Unverdaute Tablette? Was hinter „Ghost Tablets“ steckt


Sanja Agatic

Symbolbild: Eine Miniaturtoilette neben mehreren Tabletten.
Was wie eine unverdaute ausgeschiedene Tablette aussieht, kann bei bestimmten Retardpräparaten lediglich die leere Hülle sein, der Wirkstoff wurde zuvor bereits freigesetzt. Foto:stock.adobe.com/mizar_21984

Eine scheinbar unverdaut ausgeschiedene Tablette sorgt schnell für Verunsicherung. Bei bestimmten Retardpräparaten ist genau das jedoch Teil des Arzneiform-Prinzips: Der Wirkstoff wurde bereits freigesetzt, zurück bleibt nur die leere Hülle oder Matrix. Solche Überreste werden als „Ghost Tablets“ bezeichnet.

Wer im Stuhl eine Tablette entdeckt, denkt zunächst an eine fehlende Wirkung. Bei einzelnen Arzneiformen ist dieser Schluss jedoch falsch. Vor allem bei Retard- und osmotischen Freisetzungssystemen kann die äußere Struktur des Präparats den Magen-Darm-Trakt nahezu unverändert passieren, während der Wirkstoff bereits abgegeben und aufgenommen wurde. In der Toilette bleibt dann ein Gebilde zurück, das dem ursprünglichen Arzneimittel erstaunlich ähnlich sehen kann.  

Concerta: Wirkstoff raus, Hülle bleibt

Ein gut dokumentiertes Beispiel ist Concerta mit Methylphenidat, das zur Behandlung einer ADHS eingesetzt wird. Die Retardtablette arbeitet mit einem osmotischen Freisetzungsystem. Flüssigkeit dringt in die Tablette ein, baut im Inneren Druck auf und sorgt dafür, dass Methylphenidat nach und nach durch eine kleine Öffnung abgegeben wird.

Die äußere Hülle selbst wird nicht aufgenommen. In der Fachinformation wird deshalb ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Patientinnen und Patienten gelegentlich etwas Tablettenähnliches im Stuhl finden können. Das Präparat soll trotzdem weder zerkaut noch geteilt oder zerdrückt werden, weil dadurch das vorgesehene Freisetzungsprinzip gestört würde.

Auch Invega kann sichtbar ausgeschieden werden

Dasselbe Prinzip findet sich bei Invega mit Paliperidon, einem Antipsychotikum. Der Wirkstoff befindet sich in einer nicht resorbierbaren Hülle und wird kontrolliert freigesetzt. Danach werden Hülle und unlösliche Bestandteile ausgeschieden.

Auch hier nennt die Fachinformation das Phänomen ausdrücklich: Ein tablettenähnlicher Rest im Stuhl ist nicht automatisch ein Hinweis darauf, dass die Dosis wirkungslos geblieben ist. Invega darf ebenfalls nicht geteilt, zerkaut oder zerdrückt werden.

Kaliumtabletten als Ghost

Wie überzeugend ein Ghost Tablet aussehen kann, zeigt ein publizierter Fall aus Japan. Eine 29-jährige Patientin entdeckte nach der Einnahme eines retardierten Kaliumchloridpräparats einen tablettenähnlichen Körper im Stuhl. Die Forschenden untersuchten den Rest anschließend analytisch.

In der ursprünglichen Tablette waren Kalium und Chlorid deutlich nachweisbar. Im ausgeschiedenen Überrest fanden sich diese Bestandteile dagegen nicht mehr. Übrig geblieben war im Wesentlichen die Trägerstruktur der Retardtablette, der Wirkstoff war bereits freigesetzt.

Nicht jede Retardtablette wird zum „Ghost“

Der Begriff darf allerdings nicht auf alle Retardpräparate übertragen werden. Die technische Konstruktion unterscheidet sich von Produkt zu Produkt. Manche Tabletten zerfallen vollständig, andere erhalten unlösliche Matrizes oder Hüllen, die den Darm passieren können.

Zu den Wirkstoffen, bei denen solche Überreste beschrieben wurden, zählen neben Kalimchlorid unter anderem bestimmte Retardformulierungen von Bupropion, Metoprolol oder Oxycodon. Entscheidend ist aber immer die konkrete Arzneiform, nicht allein der Wirkstoffname oder der Zusatz „retard“.

Keine zusätzliche Tablette nachnehmen

Für die Beratung ist vor allem eines wichtig: Wer einen vermeintlich vollständigen Tablettenrest im Stuhl sieht, sollte nicht vorsorglich eine weitere Dosis einnehmen. Ist es tatsächlich nur die leere Hülle eines Retardpräparats, wurde der Wirkstoff bereits abgegeben. Eine zusätzliche Einnahme könnte damit zu einer zu hohen Dosis führen.

Ein Blick in die Gebrauchsinformation oder eine Nachfrage in der Apotheke kann meist schnell klären, ob das Arzneimittel für dieses Phänomen bekannt ist. Auffällig wird die Situation dagegen, wenn die Wirkung plötzlich ausbleibt, wiederholt ungewöhnlich viele unveränderte Tabletten ausgeschieden werden oder gleichzeitig starker Durchfall beziehungsweise eine deutlich beschleunigte Darmpassage besteht.

Besonderheit bei Verengungen im Magen-Darm-Trakt

Bei nicht verformbaren Retardtabletten gibt es noch einen weiteren Punkt. Für Concerta wird in der Fachinformation davor gewarnt, das Präparat bei ausgeprägten Verengungen des Magen-Darm-Trakts oder erheblichen Schluckproblemen unkritisch einzusetzen. Solche Arzneiformen verändern ihre Form während der Passage kaum und können bei bestehenden Engstellen in seltenen Fällen Probleme verursachen.



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