Wenn Medikamente auf die Waage schlagen


Sanja Agatic

Symbolbild: Eine Nahaufnahme von einer Körperwaage.
Bestimmte Arzneimittel können den Appetit steigern, Stoffwechsel beeinflussen oder Wassereinlagerungen verursachen.Foto:stock.adobe.com/Win Nondakowit

Die Waage zeigt plötzlich mehr an, obwohl sich Ernährung und Bewegung kaum verändert haben. Hinter einer unerwarteten Gewichtszuname kann auch eine Arzneimitteltherapie stecken. Je nach Wirkstoff steigt der Appetit, verändert sich der Stoffwechsel oder lagert der Körper vermehrt Wasser ein, drei Mechanismen mit ganz unterschiedlichen Folgen.

Nicht jede Gewichtszunahme entsteht nur durch überschüssige Kalorien. Manche Arzneimittel greifen in die Regulation von Hunger und Sättigung ein, andere verändern den Zucker- und Fettstoffwechsel oder führen zu Wassereinlagerungen. Eine Publikation aus dem Jahr 2014 nennt unter anderem Antidepressiva, Antipsychotika, Glukokortikoide, Insulin, Sulfonylharnstoffe sowie einige Arzneimittel gegen Epilepsie oder neuropathische Schmerzen als Wirkstoffgruppen, die das Körpergewicht beeinflussen können. Entscheidend ist dabei der Mechanismus: Steigt das Gewicht durch Körperfett, Wasser oder eine Kombination aus beiden? Diese Unterscheidung hilft auch bei der Auswahl möglicher Therapiealternativen.

Wenn der Appetit plötzlich größer wird

Zu den bekanntesten Auslösern einer medikamentenbedingten Gewichtszunahme zählen bestimmte Arzneimittel gegen Depressionen und psychische Erkrankungen. Besonders betroffen sind Mirtazapin sowie trizyklischen Antidepressiva, etwa Amitriptylin. Der Grund liegt nicht in einer „Verlangsamung des Stoffwechsels“, sondern vor allem in ihrer Wirkung auf verschiedene Rezeptoren im Gehirn. Durch die Blockade von Histamin-H1 und Serotonin-5-HT2C-Rezeptoren nimm das Sättigungsgefühl ab, während der Appetit, insbesondere auf kohlenhydratreiche Lebensmittel, zunimmt. Gleichzeitig wirken viele dieser Arzneimittel beruhigend.

Dass Antidepressiva das Körpergewicht unterschiedlich beeinflussen, bestätigt auch eine 2024 Fachjournal Annals of Internal Medicine veröffentliche Kohortenstudie mit Daten von mehr als 183.000 Erwachsenen. Sie verglichen acht häufig verordnete Antidepressiva und zeigte, dass insbesondere unter Mirtazapin sowie einige andere Wirkstoffen häufiger eine Gewichtszunahme beobachtet wurde, während andere Präparate weitgehend gewichtsneutral blieben. Es wird auch betont, dass das Risiko einer Gewichtszunahme bei der Wahl des Antidepressivums berücksichtigt werden sollte insbesondere bei Menschen mit Übergewicht oder Stoffwechselerkrankungen.

Antipsychotika gehören zu den stärksten Einflussfaktoren

Noch ausgeprägter ist der Effekt bei einigen Antipsychotika. Vor allem Olanzapin und Clozapin zählen zu den Wirkstoffen mit dem höchsten Risiko für eine deutliche Gewichtszunahme. Auch Quetiapin und Risperidon können das Körpergewicht erhöhen, meist jedoch weniger stark. Mehrere Mechanismen greifen hier ineinander: Die Arzneimittel beeinflussen Histamin-, Serotonin- und Dopaminrezeptoren, steigern dadurch den Appetit und verändern gleichzeitig den Glukose- und Fettstoffwechsel.

Hinzu kommt, dass einige Wirkstoffe die Insulinempfindlichkeit verschlechtern können. Dadurch steigt nicht nur das Risiko für Übergewicht, sondern langfristig auch für Stoffwechselstörungen. Eine systematische Publikation zeigt, dass klinisch relevante Gewichtszunahmen unter Antipsychotika häufig bereits in den ersten Wochen beginnen. Fachgesellschaften empfehlen deshalb, Körpergewicht, Taillenumfang sowie Blutzucker- und Blutfettwerte bereits vor Therapiebeginn und anschließend regelmäßig zu kontrollieren.

Diabetesmedikamente

Auch einige Arzneimittel zur Behandlung des Diabetes mellitus können eine Gewichtszunahme begünstigen, allerdings aus einem anderen Grund als Antidepressiva oder Antipsychotika.

Insulin sorgt dafür, dass Glukose aus dem Blut wieder in die Körperzellen aufgenommen wird. Vor Beginn einer Insulintherapie verlieren Menschen mit schlecht eingestelltem Diabetes häufig Zucker über den Urin und damit auch Kalorien. Sobald Insulin wirkt, bleiben diese Kalorien im Körper. Gleichzeitig hemmt Insulin den Fettabbau und fördert den Aufbau von Fettreserven, wenn mehr Energie aufgenommen als verbraucht wird. Die Gewichtszunahme ist daher häufig Ausdruck einer verbesserten Stoffwechsellage und nicht zwangsläufig ein Zeichen dafür, dass die Therapie „nicht vertragen“ wird.

Ähnlich verhält es sich bei Sulfonyharnstoffen wie Glimepirid oder Glicalazid. Sie regen die Bauchspeicheldrüse unabhängig vom aktuellen Blutzuckerspiegel zur Insulinausschüttung an. Der dauerhafte höhere Insulinspiegel begünstigt die Speicherung überschüssiger Energie als Fettgewebe. Gleichzeitig können Unterzuckerungen auftreten, die vielen Betroffenen durch zusätzliche Zwischenmahlzeiten ausgleichen, ein weiterer Grund, warum das Körpergewicht steigen kann. Auch Pioglitazon ist mit einer Gewichtszunahme verbunden. Der Wirkstoff verbessert zwar die Insulinempfindlichkeit der Körperzellen, fördert gleichzeitig aber die Bildung neuer Fettzellen im Unterhautfettgewebe. Zusätzlich kann Pioglitazon Wasser im Körper zurückhalten, weshalb sich die Gewichtszunahme aus Fett- und Flüssigkeitseinlagerungen zusammensetzen kann.

Nicht jedes zusätzliche Kilo ist Körperfett

Steigt das Gewicht kurz nach Beginn einer Therapie an, steckt nicht immer eine Fettzunahme dahinter. Einige Arzneimittel führen vor allem zu Wassereinlagerungen (Ödemen). Dazu zählen unter anderem Glukokortikoide wie Prednisolon. Sie steigern den Appetit, erhöhen die Glukosereproduktion in der Leber und verschlechtern die Insulinempfindlichkeit. Gleichzeitig fördern sie die Rückresorption von Natrium in der Niere. Wasser folgt dem Natrium, dadurch lagert der Körper vermehrt Flüssigkeit ein. Vor allem bei höheren Dosierungen oder einer längerfristigen Therapie können zusätzlich Fettpolster am Bauch, Nacken oder Gesicht entstehen. Auch Calciumkanalblocker wie Amlodipin kann Schwellungen an Knöcheln und Unterschenkeln verursachen. Der Grund ist keine Fettzunahme, sondern eine Erweiterung kleiner Blutgefäße. Dadurch steigt der Druck in den Kapillaren und Flüssigkeit tritt leichter ins Gewebe über.

Die Wirkstoffe Pregabalin und Gabapentin werden unter anderem bei neuropathischen Schmerzen und Epilepsie eingesetzt. Beide können den Appetit steigern und gleichzeitig Wassereinlagerungen begünstigen. Viele Betroffene berichten zudem Müdigkeit oder Schwindel, wodurch sich die körperliche Aktivität verringern kann. Auch dieser indirekte Effekt kann zu einer Gewichtszunahme beitragen.

Eine 2024 in der Fachzeitschrift Expert Opinion on Drug Safety veröffentlichte Publikation um den Psychiater Marc Solmi wertete Umbrella-Reviews, Metaanalysen, radnomisierte Studien und Kohortenstudien aus. Welche zeigt, dass eine frühe Gewichtszunahme unter Antidepressiva oder Antipsychotika häufig ein Hinweis darauf ist, dass das Körpergewicht auch langfristig weiter ansteigen könnte.



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