Oxytocin wird auch als „Kuschelhormon“ bezeichnet. Seit über 20 Jahren ist jedoch umstritten, ob das Hormon tatsächlich das Vertrauen stärkt. Eine neue Studie unter Beteiligung der Universität Zürich liefert den Autoren zufolge nun belastbare Evidenz dafür, dass Oxytocin das Vertrauen selektiv bei Männern mit geringer Vertrauensbereitschaft erhöht.
Oxytocin ist ein körpereigenes Hormon und ein Botenstoff im Gehirn, der unter anderem soziale Interaktionen beeinflusst. 2005 veröffentlichte ein Forschungsteam um Professor Dr. Ernst Fehr von der Universität Zürich in der Fachzeitschrift „Nature“ erstmals Hinweise darauf, dass intranasal verabreichtes Oxytocin das Vertrauen von Menschen erhöhen kann.
In den folgenden Jahren lieferten weitere Studien jedoch ein uneinheitliches Bild. Während einige Untersuchungen den Befund stützten, fanden andere keinen allgemeinen Effekt. Gleichzeitig wurde kritisiert, dass viele Tests auf kleinen Stichproben beruhten, Hypothesen erst nach Vorliegen der Ergebnisse formuliert wurden und die Studien methodisch nur schwer vergleichbar waren. Deshalb blieb unklar, ob und unter welchen Bedingungen Oxytocin das Vertrauen tatsächlich erhöht.
Neue Studie bestätigt Vertrauenseffekt
Die neue Studie entstand durch ein internationales Forschungsteam, zu dem neben Fehr auch Professor Dr. Bodo Vogt und Dr. Paul Bengart von der Universität Magdeburg sowie Professor Dr. Carolyn Declerck von der Universität Antwerpen gehörten, und deren Ergebnisse im Fachjournal „PNAS“ veröffentlicht wurden.
Teilnehmer waren 359 Männer, die in einer Vorbefragung als wenig vertrauensbereit eingestuft worden waren. Die Forschenden beschränkten die Studie bewusst auf Männer, um die Ergebnisse direkt mit den früheren Oxytocin-Studien vergleichen zu können. Sie erhielten nach dem Zufallsprinzip entweder Oxytocin oder ein Placebo. Anschließend nahmen sie an einem anonymen Vertrauensspiel teil. Dabei entschieden sie, wie viel Geld sie einer unbekannten Person anvertrauen wollten. Sowohl in der Rolle des Investors als auch der des Treuhänders erhielten sie jeweils 12 Euro. Als Investor konnten sie dem anderen Teilnehmer entweder 0, 4, 8 oder 12 Euro überweisen. Der Betrag wurde verdreifacht; anschließend konnte die andere Person einen beliebigen Betrag zurücküberweisen. Je mehr Geld der Investor überwies, desto grösser war sein Vertrauen, dass sich sein Gegenüber fair verhalten würde.
Wirkung bei Männern mit geringer Vertrauensbereitschaft
Männer mit geringer Vertrauensbereitschaft, die Oxytocin erhalten hatten, vertrauten ihrem Gegenüber im Durchschnitt rund 15 Prozent mehr Geld an als die Placebogruppe. Anschließend kombinierten die Forschenden diese Daten mit einer früheren, vergleichbaren Untersuchung. In der gemeinsamen Auswertung von insgesamt 578 Männern mit geringer Vertrauensbereitschaft zeigte sich ein Anstieg des Vertrauens von knapp 17 Prozent. Der Effekt blieb auch bestehen, nachdem die Forschenden verschiedene Persönlichkeitsmerkmale berücksichtigt hatten.
Die Studie bestätigt laut den Forschenden damit einen Befund, der sich bereits in einer früheren Untersuchung abgezeichnet hatte, nun aber erstmals mit einer vorab festgelegten Hypothese und einer deutlich größeren Stichprobe überprüft wurde. „Nach über 20 Jahren ist es uns nun gelungen, belastbare Evidenz für eine selektive Wirkung von Oxytocin zu liefern“, sagt Fehr.
Selektive Wirkung
Die Ergebnisse sprechen zugleich gegen die Annahme, Oxytocin mache Menschen grundsätzlich vertrauensvoller. Stattdessen zeigt die Studie, dass das Hormon das Vertrauen selektiv bei Männern mit geringer Vertrauensbereitschaft erhöht. Innerhalb dieser Gruppe spielte das Ausmaß der Vertrauensbereitschaft hingegen keine Rolle: Bei Männern mit besonders niedrigen Werten war der Effekt nicht stärker als bei Männern mit etwas höheren, aber ebenfalls niedrigen Werten.
Mechanismen weiter unklar
Warum Oxytocin diesen spezifischen Effekt auslöst, bleibt offen. Die Studie untersucht die zugrunde liegenden biologischen Mechanismen nicht direkt. „Möglicherweise erhöht das Hormon die Erwartung, dass andere kooperieren“, sagt Fehr. Ebenso könnte Oxytocin die Angst verringern, von anderen betrogen zu werden. Künftige Studien sollen diese Mechanismen genauer untersuchen und klären, ob sich die Ergebnisse auch auf Frauen übertragen lassen.
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