Pille vergessen: Zwischen Nachnehmen und Notfallverhütung


Sanja Agatic

Symbolbild: Eine Frau hält verunsichert einen Tablettenblister in der Hand.
Wenn die Pille vergessen wurde, entscheidet nicht nur der Zeitpunkt, sondern vor allem das Präparat über das weitere Vorgehen. Foto:stock.adobe.com/nicoletaionescu

Eine vergessene Pille sorgt schnell für Unsicherheit. Muss zusätzlich verhütet werden? Reicht es, die Tablette nachzunehmen? Oder kommt sogar die „Pille danach“ infrage?

Nicht jede Pille verzeiht Einnahmefehler gleich. Bei kombinierten Pillen mit Östrogen und Gestagen ist vor allem wichtig, in welcher Einnahmewoche die Tablette vergessen wurde. Viele Präparate haben ein Zeitfenster von bis zu zwölf Stunden. Wird die Einnahme innerhalb dieser Zeit nachgeholt, bleibt der Schutz meist bestehen. Trotzdem gilt: Die konkrete Empfehlung muss immer präparatbezogen überprüft werden. Entscheidend ist die jeweilige Fachinformation, weil Einnahmeschema, Wirkstoffkombination und Fehlertoleranz je nach Präparat unterschiedlich sein kann.

Kombinierte Pille

Kombinierte Pillen enthalten eine Kombination aus einem Östrogen und einem Gestagen. Da ist die erste Einnahmewoche besonders kritisch. Wird hier eine wirkstoffhaltige Tablette vergessen und gab es zuvor ungeschützten Geschlechtsverkehr, besteht das höchste Risiko für eine Schwangerschaft. In solchen Fällen kann eine Notfallkontrazeption notwendig werden. Zusätzlich sollte für die folgenden sieben Tagen mit einer Barrieremethode verhütet werden.

In der zweiten Einnahmewoche ist das Risiko meist geringer, sofern die Tabletten davor korrekt eingenommen wurden. Bei vielen kombinierten Pillen lautet die Fachinformation: Die zuletzt vergessene Tablette soll möglichst rasch nachgenommen werden, auch wenn dadurch zwei Tabeltten gleichzeitig eingenommen werden. Entscheidend bleibt jedoch immer die Fachinformation des jeweiligen Präparats.

In der dritten Einnahmewoche steht vor allem die hormonfreie Pause im Mittelpunkt. Kritisch wird es, wenn durch eine vergessene Tablette und eine anschließende Pause der hormonfreie Zeitraum verlängert wird. Manchmal wird deshalb empfohlen, die Pause auszulassen und direkt mit dem nächsten Blister weiterzumachen.

Mikropille

Die Mikropille zählt zu den kombinierten Pillen und enthält sowohl Östrogen als auch ein Gestagen, allerdings in niedriger Dosierung. Für vergessene Tabletten gelten daher grundsätzlich die Regeln der kombinierten Pille. Entscheidend sind das Zeitfenster, die Einnahmewoche und die Frage, ob ungeschützter Geschlechtsverkehr stattgefunden hat.

Minipille

Bei der Minipille entscheidet der Wirkstoff über das Vorgehen. Sie enthält nur ein Gestagen und hat je nach Wirkstoff ein engeres oder weiteres Einnahmefenster. Klassische Levonorgestrel-haltige Minipillen müssen besonders genau eingenommen werden, schon eine Verspätung von mehr als drei Stunden kann relevant sein. Desogestrel-haltige Minipillen erlauben meist bis zu zwölf Stunden, Drospirenon-haltige Präparate teils bis zu 24 Stunden. Maßgelblich bleibt immer die jeweilige Gebrauchsinformation.

Manche Blister enthalten wirkstofffreie Tabletten. Wird eine solche Placebo Tablette vergessen, ist das für den Empfängnisschutz in der Regel nicht relevant. Problematisch wird es erst, wenn wirkstoffhaltige Tabletten ausgelassen werden oder die hormonfreie Phase ungewollt verlängert wird.

Wenn Nachnehmen nicht mehr reicht

Nicht jeder Einnahmefehler ist mit einer nachgenommenen Tablette erledigt.
Kritisch wird es, wenn der Fehler in ein Zeitfenster fällt, in dem ein Eisprung nicht mehr sicher unterdrückt werden kann, vor allem zu Beginn des Blisters oder wenn mehrere Tabletten ausgelassen wurden. Dann steht nicht mehr nur die Frage im Raum, wie die laufende Einnahme fortgesetzt wird, sondern ob zusätzlich eine Notfallverhütung notwendig ist.

Die „Pille danach“ wird damit nicht zur Standardlösung bei jeder vergessenen Pille, sondern zur Option in bestimmten Risikosituationen: wenn ungeschützter Geschlechtsverkehr stattgefunden hat, der Einnahmefehler zeitlich relevant ist oder zusätzliche Faktoren wie Erbrechen, starker Durchfall oder Wechselwirkungen die Wirkstoffaufnahme beziehungsweise den Hormonspiegel beeinflussen können.

Erbrechen, Durchfall und Wechselwirkungen

Nicht nur das Vergessen kann den Schutz verringern. Auch Erbrechen kurz nach der Einnahme oder starker Durchfall können dazu führen, dass Wirkstoffe nicht ausreichend aufgenommen werden. Dann muss die Situation ähnlich wie ein Einnahmefehler bewertet werden. Auch Wechselwirkungen spielen eine Rolle. Relevant sind vor allem enzyminduzierende Wirkstoffe wie Rifampicin, bestimmte Antiepileptika oder Johanniskraut. Sie können den Hormonabbau beschleunigen und dadurch den Empfängnisschutz verringern. Nicht jedes Antibiotikum schwächt die Pille automatisch ab, entscheidend ist es jeden Wirkstoff konkret zu beurteilen.

Was geklärt werden muss

Damit die Situation richtig eingeschätzt werden kann, braucht es klare Fragen:

  • Welche Pille wird eingenommen?
  • Handelt es sich um eine kombinierte Pille oder eine Minipille?
  • Wurde eine wirkstoffhaltige oder wirkstofffreie Tablette vergessen?
  • Wann hätte die Tablette eingenommen werden sollen?
  • In welcher Einnahmephase ist der Fehler passiert?
  • Gab es ungeschützten Geschlechtsverkehr?
  • Gab es Erbrechen, Durchfall oder neue Medikamente?

Erst daraus ergibt sich, ob Nachnehmen reicht, ob zusätzlich verhütet werden muss oder ob eine Notfallkontrazeption infrage kommt.



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