Eine Allergietablette gegen Prämenstruelles Syndrom (PMS) statt gegen Heuschnupfen? Auf TikTok werden H1-Antihistaminika wie Fexofenadin gemeinsam mit dem H2-Blocker Famotidin als neuer „Histamin-Hack“ gegen Prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS), Angst und Beschwerden der Perimenopause gehandelt. Hintergrund ist die mögliche Wechselwirkung zwischen Sexualhormonen, Mastzellen und Histamin. Ob die Kombination Beschwerden lindern kann, ist wissenschaftlich bislang nicht ausreichend belegt.
Ausgangspunkte des Trends ist die Annahme, dass Histamin nicht nur an allergischen Reaktionen beteiligt ist, sondern über Wechselwirkungen mit Sexualhormonen auch prämenstruelle Beschwerden beeinflussen könnte. Auf TikTok wird daraus die These abgeleitet, dass eine erhöhte Histaminaktivität Beschwerden wie Stimmungsschwankungen, Angst oder körperliche PMS-Symptome verstärken könne. Durch die gleichzeitige Blockade von H1- und H2-Rezeptoren erhoffen sich Nutzer:innen, diese Beschwerden zu lindern. Fexofenadin blockiert H1-Rezeptoren, während Famotidin an H2-Rezeptor wirkt und zur Reduktion der Magensäure eingesetzt wird. Wissenschaftlich belegt ist die Wirksamkeit dieser Kombination bei PMS oder PMDS bislang nicht.
Für Fexofenadin plus Famotidin gibt es derzeit keine belastbaren klinische Studien, die die Kombination als Behandlung von PMS, PMDS, Angststörungen oder Wechseljahresbeschwerden bestätigen. Einzelne positive Erfahrungsberichte können weder Dosierung noch Wirksamkeit oder Langzeitsicherheit für diese Anwendung klären.
Nicht alle Antihistaminika wirken gleich
Hinzu kommt: Antihistaminika unterscheiden sich erheblich. Besonders H1-Antihistaminika der ersten Generation gelangen ins zentralen Nervensystem und können dort Müdigkeit sowie Einschränkungen von Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen verursachen. Das zeigt etwa die Studie „Old versus new antihistamines: Effects on cognition and psychomotor functions“, in der Chlorpheniramin, Levocetirizin und Fexofenadin untersucht wurden. Unter dem älteren Chlorpheniramin verschlechterten sich kognitive und psychomotorische Leistungen, während Fexofenadin keine vergleichbare Sedierung zeigte. Diese Unterschiede gehen in TikTok-Empfehlungen schnell verloren.
Ein sedierendes Antihistaminikum gegen Schlafprobleme einzunehmen, ist beispielsweise nicht mit einer Verbesserung der Schlafqualität gleichzusetzen.
Auch „rezeptfrei“ kann Folgen haben
Besonders relevant wird eine regelmäßige Einnahme bei älteren H1-Antihistaminika mit anticholinerger Wirkung. Die „Adult Changes in Thought Study“in JAMA Internal Medicine veröffentlicht, untersuchte die langfristige Belastung durch stark anticholinerge Arzneimittel. Eine hohe kumulative Exposition war mit einem erhöhtem Demenzrisiko assoziiert.
Plausibler Mechanismus
Dass Histamin weit mehr macht, als Nase und Augen bei Heuschnupfen reagieren zu lassen. Dass eine Histaminblockade deshalb PMS, PMDS oder Beschwerden der Perimenopause behandelt, ist daraus aber nicht abzuleiten.
Wer nach der Einnahme eine Besserung bemerkt, kann damit eine individuelle Erfahrung beschreiben. Ob der Effekt auf der Histaminblockade beruht, welche Patient:innen profitieren könnten und welche Dosierung dafür notwendig wäre, müssten kontrollierte klinische Studien erst zeigen.
