Nicht nur ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel, sondern auch starke Schwankungen der Blutzuckerwerte könnten den Verlauf einer COVID-Erkrankung beeinflussen. Eine aktuelle Metaanalyse deutet darauf hin, dass Menschen mit gestörtem Glukosestoffwechsel häufiger schwere Krankheitsverläufe entwickeln. Besonders die sogenannte glykämische Variabilität könnte sich als wichtiger Prognosefaktor für die Sterblichkeit erweisen.
Blutzuckerstoffwechsel als wichtiger Einflussfaktor
Bereits seit Beginn der Pandemie gibt es Hinweise darauf, dass Stoffwechselerkrankungen den Verlauf einer COVID-Infektion beeinflussen können. Unklar war bislang jedoch, welche Rolle ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel und starke Schwankungen (glykämische Variabilität) der Blutzuckerwerte jeweils spielen.
Ein internationales Forschungsteam hat diese Frage nun im Rahmen eines systematischen Reviews mit Metaanalyse untersucht. Ziel war es, den Zusammenhang zwischen chronischer Hyperglykämie (dauerhaft erhöhtem Blutzucker), glykämischer Variabilität und dem Risiko für schwere COVID-Verläufe zu analysieren. Konkret wurde der Krankheitsschweregrad, Bedarf für Intensivpflege und die Sterblichkeit von Infizierten betrachtet.
Daten von mehr als einer Million Patienten
Für die Analyse wurden wissenschaftliche Arbeiten aus den Datenbanken PubMed, Scopus und Web of Science ausgewertet. Insgesamt flossen zwölf Kohortenstudien mit mehr als einer Million Patientinnen und Patienten in die qualitative Analyse ein. Fünf dieser Studien wurden zusätzlich in die quantitative Metaanalyse aufgenommen.
Die Definition einer gestörten Blutzuckerregulation unterschied sich dabei zwischen den einzelnen Studien. Berücksichtigt wurden unter anderem erhöhte HbA1c-Werte, erhöhte Nüchternblutzuckerwerte sowie Hyperglykämien während eines Krankenhausaufenthalts.
Schlechte Blutzuckerkontrolle erhöht Risiko
Die Auswertung zeigte, dass eine schlechte glykämische Kontrolle mit einem erhöhten Risiko für schwere oder kritische COVID-Verläufe (RR: 1,75) verbunden war. Betroffene mussten häufiger intensivmedizinisch behandelt (RR: 1,54) oder mechanisch beatmet (RR: 1,72) werden.
Die Ergebnisse sprechen somit dafür, dass ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel einen relevanten Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben könnte.
Möglicher Prognosemarker
Neben der allgemeinen Blutzuckerkontrolle rückte auch die glykämische Variabilität in den Fokus der Forschenden. Darunter versteht man stärkere Schwankungen der Blutzuckerwerte im Tagesverlauf.
Mehrere der ausgewerteten Studien zeigten einen Zusammenhang zwischen einer erhöhten glykämischen Variabilität und ungünstigeren Krankheitsverläufen. Darüber hinaus könnte die Variabilität der Blutzuckerwerte auch Hinweise auf das Sterberisiko bei stationär behandelten COVID-Patientinnen und -Patienten liefern.
Dysglykämie beeinflusst Immunsystem
Eine gestörte Blutzuckerregulation (Dysglykämie), unabhängig davon, ob sie chronisch besteht, durch akuten Stress ausgelöst wird oder mit starken Blutzuckerschwankungen einhergeht, kann die körpereigenen Abwehrmechanismen erheblich beeinträchtigen. Erhöhte Blutzuckerwerte verschlechtern unter anderem die Wanderungsfähigkeit von Neutrophilen (einer Gruppe weißer Blutkörperchen), vermindern die Aktivität des Komplementsystems, beeinträchtigen die Phagozytose durch Makrophagen und schwächen die T-Zell-Antwort. Gleichzeitig fördern sie oxidativen Stress, eine überschießende Freisetzung von Zytokinen sowie Schäden an den Blutgefäßen.
Diese Veränderungen könnten die Vermehrung von Viren begünstigen, Entzündungsprozesse in der Lunge und im gesamten Körper verstärken und thromboinflammatorische Komplikationen fördern, die für schwere COVID-Verläufe typisch sind.
Umgekehrt kann auch eine SARS-CoV-2-Infektion den Blutzuckerstoffwechsel beeinträchtigen. Verantwortlich gemacht werden unter anderem entzündungsbedingte Insulinresistenz, die Ausschüttung von Stresshormonen sowie mögliche Schädigungen der insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse. Dadurch könnte ein gegenseitiger Kreislauf aus Stoffwechselstörung und Entzündung entstehen.
Die Autoren unterscheiden dabei zwischen einer chronischen Hyperglykämie, die anhand des HbA1c-Wertes die langfristige Blutzuckerbelastung widerspiegelt, und einer Stresshyperglykämie, die als Folge der akuten Erkrankung während des Krankenhausaufenthalts auftritt.
Früherkennung könnte entscheidend sein
Nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung einer frühzeitigen Erkennung und Behandlung von Störungen des Glukosestoffwechsels bei COVID. Besonders die Kontrolle starker Blutzuckerschwankungen könnte künftig eine wichtige Rolle in der Betreuung betroffener Patientinnen und Patienten spielen.
Die Studie wurde unter dem Titel „Association of Chronic Hyperglycemia and Glycemic Variability with Mortality in COVID-19: Meta-Analysis of Cohort Studies“ in der Fachzeitschrift „Medicina“ veröffentlicht.
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