Kreatin ist längst kein Nischenprodukt mehr, sondern fixer Bestandteil vieler Fitnessroutinen. In Kombination mit Training soll es den Muskelaufbau beschleunigen und die Maximalkraft steigern. Wie ein Fallbericht eines jungen Mannes zeigt, kann die Einnahme auch unerwartete Folgen haben: Kreatin verfälscht mitunter den Laborwert Kreatinin und täuscht eine eingeschränkte Nierenfunktion vor. Der Nierenmarker Cystatin C kann hier Klarheit schaffen.
Kreatin ist eine körpereigene Kohlenstoff-Stickstoff-Verbindung, die vor allem im Energiestoffwechsel der Skelettmuskulatur eine zentrale Rolle spielt. Es wird primär in Leber und Niere synthetisiert. Täglich entstehen etwa 1 bis 2 g durch körpereigene Produktion.
Im Körper sind insgesamt etwa 120 bis 150 g Kreatin gespeichert, überwiegend in der Muskulatur. 1 bis 2 Prozent davon werden täglich als Kreatinin ausgeschieden. Kreatin ist zudem natürlicherweise in Fleisch und Fisch enthalten. Da der Körper Kreatin selbst bilden kann, ist eine zusätzliche Zufuhr aus physiologischer Sicht nicht notwendig.
Supplement zum Muskelaufbau
Im Sportbereich wird Kreatin zur Leistungssteigerung und Förderung des Muskelwachstums eingesetzt. Laut Verbraucherzentrale ist Kreatin nur in speziellen Fällen sinnvoll und keineswegs für jede Person notwendig. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sieht bei einer täglichen Zufuhr von bis zu 3 g keine Sicherheitsbedenken.
Die Plattform Medizin Transparent berichtet, dass bei gesunden Personen keine konsistenten Daten vorliegen, die eine Nierenschädigung durch übliche Supplementierung bestätigen. Kurzfristige Dosierungen bis zu 20 g pro Tag und langfristige Einnahmen von 3 bis 5 g pro Tag zeigten in Studien bei Gesunden keine eindeutigen Schäden. Dennoch können Nebenwirkungen wie Muskelkrämpfe oder Verdauungsbeschwerden auftreten.
Wichtig ist jedoch: Auch wenn keine direkte Nephrotoxizität belegt ist, kann Kreatin labordiagnostisch problematisch werden.
Kreatinin und die Nierenfunktion
Traditionell wird die Nierenfunktion über das Serumkreatinin bestimmt. Kreatinin wird seit 1926 als endogener Filtrationsmarker verwendet und gilt als einfach und kostengünstig bestimmbar. Mit Hilfe des Serumkreatinins kann die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) berechnet werden.
Problematisch ist jedoch, dass der Kreatininwert von Muskelmasse, Ernährung und manchen Supplementen beeinflusst wird. So können eine erhöhte Muskelmasse, Fleischkonsum oder Kreatin-Supplemente den Kreatininwert erhöhen, damit eine reduzierte eGFR vortäuschen, ohne dass tatsächlich eine eingeschränkte Nierenfunktion vorliegt.
Auch Taurin aus Energy-Drinks und Beta-Lactam-Antibiotika können zu falsch erhöhten Kreatinin-Werten führen.
Can’t You Cystatin C? Ein Fallbericht
Ein eindrucksvolles Beispiel liefert der Fallbericht „My Kidney Is Fine, Can’t You Cystatin C?“ aus dem Jahr 2024. Ein muskulöser 35-jähriger Patient mit Kreatin-Supplementierung zeigte dauerhaft erhöhte Kreatininwerte und wurde als chronisch nierenkrank eingestuft. Aufgrund seiner vermeintlich schlechten Nierenwerte wurde sogar eine Anpassung seiner HIV-Therapie in Erwägung gezogen, da diese ein nephrotoxisches Potenzial hatte. Erst die Bestimmung von Cystatin C zeigte eine normale Nierenfunktion. Die vermeintliche chronische Niereninsuffizienz stellte sich als Fehldiagnose heraus.
Im Zweifelsfall Cystatin C
Cystatin C ist ein kleinmolekulares Protein, das von allen kernhaltigen Zellen in konstanter Menge produziert wird. Es ist unabhängig von Muskelmasse, Ernährung oder Kreatinsupplementen und wird ausschließlich glomerulär filtriert. Bei einer akuten Nierenschädigung steigt Cystatin C im Blut schneller (innerhalb von Stunden) als Kreatinin, da es bei reduzierter GFR nicht mehr ausreichend filtriert werden kann.
Laut der S2k-Leitlinie „Rationelle Labordiagnostik zur Abklärung akuter Nierenschädigungen und progredienter Nierenerkrankungen“ wird empfohlen, eine Cystatin-C-basierte eGFR dann einzusetzen, wenn die auf Kreatinin basierende eGFR klinisch nicht eindeutig zu bewerten ist. Weiter heißt es in der Leitlinie, dass die Cystatin-C-basierte eGFR zur Erfassung der Nierenfunktion bei sehr muskulösen Personen, bei Sarkopenie sowie bei Kindern bestimmt werden sollte.
Eine Glukokortikoid-Therapie erhöht Cystatin C im Serum, wodurch die eGFR auf Basis von Cystatin C zu niedrig ausfällt
Cystatin C deckt zudem den sogenannten kreatininblinden Bereich ab, also jenen GFR-Bereich zwischen 60 und 90 ml/min/1,73m2, in dem Kreatininwerte noch normal erscheinen können, obwohl bereits eine Einschränkung vorliegt. Der Nachteil: Cystatin C ist derzeit kein Kassenparameter und wird deshalb vergleichsweise selten bestimmt.
Für wen ist das besonders relevant?
Besondere Aufmerksamkeit ist geboten bei:
- Kraftsportlern und Bodybuildern (Personen mit hoher Muskelmasse)
- Menschen mit Kreatin-Supplementierung
Erhöhte Kreatininwerte müssen daher immer im Kontext mit den Lebensumständen der Patienten betrachtet werden.
In diesen Fällen kann eine alleinige Bewertung der Nierenfunktion anhand des Serumkreatinins irreführend sein.
Fazit
Kreatin ist kein per se gefährliches Supplement. Bei gesunden Personen sind unter üblichen Dosierungen keine konsistenten Hinweise auf Nierenschäden belegt. Problematisch kann jedoch die Interpretation der Nierenwerte sein. Für die Praxis heißt das: Nicht jeder erhöhte Kreatininwert bedeutet eine Nierenerkrankung. Manchmal ist es nur ein Supplement.
