Chlorophyll-Wasser: Was hinter dem TikTok-Trend steckt


Sanja Agatic

Symbolbild: Ein Glaswasser mit einer grünen Verfärbung.
Chlorophyll-Wasser soll Haut, Gewicht und Wohlbefinden verbessern, wissenschaftlich belegt ist davon bislang nur wenig.Foto:stock.adobe.com/Vista Photo

Ein paar Tropfen ins Wasserglas, kräftig umrühren und schon wird aus gewöhnlichem Wasser ein dunkelgrüner Drink. Auf TikTok wird Chlorophyll-Wasser mit einer langen Liste möglicher Effekte beworben: reinere Haut, weniger Körpergeruch, bessere Verdauung, Gewichtsverlust und eine angebliche „Entgiftung“ des Körpers. Die wissenschaftliche Grundlage dafür fällt allerdings wesentlich schmaler aus als die Versprechen.

Chlorophyll ist jener grüne Pflanzenfarbstoff, mit dessen Hilfe Pflanzen Lichtenergie für die Photosynthese aufnehmen. Enthalten ist er unter anderem in Spinat, Petersilie, Brokkoli und anderen grünen Gemüsesorten.

In den Tropfen steckt meist kein reines Chlorophyll

Wer flüssiges „Chlorophyll“ kauft, bekommt jedoch häufig etwas anderes. Viele Produkte enthalten Natrium-Kupfer-Chlorophyllin, eine wasserlösliche, chemisch veränderte Form des natürlichen Pflanzenfarbstoffs. Dabei wird unter anderem das Magnesium im Chlorophyll durch Kupfer ersetzt. In der EU sind Kupferkomplexe der Chlorophylline auch als Farbstoff E141 (ii) bekannt.

Diese Unterscheidung ist entscheidend, wenn Studien als Beleg für Chlorophyll-Wasser herangezogen werden. Forschung zu Chlorophyllin lässt sich nicht automatisch auf natürliches Chlorophyll übertragen und umgekehrt.

Reinere Haut?

Besonders häufig wird Chlorophyll-Wasser gegen unreine Haut und Akne empfohlen. Hinweise auf einen möglichen Effekt gibt es tatsächlich, allerdings nicht beim Trinken. In der Studie „Pilot Study of Topical Copper Chlorophyllin Complex in Subjects With Facial Acne and Large Pores“ wurden zehn Personen mit leichter bis mittelschwerer Akne untersucht. Drei Wochen lang trugen die Teilnehmer zweimal täglich ein Gel mit 0,1 Prozent Natrium-Kupfer-Chlorophyllin auf das Gesicht auf. Danach zeigten sich Verbesserungen bei mehreren untersuchten Hautparametern.

Für Chlorophyll-Wasser ist diese Untersuchung allerdings kein Wirksamkeitsnachweis: Das Präparat wurde direkt auf die Haut aufgetragen, lediglich zehn Personen nahmen teil und eine Placebogruppe gab es nicht. Ob oral eingenommenes Chlorophyllin einen vergleichbaren Effekt auf Akne hat, lässt sich daraus nicht ableiten.

Beim Abnehmen wird häufig die falsche Studie zitiert

Auch beim Thema Gewichtsverlust lohnt sich ein genauer Blick auf die Forschung. Besonders häufig wird eine Untersuchung der Arbeitsgruppe um Caroline Montelius von der Universität Lund in Schweden angeführt. Die Studie „Body weight loss, reduced urge for palatable food and increased release of GLP-1 through daily supplementation with green-plant membranes for three months in overweight women“ erschien im Fachjournal Appetite.

38 Frauen mit Übergewicht nahmen zwölf Wochen lang entweder fünf Gramm eines Extrakts aus grünen Pflanzenmembranen oder ein Placebo ein. Zusätzlich sollten alle Teilnehmerinnen drei Mahlzeiten am Tag essen, auf Zwischenmahlzeiten verzichten und ihre körperliche Aktivität steigern. Die Frauen mit dem Pflanzenextrakt verloren im Durchschnitt fünf Kilogramm, in der Kontrollgruppe waren es 3,5 Kilogramm. Auch die Ausschüttung des Sättigungshormons GLP-1 nahm nach den Mahlzeiten stärker zu.

Verabreicht wurden Thylakoidmembranen aus grünen Pflanzen, nicht Chlorophyll-Tropfen oder Chlorophyll-Wasser. Thylakoide sind komplexe Membranstrukturen aus Chloroplasten und enthalten neben Chlorophyll zahlreiche weitere Bestandteile. Die Ergebnisse können deshalb nicht einfach auf die im Handel angebotenen Chlorophyllin-Lösungen übertragen werden. Das bestätigt auch der systematische Review „Effects of thylakoid intake on appetite and weight loss: a systematic review“. Die Autoren werteten acht klinische Studien aus. Zwar deuteten die Arbeiten darauf hin, dass Thylakoide kurzfristig Hunger und Sättigung beeinflussen können, die Ergebnisse zum Gewichtsverlust blieben jedoch uneinheitlich.

Kein allgemeines Entgiften

Etwas interessanter wird es bei einem weiteren TikTok-Schlagwort: „Detox“. Chlorophyllin kann im Verdauungstrakt bestimmte Substanzen binden und dadurch deren Aufnahme beeinflussen. Besonders gut untersucht wurde das bei Aflatoxin B1, einem von Schimmelpilzen gebildeten Giftstoff, der unter anderem mit einem erhöhten Leberkrebsrisiko in Verbindung steht.

Eine viel zitierte Untersuchung trägt den Titel „Chlorophyllin intervention reduces aflatoxin DNA adducts in individuals at high risk for liver cancer“. Die randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studie umfasste 180 Erwachsene aus dem damals stark belasteten Qidong in China. Vier Monate lang erhielten sie dreimal täglich 100 Milligramm Chlorophyllin oder ein Placebo. In der Chlorophyllin-Gruppe waren bestimmte Aflatoxin-DNA-Abbauprodukte im Urin deutlich vermindert, vermutlich weil Chlorophyllin die Aufnahme des Giftes im Darm reduzierte.

Was Chlorophyll im Körper bewirken kann

Chlorophyll und Chlorophyllin werden im Magen-Darm-Trakt teilweise verändert und abgebaut. Labor- und Tierstudien weisen unter anderem auf antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften hin. Sie zeigen jedoch nicht automatisch, dass ein Glas Chlorophyll-Wasser beim Menschen relevante Effekte auslöst. Bei TikTok-Trends wird diese Grenze oft verwischt.

Weniger Körpergeruch bleibt fraglich

Chlorophyll wird seit Jahrzehnten als „Deo von innen“ beworben. Solide moderne klinische Daten, die eine zuverlässige Verringerung von Schweiß-, Mund- oder Körpergeruch bei gesunden Menschen zeigen, fehlen jedoch. Eine subjektive Verbesserung kann auch mit mehr Flüssigkeit, veränderter Ernährung oder neuer Hautpflege zusammenhängen und beweist keine Wirkung des Präparats.

Grün gefärbter Stuhl als Nebenwirkung

Chlorophyll gilt in üblichen Mengen als vergleichsweise gut verträglich. Möglich sind dennoch Übelkeit, Bauchschmerzen, Durchfall sowie eine grünliche Verfärbung von Stuhl oder vorübergehend der Zunge. Bei hoch konzentrierten Tropfen gilt: Mehr bedeutet nicht mehr Wirkung. Eine medizinisch etablierte Dosierung zur Verbesserung von Haut, Gewicht oder Verdauung gibt es nicht, die Herstellerangaben sollten nicht überschritten werden.

Für Schwangerschaft und Stillzeit fehlen ausreichend Daten zu hoch dosierten Chlorophyll- und Chlorophyllin-Supplementen. Wer regelmäßig Arzneimittel einnimmt oder an Erkrankungen leidet, sollte vor einer längerfristigen Einnahme Rücksprache in der Apotheke oder Arztpraxis halten.



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