In seltenen Fällen kann eine Infektion mit Adenoviren zur Bildung lebensbedrohlicher Blutgerinnsel führen. Bei einem zwölfjährigen Buben aus Österreich hat ein österreichisch-deutsches Forschungsteam nun erstmals die dafür verantwortliche Adenovirus-Variante identifiziert. Die Erkenntnisse könnten zur Entwicklung sichererer Vektorimpfstoffe beitragen.
Der zwölfjährige Patient entwickelte eine Woche nach Beginn eines gewöhnlichen Atemwegsinfekts plötzlich lebensbedrohliche Blutgerinnsel in Verbindung mit einer verminderten Zahl an Blutplättchen. Am vierten Tag seines Aufenthalts an der Medizinischen Universität Innsbruck diagnostizierten die behandelnden Ärzte mehrere venöse Thrombosen, darunter eine tiefe Venenthrombose und eine Lungenembolie.
Aufgrund des schweren Verlaufs zogen sie Fachleute des Instituts für Transfusionsmedizin der Universitätsmedizin Greifswald hinzu. Die weiteren virologischen Untersuchungen erfolgten gemeinsam mit Forschenden der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Das deutsch-österreichische Team konnte schließlich die auslösende Adenovirus-Variante identifizieren. In Greifswald wird das Krankheitsbild der virusinduzierten Immunthrombozytopenie und Thrombose (VITT) bereits seit mehreren Jahren schwerpunktmäßig erforscht.
Antikörper gegen Plättchenfaktor 4
In Greifswald wies das Team Antikörper gegen das körpereigene Protein Plättchenfaktor 4 als Ursache für die Blutgerinnsel nach. Das ermöglichte eine gezielte Behandlung. Das Kind erholte sich und ist heute beschwerdefrei. Aus einem Abstrich des Patienten wurde in Innsbruck das für den Infekt verantwortliche humane Adenovirus Typ 3 (HAdV-B3) identifiziert und genetisch charakterisiert.
„Bei einer so seltenen Erkrankung ist die schnelle Zusammenarbeit über Fach- und Ländergrenzen hinweg entscheidend“, sagt Dr. Linda Schönborn vom Institut für Transfusionsmedizin der Universitätsmedizin Greifswald, Verantwortliche der Studie. „Gemeinsam konnten wir das für diese seltene Immunreaktion verantwortliche Adenovirus identifizieren und erstmals mit der Entstehung der Blutgerinnsel in Verbindung bringen.“
Wegweisend für Impfstoff-Entwicklung
Adenoviren sind weit verbreitet, nahezu jeder Mensch infiziert sich im Leben mit ihnen. Es ist bekannt, dass natürliche Adenovirus-Infektionen in seltenen Fällen durch eine fehlgeleitete Immunantwort Blutgerinnsel auslösen können. Unklar war jedoch bisher, welche Adenoviren genau dafür verantwortlich sind.
Die aktuelle Studie ist Teil eines größeren Forschungsprojekts: In der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit rund 5,9 Millionen Euro geförderten Forschungsgruppe FOR 5898 „AdBHealth“ erforschen Wissenschaftler:innen verschiedener deutscher Universitäten Adenoviren, ihre Wechselwirkungen mit dem Immunsystem und ihre Nutzung als medizinische Vektoren.
„Adenoviren interessieren uns besonders aus zwei Gründen: Sie verursachen weltweit häufig Infektionen und sind gleichzeitig wichtige Werkzeuge moderner Impfstoffe und Gentherapien“, sagt Professor Thomas Thiele, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin. „Wenn wir besser verstehen, welche Virusbestandteile Blutgerinnsel auslösen, können wir sowohl die Komplikationen der Infektionen besser einordnen als auch Impfungen sicherer machen.“
Die Erkenntnisse dieses Falles wurden nun in einer Studie im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht. Professor Dr. Karlhans Endlich, Wissenschaftlicher Vorstand der Unimedizin Greifswald, hebt in der Betrachtung des Falls die Bedeutung für Wissenschaft und Versorgung hervor: „Die zusätzlich gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse aus dieser Studie sind ebenso unschätzbar wertvoll für die Impfstoffentwicklung, da sie voraussichtlich in Zukunft Leben retten werden.“
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