Wenn Medikamente das Zahnfleisch wachsen lassen


Sanja Agatic

Symbolbild: Eine Frau schaut sich ihr Zahnfleisch an.
Medikamenteninduzierte Gingivavergrößerung: Das Zahnfleisch kann sich zwischen die Zähne schieben und die Zahnkrone teilweise bedecken, eine Rückbildung ist nach Ursachenbeseitigung möglich, aber nicht immer vollständig.Foto:stock.adobe.com/peopleimages.com

Das Zahnfleisch wird dicker, schiebt sich zwischen die Zähne und kann schließlich Teile der Zahnkrone bedecken. Was zunächst nach einem rein zahnmedizinischen Problem aussieht, kann einen medikamentösen Ursprung haben. Einige Wirkstoffe können eine Gingivavergrößerung auslösen, mit Folgen, die weit über die Optik hinausgehen.

Die medikamenteninduzierte Gingivavergrößerung, auch Drug-Induced Gingival Overgrowth (DIGO), ist schon länger bekannt. Typische Auslöser stammen aus drei sehr unterschiedlichen Arzneimittelgruppen. Phenytoin aus der Epilepsietherapie, das Immunsuppressivum Ciclosporin sowie Calciumkanalblocker. Unter Letzteren ist insbesondere Nifedipin beschrieben, aber auch Amlodipin kann eine Rolle spielen.

Drei Wirkstoffgruppen fallen besonders auf

Die Übersichtsarbeit „DIGO- Molecular Aspects of Drug Actions“ von Anna und Pawl Drozdzik aus dem Jahr 2023 führt Phenytoin, Nifedipin und Ciclosporin A als die klassischen Auslöser auf. Warum gerade das Zahnfleisch auf dies pharmakologisch völlig unterschiedlichen Substanzen ähnlich reagieren kann, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Veränderungen der Fibroblastenaktivität, des Kollagenstoffwechsels und entzündliche Prozesse werden als Teile des Mechanismus diskutiert.

Wenn Schwellungen chronisch werden

Die Veränderung beginnt häufig an den Zahnzwischenräumen. Das Gewebe wirkt zunehmend wulstig und kann sich über größere Bereiche der Zahnkrone ausdehnen. Damit entsteht ein zweites Problem: Je stärker das Zahnfleisch wächst, desto schwieriger lassen sich die Zähne und Zahnzwischenräume reinigen. Plaque und Entzündungen können die Gingivavergrößerung zusätzlich verstärke. Gute Mundhygiene beseitigt die arzneimittelbedingte Ursache zwar nicht, kann aber den entzündlichen Anteil reduzieren. Genau deshalb ist es zu kurz gegriffen, die Veränderung lediglich als ungewöhnliche Nebenwirkung abzutun.

Bildet sich das Zahnfleisch wieder zurück?

In vielen Fällen zeigt sich: Die Gingivavergrößerung kann sich nach dem Absetzen oder Umstellen des auslösenden Medikaments zumindest teilweise zurückbilden. Besonders bei Phenytoin und Calciumblockern wurden Rückbildungen beschrieben, wenn die Ursache entfällt und gleichzeitig eine gute Mundhygiene sowie eine entzündungsarme Situation im Mund erreicht werden. Allerdings ist diese Rückbildung nicht garantiert. Je länger die Veränderung besteht und je ausgeprägter das Gewebe bereits umgebaut ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Rückbildung. In solchen Fällen kann das überschüssige Gewebe trotz Ursachenbeseitigung bestehen bleiben.

Bei Ciclosporin ist die Situation zusätzlich komplex, da das Medikament häufig nicht ohne Weiteres ersetzt werden kann. Hier steht daher oft die Kombination aus Dosisanpassung, alternativer Medikation und zahnärztliche/parodontologischer Behandlung im Vordergrund. Wenn die Vergrößerung nach Anpassung der Therapie nicht ausreichend zurückgeht, kann eine chirurgische Entfernung des überschüssigen Zahnfleischs (Gingivektomie) notwendig werden. Ohne Kontrolle der zugrunde liegenden Ursachen besteht jedoch das Risiko eines Wiederauftretens.

Der zeitliche Zusammenhang

Hellhörig sollte man werden, wenn sich das Zahnfleisch nach Beginn oder Änderung einer entsprechenden Dauermedikation zunehmend verdickt. Die Arzneimittelliste liefert dann einen wichtigen Hinweis, einen Beweis liefert sie allein jedoch nicht. Auch entzündliche oder andere Ursachen einer Gingivavergrößerung müssen berücksichtigt werden.

Ein eigenmächtiges Absetzen von Phenytoin, Ciclosporin oder einem Caliumkanalblocker kommt nicht infrage. Je nach Situation kann ärztlich geprüft werden, ob eine therapeutische Alternative möglich ist. Parallel sind eine zahnärztliche Beurteilung und konsequente Plaquekontrolle sinnvoll. Bei ausgeprägten befunden können auch parodontologische beziehungsweise chirurgische Maßnahmen notwendig werden.



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