Schwangerschaftsübelkeit: Welche Wirkstoffe sind geeignet?


Viktoria Anderle

Symbolbild: Eine Schwangere sitzt mit Übelkeit vor ihrem Essen.
Frauen, die bereits an Schwangerschaftsübelkeit gelitten haben, können auch bei einer weiteren Schwangerschaft betroffen sein. Die Wahrscheinlichkeit dafür schwankt zwischen 15 und 81 Prozent.Africa Studio/AdobeStock_501296338

Übelkeit und Erbrechen gehören zu den häufigsten Beschwerden in der Schwangerschaft. Während die Symptome bei vielen Frauen nach einigen Wochen nachlassen, können sie bei anderen den Alltag erheblich beeinträchtigen. Doch welche Wirkstoffe kommen für eine Behandlung infrage?

Rund 70 Prozent der Schwangeren sind von Übelkeit und Erbrechen betroffen. Die Beschwerden beginnen meist zwischen der 4. und 7. Schwangerschaftswoche und können unabhängig von der Tageszeit auftreten. Der häufig verwendete Begriff „Morgenübelkeit“ ist daher irreführend. Laut dem Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum Embryotox verschwinden die Symptome bei etwa 60 Prozent der Betroffenen bis zum Ende des ersten Trimenons, bei rund 90 Prozent bis zur 20. Schwangerschaftswoche.

Die Ursachen der Schwangerschaftsübelkeit sind noch nicht vollständig geklärt. Eine wesentliche Rolle dürfte das Hormon Growth Differentiation Factor 15 (GDF15) spielen, das während der Schwangerschaft überwiegend von der fetoplazentaren Einheit gebildet wird. Es wirkt auf bestimmte Bereiche des Hirnstamms, die unter anderem an der Regulation von Übelkeit und Erbrechen beteiligt sind. Studien deuten darauf hin, dass sowohl die Konzentration des Hormons als auch die individuelle Empfindlichkeit der Mutter dessen Wirkung beeinflussen.

Wann wird Schwangerschaftsübelkeit gefährlich?

In etwa 1 Prozent der Schwangerschaften entwickeln sich besonders schwere Beschwerden, die als Hyperemesis gravidarum bezeichnet werden. Betroffene leiden unter anhaltender Übelkeit und starkem Erbrechen, wodurch eine ausreichende Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme kaum noch möglich ist. Häufig kommen Dehydratation, Elektrolytverschiebungen und ein Gewichtsverlust von mehr als 5 Prozent des ursprünglichen Körpergewichts hinzu.

Studien deuten zudem darauf hin, dass eine Hyperemesis gravidarum mit einem erhöhten Risiko für ein niedriges Geburtsgewicht von weniger als 2500 g verbunden sein könnte. Die Ergebnisse zum Fehl- und Frühgeburtsrisiko sind hingegen widersprüchlich.

Welche Maßnahmen helfen bei leichter Übelkeit?

Zu Beginn der Behandlung stehen nichtmedikamentöse Maßnahmen im Vordergrund. Dazu gehört insbesondere, mögliche Auslöser wie intensive Gerüche, fettreiche oder stark gewürzte Speisen zu vermeiden. Auch die Einnahme oraler Eisenpräparate kann die Beschwerden verstärken und sollte gegebenenfalls ärztlich überprüft werden.

Empfohlen werden mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt, vorzugsweise mit einem höheren Anteil an Kohlenhydraten und Proteinen. Zusätzlich sollte auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet werden.

Bei leichter Übelkeit können auch Ingwer, Vitamin B6 (Pyridoxin) sowie Akupunktur oder Akupressur unterstützend eingesetzt werden. Diese Maßnahmen können die Übelkeit lindern. Eine eindeutige Wirksamkeit gegen das Erbrechen selbst konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.

Mittel der ersten Wahl

Reichen allgemeine Maßnahmen nicht aus, sieht eine erste medikamentöse Therapie die Kombination aus dem H1-Antihistaminikum Doxylamin und Vitamin B6 vor. Beide Wirkstoffe werden seit Jahrzehnten zur Behandlung von Schwangerschaftsübelkeit eingesetzt. Umfangreiche Erfahrungen sprechen gegen eine Erhöhung des allgemeinen Fehlbildungsrisikos. In Österreich stehen dafür zwei Arzneimittel zur Verfügung.

Als mögliche Alternative nennt Embryotox das Antihistaminikum Meclozin, das ebenfalls zu den Mitteln der Wahl zählt. In Österreich ist, wie auch in Deutschland, keine Arzneispezialität mit dem Wirkstoff erhältlich.

Auch Dimenhydrinat kann bei Schwangerschaftsübelkeit angewendet werden. Der Wirkstoff ist in Österreich in mehreren Präparaten enthalten. Im Vergleich zu Doxylamin und Pyridoxin liegen allerdings weniger spezifische Wirksamkeitsstudien zur Schwangerschaftsübelkeit vor. Bei vorzeitiger Wehentätigkeit sollte Dimenhydrinat möglichst vermieden werden.

Allen genannten H1-Antihistaminika ist gemeinsam, dass sie in unterschiedlichem Ausmaß Müdigkeit verursachen können.

Therapieoptionen bei schweren Beschwerden

Bleibt die Erstlinientherapie ohne ausreichenden Erfolg, können weitere Antiemetika eingesetzt werden. Dazu zählt Metoclopramid, ein Dopaminrezeptor-Antagonist, für den umfangreiche Erfahrungen zur Anwendung während der Schwangerschaft vorliegen. Aufgrund möglicher extrapyramidaler Nebenwirkungen wie unwillkürlicher Bewegungsstörungen gehört der Wirkstoff allerdings nicht zur ersten Wahl. Die Anwendung sollte auf höchstens fünf Tage begrenzt werden.

Eine weitere Möglichkeit stellt Ondansetron dar. Der Serotonin-5-HT3-Rezeptor-Antagonist gilt als wirksames Antiemetikum und kann insbesondere bei ausgeprägten Beschwerden eine therapeutische Option darstellen. Allerdings bestehen Sicherheitsbedenken hinsichtlich einer Anwendung in der Frühschwangerschaft. Epidemiologische Untersuchungen weisen auf ein geringfügig erhöhtes Risiko für Gaumenspalten hin.

Als weitere Behandlungsoption nennt Embryotox Promethazin, das zur Gruppe der Phenothiazine gehört. In Österreich ist jedoch keine Arzneispezialität mit dem Wirkstoff verfügbar. Aufgrund seiner stärker sedierenden Wirkung kommt es insbesondere dann infrage, wenn andere Antiemetika nicht ausreichend helfen. Bei schwerem Schwangerschaftserbrechen kann es auch mit weiteren Wirkstoffen kombiniert werden.

Hyperemesis gravidarum

Bei einer ausgeprägten Hyperemesis gravidarum reicht eine alleinige Behandlung mit H1-Antihistaminika häufig nicht aus. Neben einer individuell angepassten antiemetischen Therapie kann eine intravenöse Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution erforderlich sein.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Vitamin B1 (Thiamin). Bereits nach etwa einer Woche mit starkem Erbrechen und unzureichender Nahrungsaufnahme kann ein Mangel entstehen. Dieser kann unter anderem zu Muskelschwäche und Tachykardie führen. Bei schwerer Hyperemesis muss deshalb frühzeitig an eine Thiaminsubstitution gedacht werden, insbesondere vor einer intravenösen Glukosegabe, um neurologische Komplikationen zu verhindern.

Sprechen die Beschwerden auf die üblichen Behandlungsmaßnahmen nicht an, können in ausgewählten schweren Fällen auch Glukokortikoide wie Prednisolon, Methylprednisolon oder Hydrocortison erwogen werden. Diese sind jedoch keine Erstlinientherapie und erfordern eine sorgfältige ärztliche Abwägung.

Entscheidend ist laut Embryotox, Schwangerschaftsübelkeit frühzeitig und individuell zu behandeln. Insbesondere bei Frauen, die bereits in einer früheren Schwangerschaft unter schweren Beschwerden gelitten haben, sollte eine antiemetische Therapie rechtzeitig eingeleitet werden. So lassen sich möglicherweise Komplikationen und eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität vermeiden.



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