der bei Patient:innen mit Diabetes keinesfalls ignoriert werden darf. Bei der Anwendung von Damiana können folgende Nebenwirkungen auftreten:

  • Unruhe oder Nervosität
  • Schlafstörungen
  • Kopfschmerzen
  • mögliche Wechselwirkungen mit Psychopharmaka
  • Beeinflussung des Blutzuckers

Heidelbeerblätter (Folium Myrtilli)

Ein oft übersehener Klassiker sind Heidelbeerblätter. Während die Früchte gut etabliert sind, sieht es bei den Blättern anders aus. Sie enthalten hohe Mengen an Gerbstoffen, die adstringierend wirken, aber gleichzeitig die Aufnahme anderer Wirkstoffe im Darm beeinträchtigen können. Das bedeutet konkret: Parallel eingenommene Medikamente können in ihrer Wirkung abgeschwächt werden. Zudem ist eine längerfristige Anwendung aufgrund möglicher Magen-Darm-Reizungen nicht sinnvoll. Die Anwendung von Heidelbeerblättern kann mit folgenden Nebenwirkungen verbunden sein:

  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Reizungen der Magenschleimhaut bei längerer Anwendung
  • verminderte Aufnahme andere Wirkstoffe im Darm

Aloe (Aloe barbadensis)

Aloe wird vor allem als stark wirksames pflanzliches Laxans eingesetzt. Die enthaltenen Anthranoide fördern die Darmtätigkeit, können bei längerer oder unsachgemäßer Anwendung jedoch zu Problemen führen. Besonders kritisch sind Elektrolytverluste und Gewöhnungseffekte. Weitere Nebenwirkungen sind:

  • Bauchkrämpfe und Durchfall
  • Elektrolytverluste vor allem Kalium
  • Gewöhnungseffekte bei längerer Anwendung
  • Wechselwirkungen mit Diuretika oder Herzmedikamenten

Kleines Immergrün (Vinca minor)

Kleines Immergrün enthält Alkaloide, die auf das zentrale Nervensystem wirken können. Die therapeutische Anwendung ist begrenzt und sollte nicht unkritisch erfolgen. Die Anwendung kann mit folgenden Nebenwirkungen verbunden sein:

  • Blutdruckabfall
  • Schwindel
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • mögliche Wechselwirkungen mit anderen zentral wirksamen Arzneimitteln

Wo liegt das Problem?

Das Problem liegt nicht in der Pflanze selbst, sondern im Umgang mit ihr. Viele der genannten Wirkstoffe sind längst keine „harmlosen Teedrogen“ mehr, sondern hochwirksame, teils giftige Arzneistoffe. Gerade diese Einordnung fehlt jedoch oft: „Pflanzlich“ wird noch häufig mit „mild“ gleichgesetzt. Die oben genannten Beispiele zeigen, dass sehr wohl ein Risiko vorhanden sein kann. Entscheidend ist daher die richtige Anwendung, denn pflanzliche Wirkstoffe erfordern dieselbe Sorgfalt wie synthetische Arzneimittel, bei Dosierung, Indikation und Beratung.



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