Unter eingeschränkten hygienischen Bedingungen kann eine Infektion des Nabelschnurrests für Neugeborene lebensbedrohlich werden. Die Anwendung von Chlorhexidin verringert das Infektionsrisiko in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen wahrscheinlich um knapp 29 Prozent und könnte auch die Sterblichkeit senken. Für Länder mit hohen Hygienestandards lässt die verfügbare Evidenz hingegen keine verlässlichen Schlüsse zu.
Nach der Geburt wird die Nabelschnur durchtrennt. Der verbleibende Rest trocknet üblicherweise innerhalb von fünf bis 15 Tagen aus und fällt anschließend von selbst ab. Bis dahin können sich auf dem abgestorbenen Gewebe jedoch Bakterien ansiedeln.
Breitet sich eine lokale Entzündung des Nabels, eine sogenannte Omphalitis, weiter aus, kann daraus eine schwere Infektion des gesamten Körpers entstehen. Besonders hoch ist dieses Risiko in Regionen, in denen Geburten unter unzureichenden hygienischen Bedingungen stattfinden und medizinische Hilfe nur eingeschränkt verfügbar ist.
Ein internationales Forschungsteam der Cochrane-Initiative untersuchte, ob antiseptische Substanzen Nabel-Infektionen und daraus folgende Todesfälle bei Neugeborenen verhindern können.
„Einfache und gut verfügbare Maßnahmen zur Nabelpflege können Infektionen in solchen Umgebungen deutlich reduzieren“, erklärt Erstautor Aamer Imdad von der University of Iowa. Das sei besonders bedeutsam, da Infektionen weltweit einen wesentlichen Anteil der Todesfälle bei Neugeborenen verursachten.
Mehr als 143.000 Neugeborene untersucht
In den aktualisierten Cochrane Review flossen 18 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 143.150 Neugeborenen ein. Die Untersuchungen verglichen eine antiseptische Behandlung des Nabelschnurrests mit der trockenen Nabelpflege.
Bei der trockenen Pflege werden keine Cremes, Puder oder antiseptischen Lösungen verwendet. Der Nabelschnurrest wird sauber und trocken gehalten, bleibt möglichst frei und löst sich schließlich von selbst ab.
Ein Großteil der Studien wurde in ländlichen Regionen Südasiens und Afrikas durchgeführt. Häufig handelte es sich um Hausgeburten oder andere Geburtssituationen, in denen die hygienischen Bedingungen und der Zugang zur medizinischen Versorgung eingeschränkt waren.
Untersucht wurden unter anderem Chlorhexidin, 70-prozentiger Alkohol, Povidon-Iod und Silberverbindungen. Die aussagekräftigsten Ergebnisse lagen für die äußerliche Anwendung von 4-prozentigem Chlorhexidin in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen vor.
25 Infektionen weniger pro 1.000 Neugeborene
Chlorhexidin verringerte das Risiko einer Infektion des Nabelschnurrests wahrscheinlich um knapp 29 Prozent. Ohne das Antiseptikum trat bei 87 von 1000 Neugeborenen eine Infektion auf. Unter Chlorhexidin waren es 62 von 1000.
Damit wurden durch die antiseptische Behandlung rechnerisch 25 Infektionen pro 1000 Neugeborene verhindert. Die Auswertung beruht auf fünf Studien mit insgesamt 128.486 Kindern. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz wurde als moderat eingestuft.
Die Ergebnisse gelten allerdings vor allem für Regionen mit einem erhöhten Ausgangsrisiko. Dort können fehlende hygienische Möglichkeiten, Hausgeburten und ein erschwerter Zugang zu medizinischer Versorgung die Entstehung und Ausbreitung von Infektionen begünstigen.
Möglicherweise drei Todesfälle weniger
Die Anwendung von Chlorhexidin könnte auch die Sterblichkeit von Neugeborenen geringfügig senken. Ohne antiseptische Nabelpflege starben innerhalb der ersten 28 Lebenstage 18 von 1000 Neugeborenen. Mit Chlorhexidin waren es 15 von 1000. Die Sterblichkeit wurde von 1,8 Prozent (ohne Chlorhexidin) auf 1,5 Prozent gesenkt (mit Chlorhexidin). Das entspricht möglicherweise drei verhinderten Todesfällen pro 1000 Neugeborenen. Für diese Auswertung standen fünf Studien mit insgesamt 129.381 Kindern zur Verfügung.
Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz bewerteten die Forschenden jedoch als niedrig. Die Studienergebnisse unterschieden sich voneinander, zudem lässt sich nicht sicher ausschließen, dass Chlorhexidin keinen relevanten Einfluss auf die neonatale Sterblichkeit besitzt.
Nabelschnurrest fällt später ab
Die antiseptische Behandlung beeinflusste auch die Zeit bis zum Ablösen des Nabelschnurrests. Unter Chlorhexidin dauerte es durchschnittlich 1,85 Tage länger, bis dieser abfiel.
Dieses Ergebnis beruht auf sechs Studien mit 47.533 Neugeborenen und besitzt eine moderate Vertrauenswürdigkeit. Die etwas längere Ablösungszeit gilt in der Regel nicht als gesundheitlich problematisch, kann bei Betreuungspersonen jedoch für Verunsicherung sorgen und die Pflege beeinflussen.
Unsichere Daten zu anderen Antiseptika
Für andere antiseptische Mittel ist die Studienlage wesentlich schwächer. Anhand der vorhandenen Daten lässt sich nicht zuverlässig beurteilen, ob 70-prozentiger Alkohol, Povidon-Iod oder Silberverbindungen Nabelinfektionen oder Todesfälle verhindern.
In Ländern mit hohem Einkommen wurde nicht untersucht, ob Chlorhexidin die Sterblichkeit von Neugeborenen beeinflusst. Auch die Ergebnisse zu Nabelinfektionen und zur Ablösungszeit des Nabelschnurrests sind aufgrund der geringen Zahl verfügbarer Studien sehr unsicher.
Für 70-prozentigen Alkohol gibt es in diesen Ländern ebenfalls keine Daten zu Infektionen oder Todesfällen. Moderat vertrauenswürdige Evidenz deutet lediglich darauf hin, dass Alkohol die Ablösung des Nabelschnurrests durchschnittlich um etwa 1,6 Tage verzögert.
Ergebnisse nicht auf alle Länder übertragbar
Der Nutzen einer antiseptischen Nabelpflege hängt wesentlich von den hygienischen Bedingungen und der medizinischen Versorgung vor Ort ab. In Regionen mit einem hohen Infektionsrisiko kann Chlorhexidin eine einfache und gut verfügbare Schutzmaßnahme darstellen.
Auf Versorgungssysteme mit hohen Hygienestandards lassen sich diese Ergebnisse jedoch nicht ohne Weiteres übertragen. Für Österreich kann aus dem Review daher keine allgemeine Empfehlung für eine antiseptische Behandlung anstelle der trockenen Nabelpflege abgeleitet werden.
Der Review ist unter dem Titel „Umbilical cord antiseptics for preventing sepsis and death among newborns“ in der Cochrane Database of Systematic Reviews erschienen.
