Melatonin in Cremes: Wissenschaft oder Marketing?


Sanja Agatic

Symbolbild: Eine Dame die sich ihr Gesichtspflege aufträgt.
Melatonin schützt Hautzellen vor oxidativem Stress und UV-bedingten Schäden. Ob der der Wirkstoff bestehende Falten sichtbar reduziert, ist wissenschaftlich bislang nicht ausreichend belegt.Foto:stock.adobe.com/Rido

Melatonin ist als Schlafhormon bekannt. Doch inzwischen taucht der Wirkstoff immer häufiger auch in Seren und Gesichtscremen auf. Mit dem Versprechen, die Haut vor vorzeitiger Alterung zu schützen. Was steckt dahinter? Die Forschung zeigt: Das Potenzial ist größer, als viele vermuten.

Melatonin wird vor allem mit dem Schlaf-Wach-Rhythmus in Verbindung gebracht. Weniger bekannt ist, dass die Haut den Stoff selbst produziert. Hautzellen verfügen zudem über eigene Melatoninrezeptoren und bilden Enzyme, die Melatonin herstellen und abbauen. Damit besitzt die Haut ein eigenes Melatonin-System, das unabhängig vom Schlaf wirkt. Bereits Kleszczynski und Fischer beschrieben 2012 im Fachjournal Dermato-Endocrinology, dass Melatonin in der Haut vor allem eine Schutzfunktion übernimmt. Als starkes Antioxidans fängt es freie Radikale ab, die beispielsweise durch UV-Strahlung entstehen, schützt die Mitochondrien und kann dadurch oxidative Zellschäden begrenzen. Diese Schäden gelten als einer der wichtigsten Treiber der lichtbedingten Hautalterung.

Schutz vor Hautalterung statt Faltenglätter

Wer sich von Melatonin eine ähnliche Wirkung wie von Retinol erhofft, dürfte allerdings enttäuscht werden. Nach aktuellen Wissenschat regt Melatonin die Kollagenbildung nicht in vergleichbarem Ausmaß an und glättet bestehende Falten auch nicht direkt. Sein Nutzen liegt vielmehr darin, die Haut vor Prozessen zu schützen, die langfristig zur Faltenbildung beitragen. Zu diesem Schluss kommen auch Doris Day und Kolleginnen und Kollegen, die 2018 im Journal of Drugs in Dermatology den damaligen Froschungsstand zusammenfassten. Es wurde beschrieben, dass topisch angewendetes Melatonin freie Radikale neutralisiert und antioxidative Enzyme wie Superoxiddismutase, Katalase und Glutathionperoxidase aktiviert. Dadurch könnte die Haut widerstandfähiger gegenüber UV-bedingtem oxidativem Stress werden. Gleichzeitig betonen sie, dass belastbare klinische Studien zur Anti-Aging-Wirkung noch fehlen.

Erste klinische Daten sind vielversprechend

Ob sich diese biologischen Effekte auch sichtbar auf das Hautbild auswirken, wurde bislang nur in wenigen Studien untersucht. Eine klinische Studie von Milani und Sparavigna, veröffentlicht 2018 in der Fachzeitschrift Cosmetics, untersuchte eine Melatonin-haltige Gesichtscreme über mehrere Wochen. Die Teilnehmerinnen zeigten eine verbesserte Hautfeuchtigkeit, eine glattere Hautoberfläche und eine leichte Verringerung feiner Falten. Die Aussagekraft der Ergebnisse ist jedoch begrenzt: Die Studie war klein, nicht placebokontrolliert und ein Autor war für das Unternehmen tätig, das das untersuchte Produkt vertreibt. Die Resultate liefern daher interessante Hinweise, gelten aber nicht als endgültiger Wirksamkeitsnachweis.

Melatonin könnte künftig nicht nur beim Schutz vor Hautalterung, sondern auch bei der Vorbeugung bestimmter Hautkrebserkrankungen eine Rolle spielen. In Zellversuchen zeigte das Hormon laut dem Forschungsteam eine besonders starke antioxidative Wirkung: „Wir konnten im Zellmodell nachweisen, dass die antioxidative Wirkung von Melatonin wesentlich intensiver ist als die von Vitamin E oder C“, erklärte Prof. Hendrik Fischer bereits 2009 in einer Pressemitteilung des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH).

Den Angaben zufolge könnte Melatonin insbesondere für organtransplantierte Menschen von Bedeutung sein. Da diese dauerhaft Immunsuppressiva einnehmen müssen, ist ihr Risiko für weißen Hautkrebs erhöht. Darüber hinaus beobachtete das Forschungsteam auch in Zellen des malignen Melanoms einen möglichen Effekt: „Hier konnte gezeigt werden, dass Melatonin das Wachstum der Tumorzellen hemmen kann“,so Fischer.

Die Forschung sieht Potenzial

Einen aktuelleren Überblick liefert der Review von Bocheva und Kollegen, der 2022 im International Journal of Molecular Sciences erschien. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Melatonin und seine Stoffwechselprodukte Hautzellen vor oxidativen Stress schützen, Entzündungsreaktionen abschwächen und UV- bedingte DNA-Schäden reduzieren können. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass Melatonin den Abbau von Kollagen indirekt bremsen könnte, indem es die Aktivität bestimmter Enzyme, der sogenannten Matrix-Metallproteinasen, vermindert.

Auch Slominski und Kollegen bezeichnen Melatonin in ihrem 2025 veröffentlichen Übersichtsartikel im Journal of Investigative Dermatology als wichtigen Bestandteil des natürlichen Schutzsystems der Haut. Gleichzeitig machen die Autoren deutlich, das größere, placebokontrollierte Studien über längere Zeiträume notwendig sind, bevor sich Aussagen zur Anti-Aging-Wirkung treffen lassen.



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