Tropfen oder Milliliter?


Sanja Agatic

Symbolbild: Nahaufnahme von einer Tropfflasche.
Die Tropfengröße ist nicht genormt. Je nach Präparat können Volumen und Wirkstoffmenge pro Tropfen unterschiedlich ausfallen. Foto:stock.adobe.com/Martin_P

20 Tropfen entsprechen einem Milliliter, diese Faustregel ist weitgehend bekannt. Für Arzneimittel ist sie jedoch nicht immer zuverlässig. Je nach Präparat kann ein Tropfen unterschiedlich schwer sein, weshalb die Art der Dosierung entscheidend für die richtige Wirkstoffmenge ist.

Auf den ersten Blick wirkt ein Tropfen wie eine eindeutige Maßeinheit. Seine Größe hängt jedoch von mehreren Faktoren ab. Neben der Konstruktion des Tropfens spielen auch die Viskosität der Flüssigkeit, ihre Oberflächenspannung sowie die Haltung der Flasche eine Rolle. Wird die Flasche Schräg statt senkrecht gehalten, kann sich die Tropfengröße verändern. Deshalb gilt: Ein Tropfen ist keine standarisierte Volumeneinheit. Die häufig zitierte Faustregel „20 Tropfen entsprechen einem Milliliter“ trifft auf Wasser zu, lässt sich aber nicht immer auf Arzneimittel allgemein übertragen.

Entscheidend ist die Dosierungsangabe

Für die Anwendung ist deshalb nicht die Tropfengröße entscheidend, sondern die Dosierung, die der Hersteller vorgibt. Ist die Dosis in Tropfen angegeben, sollte sie auch in Tropfen verabreicht werden. Der Tropfeinsatz wurde zusammen mit dem Arzneimittel geprüft und die Dosierungsangaben beziehen sich genau auf dieses System. Anders verhält es sich bei Arzneimitteln, deren Dosierung in Millilitern angegeben ist. Hier liefern Dosierspritzen oder Messbecher deutlich genauere Ergebnisse als das Umrechnen in Tropfen. Gerade bei Kindern kann diese Unterscheidung wichtig sein. Bereits kleine Abweichungen können, insbesondere bei hoch dosierten Wirkstoffen oder geringen Dosiermenge, zu einer Über- oder Unterdosierung führen.

Ein Tropfen ist keine feste Maßeinheit

Wie groß die Unterschiede sein können, zeigt die Tropfentabelle im Österreichisches Arzneibuch (ÖAB). Hier ist für verschiedene Flüssigkeiten angegeben, wieviele Tropfen ungefähr einem Gramm entsprechen und welches Gewicht ein einzelner Tropfen besitzt.

Beispielsweise entsprechen Glycerol 85 Prozent einem Gramm etwa 24 Tropfen, ein einzelner Tropfen wiegt rund 0,042 Gramm. Beim Eukalyptusöl sind dagegen etwa 54 Tropfen für ein Gramm erforderlich, bei einem Tropfengewicht von rund 0,019 Gramm. Die Kamillentinktur liegt bei etwa 57 Tropfen pro Gramm beziehungsweise 0,018 Gramm je Tropfen.

Damit wiegt ein Tropfen Gylcerol 85 Prozent mehr als doppelt so viel wie ein Tropfen der Kamillentinktur. Verantwortlich dafür sind unter anderem Unterschiede in Dichte, Viskosität und Oberflächenspannung. Sie beeinflussen, wie sich ein Tropfen bildet und wann er sich ablöst. Je nach Flüssigkeit können bereits 24 Tropfen, aber auch 57 Tropfen ungefähr einem Gramm entsprechen. Deswegen muss für die jeweilige Flüssigkeit der angegebene Tropfenwert berücksichtigt werden.

Dosierspritzen oder Messlöffeln?

Mehre Studien zeigen, dass Dosierfehler bei flüssigen Arzneimitteln häufig vorkommen. Eine Übersichtsarbeit von Yin, Kolleginnen und Kollegen, veröffentlicht 2018 in Pediatrics, zeigte, dass Dosierspritzen im Vergleich zu Messlöffeln oder Haushaltslöffeln die Dosiergenauigkeit verbessern und das Risiko von Anwendungsfehlern verringern. Auch die European Medicines Agency (EMA) empfiehlt, für flüssige Arzneimittel geeignete Dosierhilfen wie Dosierspritzen oder Messbecher zu verwenden und die Dosierung möglichst nicht mit Haushaltsbesteck vorzunehmen.

Ein weiterer Punkt wird häufig unterschätzt: Der Tropfeinsatz ist Teil des zugelassenen Arzneimittels. Wird eine Flüssigkeit in eine andere Flasche umgefüllt oder ein anderer Tropfer verwendet, kann sich die Tropfengröße verändern. Dadurch stimmt die abgegebene Wirkstoffmenge möglicherweise nicht mehr mit den Angaben in der Packungsbeilage überein. Aus diesem Grund sollten Arzneimittel grundsätzlich in ihrer Originalverpackung verwendet und der mitgelieferte Tropfer nicht ausgetauscht werden.

Sonderfall: Hübe sind keine Tropfen

Besondere Aufmerksamkeit erfordern Arzneimittel, die nicht in Tropfen, sondern in Hüben dosiert werden. Ein bekanntes Beispiel sind Tramal-Tropfen (Tramadolhydrochlorid) mit Dosierpumpe. Hier entspricht laut Packungsbeilage ein Hub fünf Tropfen und das entspricht einer Tramadolmenge von 12,5 mg. Wer die Angaben verwechselt oder fälschlicherweise davon ausgeht, dass ein Hub einem Tropfen entspricht, nimmt deutlich weniger oder mehr Wirkstoff ein als vorgesehen. Gerade bei Tramadol kann eine fehlerhafte Dosierung schwerwiegende Folgen haben. Eine Unterdosierung kann die Schmerzlinderung beeinträchtigen, während eine Überdosierung das Risiko für Nebenwirkungen wie Schwindel, Übelkeit, Benommenheit oder Atemdepression erhöht. Bei speziellen Dosiersystemen ist immer die jeweilige Gebrauchsinformation maßgeblich. Tropfen oder Hübe dürfen nicht miteinander verwechselt werden.

Häufige Fehler im Alltag

Besonders häufig kommt es zu Dosierfehlern, wenn:

  • Tropfen in einen Messbecher gemessen werden sollen
  • Haushaltslöffel statt Dosierspritzen verwendet werden
  • die Tropfflasche schräg gehalten wird
  • der Tropfer gegen einen anderen ausgetauscht wird


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