Nach Virusinfektionen: Alzheimer-Risiko um bis zu 88 Prozent erhöht


Viktoria Anderle

Man sieht einen sitzenden älteren Herren. Er hält eine Hand an seinen Kopf und sein Kopf scheint in Tausend Scherben zu zerspringen.
Obwohl zahlreiche Studien sich mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer befasst haben, ist ihre Ätiologie noch immer nicht vollständig geklärt.master1305/ AdobeStock_269171947

Virusinfektionen könnten eine größere Rolle bei neurodegenerativen Erkrankungen spielen als bisher angenommen. Eine aktuelle Metaanalyse zeigt ein deutlich erhöhtes Risiko für Alzheimer und Parkinson nach bestimmten Virusinfekten. Für ALS konnte hingegen kein Zusammenhang festgestellt werden.

Virusinfektionen werden seit Längerem als möglicher Faktor in der Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen diskutiert. Unklar war bislang jedoch, welchen Einfluss einzelne Viren konkret auf Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder amyotrophe Lateralsklerose (ALS) haben.

Viren schon früher im Verdacht

Für eine Infektion mit dem Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1) konnte gezeigt werden, dass es zur Induktion von Tau-Oligomerisierung und Hyperphosphorylierung kommt, so das Forschungsteam. Dies deutet ihnen zufolge auf einen möglichen Zusammenhang zwischen einer HSV-1-Infektion und der Progression der Alzheimer-Demenz hin. Darüber hinaus legen neuere experimentelle Daten nahe, dass verschiedene Viren die Alterung von Mikroglia fördern können, was eine Neuroinflammation begünstigt und damit zur Neurodegeneration beiträgt. Auch für schwere Covid-19-Verläufe wurde gezeigt, dass sie das Alzheimer-Risiko verstärken können, möglicherweise vermittelt durch Mechanismen wie Zytokinfreisetzung, Neuroinflammation und oxidativen Stress.

Ein systematischer Review mit Metaanalyse aus China liefert nun neue Hinweise: Insgesamt wurden 48 Beobachtungsstudien ausgewertet, die in medizinisch-wissenschaftlichen Datenbanken wie PubMed, Embase, Cochrane Library, Web of Science und Scopus bis Mai 2025 identifiziert wurden.

Erhöhtes Risiko für Alzheimer und Parkinson

Die Analyse zeigt, dass mehrere Virusinfektionen mit einem erhöhten Risiko für neurodegenerative Erkrankungen assoziiert sind.

Für die Alzheimerkrankheit ergaben sich folgende Zusammenhänge:

  • Cytomegalovirus: Anstieg des Risikos um rund 41 Prozent
  • SARS-CoV-2: Anstieg um etwa 88 Prozent
  • Hepatitis-C-Virus: Anstieg um etwa 39 Prozent
  • Humanes Herpesvirus: Anstieg um rund 24 Prozent

Auch für die Parkinsonkrankheit wurden Zusammenhänge beobachtet:

  • Hepatitis-B-Virus: erhöhtes Risiko um etwa 18 Prozent
  • Hepatitis-C-Virus: erhöhtes Risiko um etwa 29 Prozent

Ein Zusammenhang zwischen Virusinfektionen und der Entstehung von ALS konnte hingegen nicht festgestellt werden.

Mechanismen noch ungeklärt

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bestimmte Virusinfektionen als Risikofaktoren für Alzheimer- und Parkinsonerkrankungen eine Rolle spielen könnten. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind jedoch noch nicht abschließend geklärt. Die Autorinnen und Autoren betonen daher, dass weitere Forschung notwendig ist, um die biologischen Zusammenhänge zwischen Virusinfektionen und neurodegenerativen Prozessen besser zu verstehen.

Die wissenschaftliche Arbeit wurde unter dem Titel „Viral infections and the risk of neurodegenerative diseases: a comprehensive meta-analysis and systematic review“ im Fachjournal Translational Psychiatry veröffentlicht.

MEDWISS.ONLINE



Newsletter

Bleiben Sie stets informiert!