Das von der Bundesregierung angekündigte Impfen in Apotheken soll einen zusätzlichen Zugang zu Schutzimpfungen schaffen. Bei einer Podiumsdiskussion des Österreichischen Apothekerverbands standen die sinkende Impfbereitschaft, die Entlastung des Gesundheitssystems und das offene Vergütungsmodell im Mittelpunkt. Der Tenor: Apotheken sollen ärztliche Impfangebote ergänzen, nicht ersetzen. Verbandspräsident Veitschegger verwies auf die Erfahrungen anderer Länder beim Impfen in Apotheken: „Wir sind keine Vorreiter. Im Gegenteil, wir hinken hinterher.“
Unter dem Titel „Impfen in der Apotheke: Rezept gegen Österreichs Impfmüdigkeit?“ lud der Österreichische Apothekerverband zu einer Podiumsdiskussion in die MQ Libelle in Wien. Unter der Leitung von Köksal Baltaci, Gesundheitsredakteur der Tageszeitung „Die Presse“, diskutierten Mag. pharm. Thomas Veitschegger, Präsident des Österreichischen Apothekerverbands, Peter McDonald, Vorsitzender des Dachverbands der Sozialversicherungsträger, Ilaria Passarani, Generalsekretärin der Pharmaceutical Group of the European Union (PGEU), sowie Dr. Michaela Wlattnig, Sprecherin der österreichischen Patienten- und Pflegeanwaltschaften.
Da die angekündigte Teilnahme von Sozialministerin Korinna Schumann abgesagt wurde, blieben Fragen an das Gesundheitsministerium – insbesondere zum zeitlichen Ablauf und zu den nächsten Umsetzungsschritten, – an diesem Abend offen.
Zwischen Bequemlichkeit und fehlendem Wissen
Zu Beginn stellte Baltaci die zentrale Frage des Abends: „Warum sind Menschen in Österreich impfmüde und können Apotheken einen Beitrag leisten, um die Impfbereitschaft wieder zu erhöhen?“
Veitschegger sieht einen möglichen Grund in der fehlenden einfachen Zugänglichkeit. „Die Menschen sind bestimmt auch zu einem Teil aus Bequemlichkeit impfmüde. Ich denke, sie wollen sich nicht lange im Voraus für einen Termin beim Arzt anmelden und anschließend auch noch Wartezeiten in der Ordination in Kauf nehmen“, erklärte er. Apotheken könnten hier mit langen Öffnungszeiten und ihrer flächendeckenden Verteilung in Österreich einen zusätzlichen Zugang bieten.
Wlattnig stimmte dem teilweise zu, verwies aber auch auf Wissenslücken bei der Gesundheitsprävention. Zudem gebe es in Österreich bei vielen Menschen Ängste vor möglichen Nebenwirkungen von Impfungen. Neben einem leicht erreichbaren Angebot brauche es daher verständliche Information und Vertrauen.
Auch McDonald sieht im Impfen in Apotheken einen wichtigen Beitrag zur Prävention. Die Sozialversicherung müsse das Gesundheitssystem aus einer Gesamtperspektive betrachten. Getreu dem Grundsatz „Vorsorge ist besser als Heilen“ könnten zusätzliche Impfangebote dazu beitragen, die Durchimpfungsraten zu erhöhen und gleichzeitig ärztliche Ordinationen zu entlasten.
„In Wirklichkeit hinken wir hinterher“
Von einer österreichischen Vorreiterrolle könne beim Impfen in Apotheken allerdings keine Rede sein, betonte Veitschegger. „Wir sind keine Vorreiter. Im Gegenteil, wir hinken hinterher.“ Österreich warte bei gesundheitspolitischen Neuerungen häufig ab und beobachte zunächst die Erfahrungen anderer Länder. Für Veitschegger ist klar: „Wir brauchen konkrete Vorgaben und warten nur noch darauf.“
Passarani brachte dazu Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern ein: „Ein leicht zugängliches Impfangebot öffnet nicht nur die Tür zur Impfung selbst, sondern auch zu mehr Information und öffentlicher Aufmerksamkeit.“ Erfahrungen aus Ländern wie Irland, Portugal und Frankreich hätten gezeigt, dass Impfangebote in Apotheken die Impfquoten erhöhen können. Diese vorhandene Infrastruktur müsse genutzt werden, so Passarani. Gleichzeitig könnten dadurch ärztliche Ordinationen entlastet werden, was wiederum dem gesamten Gesundheitssystem zugutekomme.
Ergänzung statt Konkurrenz
Baltaci greift anschließend die Spannungen beim Thema Impfen in der Apotheke auf. „Warum ist das Impfen in Apotheken überhaupt ein derart heikles Thema?“ Er verweist dabei auch auf Gespräche mit Ärzten, nach denen neben fachlichen Argumenten wirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen könnten. Die Teilnehmenden betonten, nicht für die Ärzteschaft oder die Ärztekammer sprechen zu können.
Veitschegger erklärt: „Ich weiß nicht, warum das so ist. Fest steht, dass wir niemandem etwas wegnehmen wollen.“ In Apotheken sollten nach Vorstellung der Apothekerschaft nur gesunde Erwachsene gegen Erkrankungen wie Influenza oder Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) geimpft werden. „Für die Ärzteschaft bleiben daher weiterhin zahlreiche andere Impfungen und Patientengruppen.“ Aus seinen persönlichen Gesprächen mit Ärzt:innen kenne Veitschegger zudem kaum grundsätzliche Ablehnung. Die klare Gegenposition der Ärztekammer und ihres Präsidenten Johannes Steinhart müsse daher nicht zwangsläufig die Haltung aller Ärzte widerspiegeln.
Patientenanwältin Wlattnig berichtet: „Auch ich habe mit meiner jungen Hausärztin gesprochen. Sie selbst hätte kein Problem damit, wenn in Apotheken geimpft wird.“ Sie vermute bei der Bewertung des Vorhabens auch Unterschiede zwischen den Generationen. Auf dem Podium besteht Zustimmung, dass jüngere Ärzt:innen einer stärkeren Einbindung anderer Gesundheitsberufe tendenziell offener gegenüberstehen könnten.
Gibt es überhaupt einen Bedarf?
Als Argument gegen das Impfen in Apotheken wird unter anderem angeführt, dass ausländische Gesundheitssysteme nicht unmittelbar mit Österreich vergleichbar seien, so Baltaci. Zudem gebe es hierzulande ausreichend Impftermine in ärztlichen Ordinationen, meinen Gegner. Daher die Frage: „Besteht nun überhaupt ein zusätzlicher Bedarf?“
Wlattnig kennt nach eigenen Angaben das französische Gesundheitssystem gut. Zwar gebe es strukturelle Unterschiede zu Österreich, dennoch zeige das Beispiel Frankreich, wie die Einbindung weiterer Gesundheitsberufe zur Entlastung beitragen könne. Dort würden etwa auch diplomierte Pflegekräfte Impfungen durchführen. Somit könne sie diesem Argument nicht zustimmen.
McDonald hält fest: „Das Impfen in Apotheken muss kein Notfallprogramm sein, weil Ärzt:innen die bestehenden Termine nicht bewältigen können. Vielmehr soll es ein ergänzendes Angebot sein, mit dem wir noch mehr Menschen erreichen.“ Er fügt hinzu: „Ich sehe das Impfen in Apotheken als Überzeugungstat.“
Druck vom Gesundheitssystem nehmen
Veitschegger unterstreicht nochmals, dass Apotheken nicht in Konkurrenz zu ärztlichen Ordinationen treten wollten. „Wir wollen eine Ergänzung sein. Viele Menschen möchten kurzfristig einen Termin bekommen. Ein zusätzliches Angebot könnte gerade jene Personen erreichen, die eine Impfung zwar grundsätzlich in Betracht ziehen, sie aufgrund des organisatorischen Aufwands aber immer wieder aufschieben.“
Passarani verwies auf die größeren Entwicklungen, vor denen die Gesundheitssysteme weltweit stehen. Eine alternde Bevölkerung, zunehmende Multimorbidität und ein Gesundheitssystem unter wachsendem Druck würden es notwendig machen, vorhandene Ressourcen besser zu nutzen. „Es ist immer gut, Druck aus dem System zu nehmen. Ärzt:innen brauchen mehr Zeit, um sich auf andere Aufgaben zu konzentrieren“, sagt sie. Weiters erinnert sie in diesem Zusammenhang besonders an den ländlichen Raum. Dort sollte das vorhandene Apothekennetz bei der Planung präventiver Angebote berücksichtigt und stärker in die Gesundheitsversorgung eingebunden werden.
Vergütung muss noch verhandelt werden
Noch offen ist, wie Impfungen in Apotheken vergütet werden sollen. Auf die Frage Wlattnigs, welche finanzielle Spanne zwischen einer Impfung in der Arztordination und in der Apotheke vorgesehen sei, verwies McDonald auf die noch ausstehenden Vertragsverhandlungen: „Wir Sozialversicherungen müssen betriebswirtschaftlich denken. Wir wollen, dass sich beim Thema Impfen auch beim Preis etwas tut“, so McDonald.
Die konkreten Vereinbarungen müssten noch verhandelt werden, auch noch mit der Ärzteschaft. Grundsätzlich müsse stärker darüber nachgedacht werden, wie ärztliche Ordinationen entlastet und weitere Gesundheitsberufe in die Versorgung einbezogen werden könnten, ist sich McDonald sicher.
Patientenanwaltschaft: „Bitte schüren Sie keine Angst“
Wlattnig sprach sich dafür aus, die Patientenanwaltschaft in die weitere Umsetzung einzubinden. Diese könne als unabhängige Stelle überprüfen, ob Impfungen in Apotheken lege artis durchgeführt und ordnungsgemäß dokumentiert werden. Gleichzeitig könnten sich Patient:innen bei Fragen oder Beschwerden an eine unabhängige Anlaufstelle wenden.
Besonders wichtig ist Wlattnig ein Appell an die ärztliche Standesvertretung: „Bitte verunsichern Sie die Patienten nicht mit Aussagen, dass das Impfen in einer Apotheke grundsätzlich anders wäre. Schüren Sie keine Angst.“ Sie sei davon überzeugt, dass Impfungen in Apotheken einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung der Impfquoten leisten könnten.
„Nicht mehr ob, sondern wie und wann“
Veitschegger verwies abschließend auf die hohe Zahl täglicher Kontakte in den österreichischen Apotheken. „Wir haben österreichweit jeden Tag mehr als 600.000 Kundenkontakte. Wir wollen diese nutzen, um Menschen über Impfungen aufzuklären, sie daran zu erinnern und künftig auch zu impfen.“ Für ihn geht es daher nicht mehr um die grundsätzliche Entscheidung: „Die Frage ist nun nicht mehr, ob wir das Impfen in Apotheken umsetzen, sondern wie und wann.“
McDonald schließt ab: „Unser Ziel muss sein, mehr Menschen für Prävention zu erreichen. Impfungen sind ein großer Teil davon, und Apotheken wären dafür eine bestechende Möglichkeit.“
