Retatrutid: Mit drei Rezeptoren Richtung 30 Prozent Gewichtsverlust


Sanja Agatic

Symbolbild: Eine Ärztin misst den Bauchumfang von einem Patienten.
Retatrutid setzt dort an, wo Semaglutid und Tirzepatid aufhören: Der Triple-Agonist aktiviert GLP-1, GIP und den Glucagon-Rezeptor und erreicht in einer Phase-III-Studie im Mittel 28,3 Prozent Gewichtsverlust.Foto:stock.adobe.com/Jelena Stanojkovic

In Sachen Gewichtsverlust erzielt Semaglutid eine Reduktion von rund 15 Prozent und Tirzepatid von rund 21 Prozent. Retatrutid nähert sich in klinischen Studien mittlerweile der 30-Prozent-Schwelle an. Dahinter steckt aber nicht nur eine stärkere Appetitkontrolle: Denn der neue Wirkstoff nimmt erstmals drei Hormonrezeptoren gleichzeitig ins Visier.

Die Entwicklung der sogenannten Abnehmspritzen schreitet in einem bemerkenswertem Tempo voran. Nach Semaglutid (Ozempic/Wegovy) und Tirzepatid (Mounjaro) steht mit Retatrutid bereits die nächste Wirkstoffgeneration in den Startlöchern. Der Triple-Agonist befindet sich noch in klinischer Entwicklung, liefert inzwischen aber Phase-III-Daten, die deutlich machen weshalb er als möglicher nächster großer Schritt in der Adipositastherapie gilt.

Von rund 15 auf mehr als 28 Prozent

Ein Blick auf die Studienergebnisse zeigt die Größenordnung. In der STEP-1-Studie verloren Teilnehmer:innen unter Semaglutid 2,4 mg nach 68 Wochen durchschnittlich 14,9 Prozent ihres Ausgangsgewichts. Wichtig: Diese Dosierung entspricht der Adipositastherapie mit Wegovy und nicht der üblichen Ozempic-Anwendung bei Diabetes. Trizepatid steigerte die Gewichtsreduktion weiter. In SURMOUNT-1 verloren Teilnehmer:innen mit der höchsten untersuchten Dosis von 15 mg nach 72 Wochen durchschnittlich 20,9 Prozent ihres Körpergewichts.

Retatrutid übertraf diese Größenordnung bereits in Phase II: Mit 12 mg wurden nach nur 48 Wochen durchschnittlich 24,2 Prozent erreicht. Dabei handelte es sich aber um einen Zeitpunkt, an dem die Gewichtskurze noch kein eindeutiges Plateau erkennen ließ. Mittlerweile liegen erste Phase-III-Ergebnisse vor. In TRIUMPH-1 verloren Teilnehmer:innen unter 12 mg Retatrutid nach 80 Wochen durchschnittlich 28,3 Prozent ihres Körpergewichts. 45,3 Prozent erreichten sogar eine Gewichtsreduktion von mindestens 30 Prozent.

Die Zahlen sind allerdings nicht unmittelbar miteinander vergleichbar, da sie aus unterschiedlichen Studien mit unterschiedlichen Teilnehmer:innen, Laufzeiten und Studiendesigns stammen.

Der dritte Rezeptor macht den Unterschied

Der entscheidende Unterschied liegt im Wirkmechanismus. Semaglutid aktiviert den GLP-1-Rezeptor (Glucagon-like Peptide-1). Tirzepatid kombiniert GLP-1 und GIP (glucose-dependent insulinotropic polypeptide). Retatrutid erweitert diese beiden Mechanismen um den Glucagon-Rezeptor und wird deshalb als Triple-Agonist bezeichnet. In präklinischen Untersuchungen zu Retatrutid zeigte sich, dass die zusätzliche Aktivierung des Glucagon-Rezeptors den Energieverbrauch erhöhen und damit neben einer verminderten Kalorienaufnahme zur Gewichtsabnahme beitragen kann. Ob und in welchem Ausmaß dieser zusätzliche Effekt auch beim Menschen für die Gewichtsabnahme verantwortlich ist, lässt sich aus den bisherigen klinischen Daten allerdings noch nicht eindeutig ableiten.

Hier liegt eine der spannendsten Fragen der weiteren Forschung: Ob Retatrutid bei Menschen einen relevanten zusätzlichen „Stoffwechsel-Effekt“ erzeugt und wie groß dessen Anteil an der Gewichtsreduktion ist. Die bisherigen klinischen Daten reichen nicht aus, um den außergewöhnlich hohen Gewichtsverlust allein diesem Mechanismus zuzuschreiben.

Derzeit noch Prüfpräparat

Trotz der Studienergebnissen kann Retatrutid derzeit weder in Deutschland noch in Österreich regulär bezogen werden. Hersteller Lilly bezeichnet den Wirkstoff weiterhin als Prüfpräparat, das nicht für die öffentliche Anwendung verfügbar ist.

Dass Retatrutid in Deutschland grundsätzlich früher zugelassen wird als in Österreich, ist ebenfalls nicht zu erwarten. Bei einem zentralen europäischen Zulassungsverfahren erfolgt die Arzneimittelzulassung auf EU-Ebene. Unterschiede zwischen den Ländern können anschließend vielmehr dadurch entstehen, wann ein Präparat auf den Markt kommt, wie es erstattet wird und wie schnell es verfügbar ist. Bei der European Medicines Agency (EMA) ist Retatrutid bereits im Zusammenhang mit einem pädiatrischen Entwicklungsplan für die Behandlung von Adipositas dokumentiert. Eine reguläre Marktzulassung bedeutet das jedoch noch nicht.

Hohe Erwartungen

Besonders die Aussicht auf eine Gewichtsreduktion nahe der 30-Prozent-Schwelle wird Retatrutid wohl weiterhin große Aufmerksamkeit einbringen. Doch hohe Gewichtsverluste allein entscheiden nicht über den späteren Stellenwert eines Arzneimittels. Verträglichkeit, Langzeitsicherheit, Therapieabbrüche und die Frage, wie dauerhaft die Gewichtsreduktion erhalten bleibt, werden ebenso entscheidend sein.



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