Schokolade als Herpes-Auslöser: Was wissenschaftlich belegt ist


Sanja Agatic

Smybolbild: Nahaufnahme von Lippen mit Herpes.
Schokolade gilt als möglicher Herpes-Auslöser, bislang konnte ein allgemeiner Zusammenhang in klinischen Studien jedoch nicht eindeutig nachgewiesen werden. Foto:stock.adobe.com/Phoscar

Schokolade gilt seit Jahren als möglicher Auslöser von Lippenherpes. Dahinter steckt tatsächlich ein biologischer Zusammenhang, allerdings ist er deutlich komplizierter, als häufig behauptet wird. Entscheidend ist nicht ein einzelnes Lebensmittel, sondern die Frage wie das Herpes-simplex-Virus auf bestimmte Aminosäuren reagiert.

Lippenherpes wird durch das Herpes-simplex Virus Typ 1 (HSV-1) verursacht. Nach der Erstinfektion verbleibt das Virus lebenslang in den Nervenganglien und kann jederzeit reaktiviert werden. Als gut belegte Auslöser gelten intensive UV-Strahlung, fieberhafte Infekte, psychischer Stress, Schlafmangel, hormonelle Veränderungen oder ein geschwächtes Immunsystem. Schokolade zählt dagegen nicht zu den wissenschaftlichen gesicherten Triggern. Die Leitlinie der European Herpes Management Forum nennt sie auch nicht als Risikofaktor.

Warum Schokolade verdächtigt wird

Der Mythos ist wegen einer einzigen Aminosäure entstanden: Arginin. Sie ist ein natürlicher Eiweißbaustein und kommt unter anderem in Schokolade, Nüssen, Samen und Erdnüssen vor. Arginin spielt auch für Herpesviren eine Rolle. Das Virus benötigt die Aminosäure, um neue Virusproteine aufzubauen und sich zu vermehren. In Zellkulturversuchen zeigte sich, dass sich Herpesviren bei geringer Arginin-Verfügbarkeit deutlich schlechter vermehren können. Daraus entstand die Vermutung, dass eine argininreiche Ernährung auch beim Menschen Herpesausbrüche fördern könnte. Ergebnisse aus Zellkulturen lassen sich jedoch nicht automatisch auf den menschlichen Körper übertragen. Die Argininkonzentration in einzelnen Zellen wird durch die Ernährung nur begrenzt beeinflusst und unterliegt einer strengen körpereigenen Regulation.

Was Studien belegen

Die bisher verfügbaren klinischen Studien konnten jedoch nicht eindeutig nachweisen, dass Schokolade oder andere argininreiche Lebensmittel bei den meisten Menschen Lippenherpes auslösen. Auch systematische Publikationen kommen zu dem Schluss, dass die Evidenz für einen generellen Verzicht auf argininreiche Lebensmittel derzeit nicht ausreicht. Das bedeutet allerdings nicht, dass Ernährung völlig bedeutungslos ist. Einzelne Betroffene berichten, dass bestimmte Lebensmittel regelmäßig einem Herpesausbruch vorausgehen. Wissenschaftlich spricht man dabei von einer individuellen Assoziation, nicht von einem allgemein gültigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang.

Lysin, der Gegenspieler von Arginin?

Im Zusammenhang mit Herpes wird häufig auch Lysin beworben. Die Aminosäure nutzt teilweise dieselben Transportmechanismen wie Arginin und soll dessen Aufnahme in die Zellen beeinflussen. Daraus entstand die Annahme, dass Lysin die Virusvermehrung bremsen könnte. Die Studienlage ist allerdings widersprüchlich. Einige ältere Untersuchungen zeigten weniger Herpesrezidive unter einer hoch dosierten Lysin-Supplementierung, andere fanden keinen statistischen relevanten Vorteil. Eine Übersichtarbeit kam deshalb zu dem Schluss, dass die Evidenz derzeit nicht ausreicht, um Lysin grundsätzlich zur Vorbeugung oder Behandlung von Lippenherpes zu empfehlen.

Antivirale Wirkstoffe

Deutlich besser untersucht als Ernährungsmaßnahmen sind antivirale Wirkstoffe wie Aciclovir oder Penciclovir. Sie hemmen ein viruseigenes Enzym, die DNA-Polymerase. Dadurch kann sich das Virus nicht weiter vermehren. Den größten Nutzen erzielen sie, wenn sie bereits beim ersten Kribbeln oder Spannungsgefühl aufgetragen werden, noch bevor Bläschen sichtbar sind. Ist der Herpes vollständig ausgeprägt, verkürzt sich die Krankheitsdauer meist nur noch gering.

Wer mehr als sechs Herpesepisoden pro Jahr entwickelt, unter sehr schweren Verläufen oder unter einer Immunschwäche leidet, sollte sich ärztliche Hilfe holen. In solchen Fällen kann eine vorbeugende antivirale Therapie sinnvoll sein.



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