Teclostamab wird bislang zur Behandlung des Multipen Myeloms eingesetzt. Ein Fall aus Wien zeigt nun ein mögliches zweites Einsatzgebiet. Der bispezifische Antikörper könnte problematische Antikörper vor einer Organtransplantation so weit reduzieren, dass zuvor ungeeignete Spenderorgane infrage kommen.
Teclistamab bindet an B-Cell Maturation Antigen (BCMA) auf Plasmazellen und Cluster of Differentiation 3 (CD3) auf T-Zellen. Dadurch werden T-Zellen gegen BCMA-tragende Zellen aktiviert. Während dieser Mechanismus bei Multiplen Myelom gegen Tumorzellen gerichtet ist, könnte er in der Transplantationsmedizin die Produktion unerwünschter Antikörper zurückdrängen.
Zwölf Jahre ohne passende Niere
Zum Einsatz kam der Wirkstoff bei einem 37-jährigen Patienten, bei dem nach zwei früheren Nierentransplantationen das Immunsystem Humane Leukozytenantigene (HLA) gegen potenzielle Spenderorgane gebildet hatte. Die Verfügbarkeit geeigneter Organe wurde somit deutlich einschränkt. Mehr als zwölf Jahre stand er auf der Warteliste, eine passende Niere war nach Angaben „kaum zu finden“. 20 bis 30 Prozent der Personen auf der Warteliste seien von einer relevanten HLA-Sensibilisierung betroffen, so die Wissenschaftler.
Über 31 Wochen wurde der Patient mit Teclistamab behandelt. Die Antikörper gegen potenzielle Transplantate gingen deutlich und anhaltend zurück. „Im Verlauf der Therapie konnten HLA-Merkmale von Spendernieren, gegen die zuvor starke Antikörperreaktionen bestanden, schrittweise als akzeptabel eingestuft werden“, erklärt Erstautorin Martina Schatzl. Schließlich wurde eine Nierentransplantation möglich. „Dem Patienten geht es heute sehr gut, die Nierenfunktion ist ausgezeichnet, er braucht keine Dialyse mehr“, berichtet Studienleiter Georg Böhm.
Eine neue Einsatzmöglichkeit
Der Ansatz geht damit über den Einzelfall hinaus. Statt vorhandene Antikörper lediglich vorübergehend zu entfernen, greift Treclistamab bei den antikörperproduzierenden Zellen an. Noch lässt sich aus einem einzelnen Patienten keine neue Standardtherapie ableiten, so die Wissenschaftler. Der Eingriff in das Immunsystem ist zudem erheblich.
Unter Teclistamab gehören unter anderem Infektionen, Hypogammaglobulinämie und das Zytokinfreisetzungssyndrom zu den relevanten Risiken. Der Ansatz könnte dennoch über die klassische Nierentransplantation hinaus interessant werden. Laut dem Wiener Forschungsteam gibt es Hinweise auf mögliche Anwendungen bei blutgruppeninkompatiblen Transplantationen und bei genetisch modifizierten Schweineorganen. Weitere Untersuchungen müssen zeigen, ob sich Wirksamkeit und Sicherheit bestätigen.
APA
