Die Number needed to treat macht den tatsächlichen Nutzen einer Therapie im Alltag greifbar. Statt nur relative Effekte zu nennen, gibt sie die Anzahl der notwendigen Behandlungen an, damit bei einer Person ein unerwünschtes Ereignis verhindert wird. Diese Kennzahl ist hilfreich, es gilt aber zu beachten auf welchen Zeitraum, welches Ereignis und welche Unsicherheit sie sich bezieht.
Die Number needed to treat (NNT) gehört zu den Kennzahlen, durch die sich Studienergebnisse praxisnah einordnen lassen. Vereinfacht gesagt beschreibt sie, wie viele Patientinnen und Patienten behandelt werden müssen, damit eine Person einen zusätzlichen Nutzen von der Therapie hat. Gemeint ist in der Regel, dass durch die Behandlung ein unerwünschtes Ereignis verhindert wird, etwa ein Herzinfarkt, eine Infektion, ein Rückfall oder auch ein Todesfall.
Anders gesagt handelt es sich bei der NNT um jene Zahl jener Personen, die mit einer Intervention behandelt werden müssen, um bei einer Gruppe mit vergleichbarem Risiko ein negatives Ereignis zu verhindern. Ursprünglich wurde die Kennzahl für Therapiestudien entwickelt, sie lässt sich aber auch auf präventive Maßnahmen wie Impfungen übertragen. Dann ist oft von Number needed to vaccinate (NNV) die Rede.
Die Formel hinter der NNT
Berechnet wird die NNT aus der absoluten Risikoreduktion, kurz ARR. Sie ist ihr Kehrwert:
NNT = 1 / ARR
Was ist die absolute Risikoreduktion?
Die absolute Risikoreduktion gibt an, um wie viele Prozentpunkte ein unerwünschtes Ereignis durch eine Behandlung tatsächlich seltener auftritt.
Wichtig ist dabei: Die absolute Risikoreduktion (ARR) gibt den konkreten (absoluten) Unterschied zwischen den Ereignisrisiken in zwei Vergleichsgruppen wieder. Sie beschreibt, um welchen Betrag sich das Risiko eines Ereignisses (beispielsweise eine Erkrankung, Tod) durch eine Intervention oder Exposition ändert.
Ein einfaches Beispiel:
- Ohne Therapie erleiden 10 von 100 Personen ein Ereignis.
- Mit Therapie sind es 6 von 100 Personen.
Dann beträgt die absolute Risikoreduktion:
ARR = 10 Prozent – 6 Prozent = 4 Prozentpunkte
Für die NNT ergibt sich daraus:
NNT = 1 / 0,04 = 25
Das bedeutet: 25 Personen müssen behandelt werden, damit bei einer Person das Ereignis verhindert wird. Die restlichen 24 behandelten Personen haben entweder ohnehin kein Ereignis erlitten (die 90 Prozent, die auch ohne Therapie gesund geblieben wären) oder erleiden es trotz der Therapie (die 6 Prozent).
Was sagt die NNT in der Praxis aus?
Die NNT übersetzt abstrakte Studiendaten in eine alltagsnahe Frage: Wie groß ist die Chance, dass eine einzelne Person tatsächlich profitiert?
Merke: Je kleiner die NNT, desto größer ist der Nutzen der Therapie.
Eine NNT von 2 wäre zum Beispiel sehr eindrucksvoll: Im Durchschnitt profitiert eine von zwei behandelten Personen. Eine NNT von 50 bedeutet dagegen, dass 50 Personen behandelt werden müssen, damit eine Person einen zusätzlichen Nutzen hat.
Ein theoretisch perfekter Wert wäre NNT = 1. Das würde bedeuten, dass jede behandelte Person profitiert und niemand in der Vergleichsgruppe denselben Vorteil ohne Therapie gehabt hätte. Solche Werte sind in der Praxis allerdings äußerst selten.
NNT ist anschaulicher als relative Angaben
Gerade in Studien werden Therapieeffekte gern als relative Risikoreduktion (RRR) dargestellt. Das klingt oft gravierend, kann aber täuschen.
Bleiben wir beim Beispiel:
- Risiko ohne Therapie: 10 Prozent
- Risiko mit Therapie: 8 Prozent
Die absolute Risikoreduktion beträgt hier 2 Prozentpunkte. Daraus ergibt sich:
NNT = 1 / 0,02 = 50
Die relative Risikoreduktion beträgt dagegen 20 Prozent, weil das Risiko von 10 Prozent auf 8 Prozent sinkt.
Beides ist rechnerisch richtig. Die Aussage „senkt das Risiko um 20 Prozent“ klingt aber deutlich größer als „2 von 100 Personen profitieren zusätzlich“. Genau hier liegt der Wert der NNT: Sie hilft, Effekte realistischer einzuordnen und nicht nur möglichst eindrucksvoll zu formulieren.
Nie ohne Kontext
So nützlich die Kennzahl ist, so leicht lässt sie sich auch missverstehen. Denn die NNT ist keine feste Eigenschaft eines Arzneimittels, sondern hängt stark davon ab, wie, bei wem, gegen welches Ereignis und über welchen Zeitraum gemessen wurde.
Der Zeitraum ist entscheidend
Eine NNT gilt immer für einen bestimmten Beobachtungs- oder Behandlungszeitraum. Genau das wird bei der Interpretation oft übersehen.
Das macht einen enormen Unterschied. Eine Therapie, die über fünf Jahre 25 Menschen behandeln muss, um ein Ereignis zu verhindern, ist anders zu bewerten als eine Therapie, die denselben Effekt schon innerhalb weniger Wochen erreicht.
Eine NNT ist nur gemeinsam mit dem Zeitraum sinnvoll interpretierbar.
Gerade bei Langzeittherapien sollte man sich deshalb fragen: Passt der in der Studie untersuchte Zeitraum überhaupt zur Situation meiner Patientin oder meines Patienten? Wenn eine Behandlung erst nach vielen Jahren einen relevanten Nutzen zeigt, ist das bei begrenzter Lebenserwartung oder eingeschränkter Therapietreue anders zu bewerten als bei jungen Menschen mit langer Perspektive.
Den Endpunkt betrachten
Auch das Ereignis, auf das sich die NNT bezieht, muss genau gelesen werden. Eine Therapie kann für unterschiedliche Endpunkte unterschiedliche NNT-Werte haben.
Ein Impfstoff kann etwa eine NNT für die Verhinderung von Herpes zoster, der Postzoster-Neuralgie oder einer Hospitalisierung haben. Diese Werte können deutlich auseinanderliegen. Eine NNT ist also nur dann aussagekräftig, wenn klar ist, welcher Nutzen konkret gemeint ist.
Eine NNT ohne Endpunkt ist unvollständig.
Man muss sich immer fragen: Wofür genau gilt dieser Wert?
Kleine Studien und Konfidenzintervall
Ein weiterer Fallstrick: Die NNT wird oft genannt, ohne die Unsicherheit des Wertes mitzudenken. Dabei ist sie stark von der Größe und Qualität der zugrunde liegenden Studie abhängig.
Je kleiner die Stichprobe, desto unsicherer ist die Schätzung. Sichtbar wird das über das 95-Prozent-Konfidenzintervall (95%-KI). Es zeigt den Bereich, in dem der wahre Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt. Ist dieses Intervall sehr breit, kann der tatsächliche Nutzen deutlich kleiner, oder auch größer, sein als der einzelne NNT-Wert vermuten lässt.
Eine NNT von 20 klingt zunächst gut. Wenn das Konfidenzintervall aber sehr breit ist, sollte man vorsichtig sein. Dann kann der wahre Effekt wesentlich unsicherer sein, als die eine Zahl suggeriert.
Bei der NNT auch auf die Unsicherheit achten; vor allem bei kleiner Stichprobenanzahl.
In der Praxis heißt das: Eine günstige NNT allein reicht nicht aus, um eine Therapie zu bewerten. Entscheidend ist immer die Abwägung von Nutzen, Schaden, Aufwand, Kosten und Präferenzen der Patientinnen und Patienten.
Kurz gesagt: Die NNT ist eine starke Kennzahl, solange man sie nicht isoliert liest.
