Gichtmittel senkt Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall


Viktoria Anderle

Symbolbild: Strukturformel Colchicin und blau-gelbe Kapseln.
In den Review flossen zwölf randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt knapp 23.000 Patient ein, die bereits an Herz-Kreislauf-Erkrankungen litten.syahrir/AdobeStock_1887661931

Colchicin wird seit Langem zur Behandlung von Gicht eingesetzt. Ein Cochrane Review zeigt nun: Niedrig dosiert kann der Wirkstoff bei Menschen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen weitere Herzinfarkte und Schlaganfälle verhindern. Auf die Sterblichkeit hatte die Behandlung jedoch wahrscheinlich keinen Einfluss.

Colchicin ist ein entzündungshemmender Wirkstoff aus der Herbstzeitlosen. Der Mitosehemmer und wird bereits seit dem 5. Jahrhundert gegen Gicht eingesetzt. Entzündungsprozesse sind jedoch auch an der Entstehung und dem Fortschreiten einer Atherosklerose beteiligt. Dabei lagern sich Plaques in den Arterien ab, wodurch sich die Gefäße verdicken, verhärten und verengen können.

Forschende untersuchen deshalb seit einigen Jahren, ob niedrig dosiertes Colchicin auch Menschen schützen könnte, die bereits an einer koronaren Herzkrankheit leiden oder einen Herzinfarkt beziehungsweise Schlaganfall erlitten haben. In einer Pressemitteilung von Cochrane Deutschland wurden die Ergebnisse eines entsprechenden Reviews zusammengefasst.

Zwölf Studien mit knapp 23.000 Teilnehmenden

Für den Review werteten die Forschenden zwölf randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt knapp 23.000 Patient:innen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus. Die Behandlung dauerte mindestens sechs Monate, in den meisten Studien erhielten die Teilnehmenden einmal täglich 0,5 mg Colchicin.

Rund 80 Prozent der Studienteilnehmenden waren Männer. Das Durchschnittsalter lag je nach Untersuchung zwischen 57 und 74 Jahren. Etwa die Hälfte erhielt Colchicin zusätzlich zur bisherigen Standardtherapie. Die Vergleichsgruppen bekamen entweder ein Placebo oder keine weitere Behandlung neben der Standardtherapie.

Neun Herzinfarkte und acht Schlaganfälle weniger

Über Beobachtungszeiträume von bis zu siebeneinhalb Jahren traten unter niedrig dosiertem Colchicin weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle auf. Ohne Colchicin erlitten 36 von 1000 Behandelten einen Herzinfarkt, mit dem Wirkstoff waren es 27 von 1000. Das entspricht neun verhinderten Herzinfarkten pro 1000 Personen.

Bei den Schlaganfällen sank die Zahl von 22 auf 14 Fälle pro 1000 Behandelte. Demnach verhinderte Colchicin acht Schlaganfälle je 1000 Personen. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz für beide Ergebnisse stuften die Autor:innen als hoch ein.

„Eine derartige Verringerung des Risikos kann für Menschen mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko einen echten Unterschied bedeuten“, erklärt Dr. Ramin Ebrahimi, Mitautor des Reviews und Kardiologe an der Universitätsmedizin Greifswald.

Kein nachweisbarer Vorteil bei der Sterblichkeit

Nicht alle untersuchten Endpunkte fielen zugunsten von Colchicin aus. Der Review kommt zu dem Ergebnis, dass der Wirkstoff wahrscheinlich weder die Gesamtsterblichkeit noch die Zahl der Todesfälle infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringert.

Auch Eingriffe zur Wiederherstellung oder Verbesserung der Durchblutung der Herzkranzgefäße waren unter Colchicin wahrscheinlich nicht seltener erforderlich.

Mehr Magen-Darm-Beschwerden

Patient:innen, die Colchicin erhielten, berichteten häufiger über Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit oder Durchfall. Diese Nebenwirkungen waren laut Auswertung jedoch überwiegend leicht ausgeprägt und vorübergehend.

Bei schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen zeigte sich kein Unterschied zwischen Colchicin und der alleinigen Standardbehandlung. Dieses Ergebnis stützt sich allerdings lediglich auf vier Studien. Zur Lebensqualität und zu zusätzlichen Krankenhausaufenthalten lagen keine verwertbaren Daten vor. Die Review-Autor:innen halten daher weitere Untersuchungen mit längeren Beobachtungszeiträumen für notwendig.

Genaue Dosierung besonders wichtig

Trotz der niedrigen untersuchten Dosierung ist Colchicin kein unproblematischer Wirkstoff. Bereits eine vergleichsweise geringe Überdosierung kann schwere Vergiftungen verursachen und unter anderem die Blutbildung im Knochenmark beeinträchtigen. Besonders bei einer eingeschränkten Leber- oder Nierenfunktion muss die Dosierung daher sorgfältig angepasst werden.

Hinzu kommen mögliche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln. Das betrifft beispielsweise Statine, die bei Patient:innen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen häufig zur Senkung der Blutfette eingesetzt werden. Bei gleichzeitiger Anwendung kann das Risiko für Schädigungen der Muskulatur steigen.

In den USA und Kanada bereits im Einsatz

In den USA und Kanada wird Colchicin bereits zur Vorbeugung weiterer kardiovaskulärer Ereignisse eingesetzt. In der Europäischen Union hat der Ausschuss für Humanarzneimittel der EMA im Mai 2026 eine positive Zulassungsempfehlung für Colchicin ausgesprochen. Vorgesehen ist eine Dosis von 0,5 mg zur Sekundärprävention atherothrombotischer Ereignisse bei Erwachsenen mit seit mindestens sechs Monaten stabiler koronarer Erkrankung. Auf der zuletzt aktualisierten EMA-Seite war die abschließende Entscheidung der Europäischen Kommission noch nicht ausgewiesen.

Der Review ist unter dem Titel „Colchicine for the secondary prevention of cardiovascular events“ in der Cochrane Database of Systematic Reviews erschienen. 



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