Krebsrisiko schon bei Neugeborenen erkennen?


Redaktion

Symbolbild: Blutentnahme an der Ferse eines Neugeborenen.
Trockenblutproben aus dem Neugeborenenscreening könnten künftig auch Hinweise auf genetisch bedingte Krebsrisiken liefern. Foto:stock.adobe.com/Fernando

Ein kleiner Bluttropfen aus der Ferse könnte künftig mehr verraten als bisher: Forschende konnten darin genetische Veränderungen nachweisen, die mit bestimmten Krebserkrankungen im Kindesalter verbunden sind. Eine große US-Studie zeigt damit einen möglichen Ansatz, das Neugeborenenscreening um ausgewählten Krebsrisikogene zu erweitern. Betroffene Kinder könnten so bereits vor den ersten Symptomen engmaschiger überwacht werden.

11 Gene im Fokus

Bei Neugeborenenscreening werden wenige Tage nach der Geburt einige Tropfen Blut aus der Ferse entnommen und auf Filterpapier getrocknet. In Österreich dient diese Untersuchung derzeit der Früherkennung von mehr als 30 angeborenen Erkrankungen. Ein genetisch bedingtes Risiko für Krebserkrankungen im Kindesalter gehört bislang nicht zum routinemäßigen Screening. Dass sich auch solcher Veranlagungen aus den Trockenblutproben herauslesen lassen könnten, zeigt eine im Fachjournal Nature Communications veröffentlichte Untersuchung. Das Team um Lisa Diller vom Dana-Farber Cancer Institute und Boston Childrens’s Hospital analysierte archivierte Blutproben von 1.948 Kindern aus Michigan, die bis zu ihrem achten Lebensjahr an einem bösartigen soliden Tumor oder einem Tumor des zentralen Nervensystems erkrankt waren. Untersucht wurden elf Gene, die mit einer erblichen Veranlagung für bestimmte Krebserkrankungen im Kindesalter in Verbindung stehen.

Bei 132 Kinder, 6,8 Prozent der untersuchten Fälle, fanden die Forschenden krankheitsverursachende oder wahrscheinlich krankheitsverursachende Genvarianten. Besonders häufig waren Veränderungen in den Genen RB1, TP53, SMARCB1 und WT1. Bei 130 der 132 Kindern passte die gefundene Genvariante zu der später diagnostizierten Tumorart.

Retinoblastom zeigt möglichen Nutzen

Besonders deutlich wurde der Zusammenhang bei Retinoblastom, einem bösartigen Tumor der Netzhaut, der meist im frühen Kindesalter auftritt. Bei 69 Kindern fanden die Forschenden eine krankheitsfördernde Veränderung im RB1-Gen. 68 von ihnen entwickelten später eine Retinoblastom. Insgesamt ließ sich bei 40 Prozent der untersuchten Retinoblastom-Fälle eine entsprechende Keimbahnvariante nachweisen.

Gerade bei dieser Erkrankung könnte eine früh bekannte genetische Veranlagung die Versorgung verändern. Kinder mit einer RB1-Mutation könnten von Geburt an regelmäßig augenärztlich untersucht werden. Kleine Tumoren ließen sich dadurch möglicherweise erkennen, bevor Beschwerden auftreten oder größere Eingriffe notwendig werden. Die Studienautoren verweisen darauf, dass eine frühe Überwachung die Chance auf lokale Therapien erhöhen und Sehvermögen erhalten könnte. Auch bei anderen seltenen Tumorarten zeigte sich ein Zusammenhang. Pathogene oder wahrscheinlich pathogene Varianten fanden sich unter anderem bei Kindern mit Plexuskarzinom, Nebennierenrindenkarzinom, Pineoblastom und Medulloblastom. Je nach Tumorart lag ihr Anteil zwischen 11 und 30 Prozent.

Ein Treffer unter rund 27.000 Neugeborenen

Aus den Daten errechneten die Forschenden, dass etwa eines von 27.000 Neugeborenen eine der untersuchten genetische Veränderungen trägt und bis zu achtem Lebensjahr an einer damit verbundenen Krebserkrankung erkrankt. Technisch erwies sich die Analyse der alten Trockenblutproben als zuverlässig. Bei 1.943 der 1948 Proben konnte ausreichend DNA für die Untersuchung gewonnen werden.

Ein positives Testergebnis würde allerdings nicht bedeuten, dass ein Kind bereits Krebs hat. Nachgewiesen würde eine genetische Veranlagung, die das Risiko für bestimmte Tumoren erhöht. Je nach betroffenem Gen könnte anschließend gezielt Kontrollprogramme folgen, um eine Erkrankung möglichst früh zu entdecken.

Noch kein Screening für die Praxis

Für die Aufnahme solcher Gentests in regulären Neugeborenenprogramme reichen die Ergebnisse noch nicht aus. Die Untersuchung blickte rückwirkend auf Kinder, die bereits an Krebs erkrankt waren. Zudem beschränkte sich die Analyse auf 11 Gene und auf bestimmte solide Tumoren sowie Hirntumoren. Leukämien waren beispielsweise nicht Bestandteil der Untersuchung. Auch mögliche Belastungen für Familien, Überdiagnosen und die Folgen unklarer genetischer Befunde müssen berücksichtigt werden.

Die Ergebnisse liefern dennoch Hinweise darauf, dass sich ausgewählt erbliche Krebsrisiken bereits anhand der nach der Geburt entnommenen Blutprobe erkennen lassen könnten. Ob daraus künftig ein erweitertes Neugeborenenscreening entsteht, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

APA



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