Fieberkrampf bei Kleinkindern


Sanja Agatic

Symbolbild: Ein Fieberthermometer in einer Hand und die andere Hand liegt auf der Stirn des Babys auf.
Fieberkrämpfe wirken bedrohlich, verlaufen jedoch meist komplikationslos. Entscheidend ist, das Kind vor Verletzungen zu schützen und gefährliche Fehlmaßnahmen zu vermeiden. Foto:stock.adobe.com/artem_goncharov

Paracetamol vorsorglich gegen Fieberkrämpfe einzusetzen, gilt als naheliegend, belegt ist der Nutzen dafür aber nicht. Entscheidend ist deshalb zu wissen, was im Ernstfall wirklich hilft und was nicht.

Ein Fieberkrampf ist ein epileptischer Anfall, der ausschließlich im Zusammenhang mit Fieber auftritt. Betroffen sind vor allem Kinder zwischen sechs Monaten und fünf Jahren, mit einem Häufigkeitsgipfel zwischen zwölf und 18 Monaten. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP) erlebt etwa jedes 20. Kind mindestens einen Fieberkrampf.

Schneller Temperaturanstieg ist oft der Auslöser

Ein weit verbreiteter Irrtum: Viele Eltern glauben ein Fieberkrampf trete erst bei Temperaturen von 40 C oder mehr auf. Dabei spielt die Körpertemperatur oft eine geringere Rolle als die Geschwindigkeit, mit der sie ansteigt. Deshalb kann ein Kind bereits bei 38,5 C einen Fieberkrampf entwickeln, während ein anderes selbst deutlich höheres Fieber problemlos toleriert. Dies verdeutlicht, warum solche Anfälle oft zeitnah mit dem Entdecken des Fiebers einhergehen.

Während eines Fieberkrampfes

Das Gehirn kleiner Kinder befindet sich noch in der Entwicklung. Durch den raschen Temperaturanstieg reagieren Nervenzellen vorübergehend überempfindlich und entladen sich gleichzeitig. Dadurch kommt es zu einem Krampfanfall. Das Kind verliert kurz das Bewusstsein, die Augen verdrehen sich oder blicken starr, Arme und Beine versteifen sich zunächst und beginnen anschließend zu zucken. Viele Kinder atmen währenddessen flacher oder wirken kurz bläulich um die Lippen. In den meisten Fällen endet der Anfall jedoch innerhalb von zwei bis fünf Minuten von selbst. Anschließend schlafen viele Kinder ein oder wirken für kurze Zeit benommen.

Ibuprofen und Paracetamol bieten keinen sicheren Schutz

Sobald ein Kind Fieber entwickelt, greifen viele Eltern vorsorglich zu fiebersenkenden Medikamenten um einen Fieberkrampf verhindern zu können. Genau das konnten wissenschaftliche Untersuchungen jedoch nicht bestätigen. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit von Martin Offringa und Kolleg:innen aus dem Jahr 2021 kommt zu dem Schluss, dass fiebersenkende Medikamente wie Paracetamol oder Ibuprofen wiederkehrende Fieberkrämpfe nicht zuverlässig verhindern. Auch die American Academy of Pediatrics (AAP) empfiehlt fiebersenkende Medikamente deshalb ausschließlich zur Linderung des Unwohlseins, nicht zur Vorbeugung eines Krampfanfalls.

Eine medikamentöse Vorbeugung ist nach einem unkomplizierten Fieberkrampf in der Regel nicht vorgesehen. Zwar können bestimmte Antikonvulsiva wie Diazepam das Wiederholungsrisiko senken, aufgrund möglicher Nebenwirkungen überwiegt bei einfachen Fieberkrämpfen jedoch meist nicht der Nutzen. Fiebersenker haben trotzdem bewährt: Paracetamol oder Ibuprofen können das Befinden des fiebernden Kindes verbessern, sie sollten aber nicht mit dem Ziel gegeben werden, einen Fieberkrampf zu verhindern.

Eine japanische Studie von Shinya Murata und Kolleg:innen aus dem Jahr 2018 liefert allerdings einen interessanten Hinweis: Kinder, die nach einem Fieberkrampf während derselben Fieberepisode regelmäßig rektales Paracetamol erhielten, erlitten seltener einen weiteren Krampfanfall. Die Ergebnisse sprechen damit für einen möglichen Effekt auf kruzfristige Rezivide, nicht jedoch für eine generelle Vorbeugung von Fieberkrämpfen.

Die häufigsten Fehler

Noch immer halten sich zahlreiche Irrtümer, die im Ernstfall sogar gefährlich werden können. Der wohl bekannteste: Dem Kind einen Löffel oder die Finger zwischen die Zähne zu schieben, damit es die Zunge nicht verschluckt. Medizinisch ist das eindeutig widerlegt. Die Zunge kann nicht verschluckt werden. Gegenstände im Mund erhöhen dagegen das Risiko für Zahnverletzungen, Bissverletzungen oder eine Verlegung der Atemwege.

Ebenso wenig sollten Eltern versuchen, das zuckende Kind festzuhalten. Dadurch lässt sich der Anfall nicht beenden, das Verletzungsrisiko steigt jedoch. Auch Medikamente, Getränke oder Nahrung dürfen während eines Krampfanfalls keinesfalls verabreicht werden, da Erstickungsgefahr besteht.

Die wichtigste Maßnahme besteht darin, Ruhe zu bewahren und das Kind vor Verletzungen zu schützen. Scharfe oder harte Gegenstände sollten aus der Umgebung entfernt werden. Sobald die Zuckungen nachlassen, wird das Kind vorsichtig in die stabile Seitenlage gebracht. Ebenso wichtig ist es, die Dauer des Anfalls mit einer Uhr oder mit dem Handy zu messen. Viele Eltern erscheinen wenige Minuten deutlich länger, denn für die ärztliche Beurteilung ist die genaue Dauer jedoch wichtig.

Notfall bei einem Fieberkrampf

Nicht jeder Fieberkrampf verläuft gleich. Von einem einfachen Fieberkrampf sprechen Ärzt:innen, wenn der Anfall den ganzen Körper betrifft, weniger als 15 Minuten dauert und innerhalb von 24 Stunden nur einmal auftritt. Dauert der Krampf länger, tritt er innerhalb eines Tages erneut auf oder betrifft er nur einen Teil des Körpers, handelt es sich um einen komplexen Fieberkrampf. Dann kann eine weiterführende ärztliche Abklärung notwenig sein, um andere Ursachen auszuschließen.

Unabhängig von dieser Einteilung gilt: Beim ersten Fieberkrampf sollte das Kind ärztlich beurteilt werden. Hält der Krampf länger als fünf Minuten an, bestehen Atemprobleme oder wird das Kind danach nicht wieder richtig wach, ist rasche medizinische Hilfe erforderlich. Die Fünf-Minuten-Grenze widerspricht dabei nicht der 15-Minuten-Grenze: 15 Minuten dienen der Einteilung in einfach oder komplex, bereits nach fünf Minuten wird ein anhaltender Krampfanfall akut behandlungsbedürftig.

Ein unkomplizierter Fieberkrampf verursacht weder Hirnschäden noch beeinträchtigt er die geistige Entwicklung. Etwa 30 bis 35 Prozent der Kinder erleiden allerdings einen weiteren Fieberkrampf. Das Risiko für Epilepsie ist erhöht, wenn der erste Anfall bereits vor dem 18. Lebensmonat auftrat, nahe Angehörige ebenfalls Fieberkrämpfe hatten oder zwischen Fieberbeginn und Anfall nur wenig Zeit verging. Eine große dänische Langzeitstudie um Vestergaard, zeigte zwar ein leicht erhöhtes Epilepsierisiko nach komplizierten Fieberkrämpfen. Nach einem einfachen Fieberkrampf entwickeln jedoch die allermeisten Kinder keine Epilepsie.



Newsletter

Bleiben Sie stets informiert!