Hypochlorsäure-Sprays: Neuer Hautpflege-Trend


Sanja Agatic

Symbolbild: Hand mit Sprühflasche und feinem Sprühnebel.
Hypochlorsäure-Sprays werden bei unreiner und gereizter Haut beworben.Foto:stock.adobe.com/Northern life

Nach dem Training ins Gesicht, bei unreiner Haut zwischendurch oder auf gereizte Stellen: Sprays mit Hypochlorsäure tauchen inzwischen regelmäßig in Hautpflege-Routinen auf Social Media auf. Die Substanz besitzt antimikrobielle und entzündungshemmende Eigenschaften. Bei Akne, Ekzemen oder Kopfhautproblemen ist die Datenlage allerdings längst nicht so umfassend, wie manche Produktversprechen vermuten lassen.

Hypochlorsäure klingt zunächst eher nach Labor als nach Gesichtspflege. Dabei ist HOCI dem menschlichen Körper nicht fremd. Aktivierte neutrophile Granulozyten bilden die Verbindung im Rahmen der angeborenen Immunabwehr, um Mikroorganismen zu bekämpfen. Chemisch handelt es sich um eine schwache Säure mit ausgeprägter oxidierender Wirkung. Genau diese Eigenschaft wird seit Langem medizinisch genutzt. Stabilisierten HOCI-Lösungen begegnet man unter anderem in der Wundversorgung. Inzwischen stehen daneben Sprays, die gezielt für Gesicht und Körper vermarktet werden. Typische Anwendungsempfehlungen reichen vom Sprühstoß nach dem Fitnessstudio bis zu mehrmaliger täglicher Anwendung bei Akne.

Eine 2025 erschiene Übersichtsarbeit für die 61 klinische Studien zu Hypochlorsäure ausgewertet wurden, beschreibt antimikrobielle, entzündungshemmende und immunmodulierende Effekte. Untersucht wurde HOCI unter anderem bei Wunden, atopischer Dermatitis, seborrhoischer Dermatitis und Akne. Gleichzeitig betonen die Autor:innen, dass die Ergebnisse nicht durchgehend einheitlich sind und optimale Konzentrationen und Anwendungsschemata noch nicht ausreichend geklärt sind.

Warum das Spray nach dem Sport verwenden?

Schweiß allein verursacht keine Akne. Nach dem Training treffen auf der Haut allerdings Schweiß, Talg, Reibung und beispielsweise enganliegende Sportkleidung oder Stirnbänder zusammen. Wird anschließend nicht sofort geduscht, erscheint ein antimikrobielles Spray als unkomplizierte Zwischenlösung. HOCI kann verschiedene Mikroorganismen inaktivieren und weist gleichzeitig eine vergleichsweise gute Hautverträglichkeit auf. Genau daraus entstand die Idee, das Spray beispielsweise direkt nach dem Sport auf das Gesicht, Brust oder den Rücken aufzutragen.

Das macht es allerdings noch nicht zu einem Akne-Medikament. Eine 2025 erschiene Übersichtsarbeit zu kosmetischen Produkten bei Kindern und Jugendlichen nennt für frei verkäufliche HOCI-Sprays häufig Konzentrationen um 0,015 Prozent. Die Autor:innen beschreiben eine mögliche Reduktion von Cutibacterium acnes, weisen aber ausdrücklich darauf hin, dass die klinische Literatur zur Akne bislang begrenzt ist.

Besonders deutlich wird die Lücke beim Blick auf die aktuelle Akneforschung. In einer großen systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse randomisierten Studien zu topischen Behandlungen leichter bis mittelschwerer Akne aus dem Jahr 2025 spielen etablierte Wirkstoffe wie Benzoylperoxid oder Retinoide die zentrale Rolle. Für HOCI exisitiert dagegen wesentlich weniger belastbare klinische Evidenz.

Bei Ekzemen steckt mehr dahinter als „Desinfektion“

Besser untersucht ist der Einsatz bei atopischer Haut. Bei atopischer Dermatitis findet sich auf der Haut häufig Staphylococcus aureus. Die Besiedlung kann mit Entzündung und Krankheitsschwere zusammenhängen.

Hier wurden hypochlorithaltige beziehungsweise HOCI-nahe Lösungen bereits deutlich länger untersucht. Der aktuelle Review von Haralovic und Kolleg:innen führt mehrere klinische Studien auf, in denen sich Hautsymptome besserten. Die Ergebnisse zur tatsächlichen Reduktion der Straphylococcus-aureus-Besiedlung waren dagegen widersprüchlich: Einige Untersuchungen fanden eine Abnahme, andere nicht. Ein großer Scoping Review von 2025 kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Von 222 einbezogenen dermatologischen Arbeiten beschäftigten sich 78 mit ekzematösen Hauterkrankungen. Zwar sprechen die Daten für antimikrobielle und entzündungshemmende Eigenschaften verdünnter Hypochlorit-Lösungen, Konzentrationen und Behandlungsprotokolle unterscheiden sich jedoch erheblich. Die Autor:innen fordern deshalb weitere kontrollierte Studien.

„Natürlich, weil der Körper es selbst bildet“ greift zu kurz

In Produktwerbung wird gerne darauf verwiesen, dass der Körper selbst Hypochlorsäure produziert. Die Aussage ist zwar grundsätzlich richtig, sagt aber wenig über ein fertiges Hautpflegeprodukt aus. Entscheidend sind unter anderem Konzentration, pH-Wert und Stabilität der Lösung. HOCI ist chemisch reaktiv und kann sich unter ungünstigen Bedingungen abbauen. Unterschiedliche Produkte sind deshalb nicht allein aufgrund der Aufschrift „Hypochlorous Acid“ miteinander vergleichbar. Auch die Behauptung, ein solcher Spray könnte gar nicht reizen, weil HOCl köpereigen sei, ist zu weitgehend. Topische Präparate gelten zwar überwiegend als gut verträglich. Reizung und Kontaktdermatitis sind dennoch möglich.

Was ist mit Kopfhaut und Körpergeruch?

Auf TikTok reicht der Einsatz inzwischen deutlich über das Gesicht hinaus. HOCI wird auf fettige oder gereizte Kopfhaut gesprüht und teilweise als Alternative zu Deodorant beworben. Die antimikrobielle Wirkung liefert dafür eine nachvollziehbare Erklärung: Körpergeruch entsteht wesentlich dadurch, dass Hautbakterien Bestandteile des Schweißes abbauen. Eine vorrübergehende Veränderung der Keimzahl kann daher auch Geruch beeinflussen. Daraus lässt sich allerdings keine zuverlässige Deowirkung ableiten. Ein HOCI-Spray reduziert zudem nicht die Schweißproduktion. Auch für regelmäßige Anwendungen auf der Kopfhaut gegen Schuppen, fettige Kopfhaut oder Haarausfall fehlen derzeit überzeugende klinische Daten.

Wo HOCI besser untersucht ist

Dass der Wirkstoff nur ein Beauty-Hype sei, wäre allerdings ebenfalls falsch. Sein Einsatz in der Wundversorgung ist erheblich besser begründet. Auch nach dermatologischen Eingriffen wird HOCI untersucht.

Eine 2025 veröffentlichte Studie beschäftigte sich mit einem HOCI-Spray rund um Laserbehandlungen im Gesicht. Solche Anwendungen passen wesentlich besser zur bisherigen medizinischen Verwendung als das Versprechen eines universellen „Skin Rescue Sprays“.



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