Autoimmunerkrankungen: Entzündungshemmung durch Probiotika?


Viktoria Anderle

Symbolbild: Ein Darm aus Papier ausgeschnitten liegt neben drei Holzlöffeln mit Pulver, Kapseln und Joghurt.
Den Studienautoren zufolge wird der Anstieg von Autoimmunerkrankungen unter anderem Umweltfaktoren, Lebensstilveränderungen, genetischen Faktoren sowie Veränderungen der Darmflora zugeschrieben.Elena/AdobeStock_452419691

Probiotika könnten bei Autoimmunerkrankungen einen Beitrag zur Dämpfung entzündlicher Prozesse leisten. Darauf deutet ein systematischer Review mit Metaanalyse über 12 randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 703 Patient:innen hin. Die orale Einnahme von Probiotika war dabei mit niedrigeren Entzündungsmarkern assoziiert.

Autoimmunerkrankungen betreffen aktuellen Schätzungen zufolge rund 5 bis 10 Prozent der Weltbevölkerung. Bislang wurden mehr als 80 verschiedene Autoimmunerkrankungen beschrieben. Zu den häufigsten zählen rheumatoide Arthritis (RA), systemischer Lupus erythematodes (SLE), Multiple Sklerose (MS), Psoriasis, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (IBD) sowie Diabetes mellitus Typ 1 (T1D).

Neben systemischen Therapien spielen ergänzende Maßnahmen zur Reduktion entzündlicher Prozesse eine wichtige Rolle. Dazu zählen unter anderem Bewegung, Sport und anti-entzündliche Ernährungsformen wie die mediterrane Ernährung. Zusätzlich werden Nahrungsergänzungsmittel wie Probiotika diskutiert, die möglicherweise überaktive Entzündungsprozesse im Körper beeinflussen können.

Probiotika, Präbiotika und Synbiotika

Probiotika enthalten lebende Mikroorganismen, welche die Darmflora unterstützen sollen. Präbiotika liefern hingegen Nährstoffe für nützliche Darmbakterien. Synbiotika kombinieren beide Ansätze.

Ein internationales Forschungsteam führte nun einen systematischen Review mit Metaanalyse durch, um die Wirksamkeit oraler Probiotika bei Autoimmunerkrankungen zu untersuchen. Dafür wurden randomisiert-kontrollierte Studien aus den Datenbanken PubMed, EMBASE und Cochrane CENTRAL ausgewertet, die bis Juni 2024 veröffentlicht wurden. Untersucht wurden Probiotika, Präbiotika und Synbiotika als ergänzende Maßnahmen.

Im Fokus standen Veränderungen verschiedener Entzündungsmarker wie Interleukine (IL-6, IL-10, IL-1β), Tumornekrose-Faktor-α (TNF-α) sowie C-reaktives Protein (CRP).

Senkung der Entzündungsparameter

Insgesamt wurden 12 randomisiert-kontrollierte Studien mit 703 Patientinnen und Patienten in die Analyse eingeschlossen. Die Einnahme von Probiotika war dabei mit signifikanten Senkungen mehrerer Entzündungsmarker verbunden:

  • IL-6
  • IL-10
  • TNF-α
  • CRP

Subgruppenanalyse liefert Hinweise

Auch in den Untergruppenanalysen zeigten sich Unterschiede: Bei Patientinnen und Patienten mit RA verbesserten sich IL-6, IL-1β und TNF-α unter Probiotika stärker als in den Kontrollgruppen. Bei MS zeigte sich insbesondere beim CRP-Spiegel ein Vorteil gegenüber Gruppen ohne Probiotika.

In der Diskussion gehen die Autoren auch genauer auf mögliche Wirkmechanismen ein. Demnach könnten Probiotika die Darmbarriere stabilisieren und dadurch verhindern, dass entzündungsfördernde Stoffe aus dem Darm in den Körper gelangen. Gleichzeitig könnten immunregulatorische Stoffwechselprodukte wie kurzkettige Fettsäuren – beispielsweise Butyrat – gefördert werden. Diese stehen im Verdacht, regulatorische T-Zellen zu unterstützen und entzündliche Prozesse abzuschwächen.

Besonders bei RA zeigten laut Literaturrecherche Kombinationen aus Bifidobacteriales- und Lactobacillales-Stämmen vielversprechende Effekte. Frühere Reviews beschrieben unter anderem Verbesserungen bei Schmerzen, Lebensqualität sowie CRP-Werten. Auch Lactobacillus casei 01 wurde direkt erwähnt: Dieser Stamm war in einzelnen Studien mit niedrigeren Krankheitsaktivitätswerten und weniger geschwollenen Gelenken assoziiert.

Auch bei MS wurden bestimmte Bakterienstämme hervorgehoben. Als besonders vielversprechend nennen die Autoren Formulierungen mit Lactobacillus paracasei, Bifidobacterium animalis, Escherichia coli Nissle 1917 sowie Prevotella histicola. Zudem zeigte Saccharomyces boulardii in einer randomisierten Studie Verbesserungen bei Fatigue, Schmerzintensität und einzelnen Parametern der Lebensqualität.

Nutzen bei Entzündungsgeschehen möglich

Die Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass orale Nahrungsergänzungen mit Probiotika möglicherweise einen Beitrag zur Reduktion entzündlicher Prozesse bei Autoimmunerkrankungen leisten können. Sie betonen, dass weitere Studien mit längerer Nachbeobachtungsdauer notwendig sind, um mögliche langfristige Effekte besser beurteilen zu können. Als Limitationen nennen die Autoren unter anderem die teils starke Heterogenität der Studien hinsichtlich Patientenzahl, verwendeter Probiotika-Stämme, Dosierungen und Behandlungsdauer.

Das Paper ist unter dem Namen „Effect of Probiotic and Synbiotic Oral Supplementation in Autoimmune Diseases: An Updated Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials“ im Journal Nutrients erschienen.

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