Reisekrankheit: Welcher Wirkstoff hilft wann?


Sanja Agatic

Symbolbild: Ein blauer Koffer mit einer Sonnenbrille und einem Strohhut.
Von Dimenhydrinat bis Ingwer: Die verfügbaren Mittel gegen Reisekrankheit unterscheiden sich deutlich in Wirkung, Anwendungsdauer und Nebenwirkungen. Foto:stock.adobe.com/aanbetta

Ein Blick aufs Handy im Auto, leichte Turbulenzen im Flugzeug oder Seegang auf der Fähre und plötzlich wird vielen Menschen übel. Reisekrankheit entsteht nicht im Magen, sondern im Gehirn.

Übelkeit, Schwindel, Kaltschweißigkeit und Erbrechen gehören zu den typischen Beschwerden der Reisekrankheit, medizinisch Kinetose genannt. Ursache ist ein Konflikt zwischen den Sinneseindrücken: Während das Gleichgewichtsorgan im Innenohr Bewegung registriert, melden die Augen oft das Gegenteil. Das Gehirn kann diese widersprüchlichen Informationen nicht einordnen und reagiert mit den bekannten Symptomen.

Für die Behandlung stehen verschiedene Wirkstoffe zur Verfügung, die sich hinsichtlich Wirkmechanismus, Wirkdauer und Nebenwirkungen deutlich unterscheiden.

Dimenhydrinat

Dimenhydrinat zählt zu den am häufigsten eingesetzten Wirkstoffen gegen Reisekrankheit. Es gehört zur Gruppe der H1-Antihistaminika der ersten Generation und hemmt die Reizweiterleitung vom Gleichgewichtsorgan zum Brechzentrum im Gehirn. Der Wirkstoff sollte etwa 30 bis 60 Minuten vor Reisebeginn eingenommen werden. Er ist als Tablette, Kaugummi, Saft oder Zäpfchen erhältlich und kann sowohl vorbeugend als auch bei bereits bestehenden Beschwerden eingesetzt werden.

Der größte Nachteil ist seine sedierende Wirkung. Müdigkeit, verminderte Konzentration und eingeschränkte Reaktionsfähigkeit gehören zu den häufigsten Nebenwirkungen. Besondere Vorsicht ist bei gleichzeitiger Einnahme von Alkohol, Schlafmitteln, Benzodiazepinen, Opioiden oder anderen sedierenden Antihistaminika geboten. Die dämpfende Wirkung auf das zentrale Nervensystem kann sich gegenseitig verstärken.

Diphenhydramin

Auch Diphenhydramin gehört zu den Antihistaminika der ersten Generation und wirkt gegen Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit. Im Vergleich zu Dimenhydrinat wird die sedierende Wirkung häufig als stärker empfunden. Zusätzlich treten anticholinerge Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Verstopfung, verschwommenes Sehen oder Harnverhalt häufiger auf.

Scopolamin

Während Antihistaminika meist mehrere Stunden wirken, kann Scopolamin über einen deutlich längeren Zeitraum eingesetzt werden. Der Wirkstoff blockiert muskanrinische Acteylcholinrezeptoren und unterbricht dadurch die Signalübertragung zwischen Gleichgewichtsorgan und Brechzentrum. Besonders bekannt ist das transdermale Pflaster, das hinter dem Ohr angebracht wird und bis zu 72 Stunden wirken kann. Damit eignet sich Scopolamin vor allem für Kreuzfahrten oder längerer Schiffsreisen.

Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Mundtrockenheit, Schläfrigkeit, verschwommenes Sehen und gelegentlich Herzrasen. Kontraindiziert ist der Wirkstoff unter anderem bei Engwinkelglaukom.

Ingwer

Ingwer wird seit Jahrzehnten gegen Übelkeit eingesetzt und gehört zu den wenigen pflanzlichen Mitteln, deren Wirkung bei Reisekrankheit wissenschaftlich untersucht wurde. Die enthaltenen Gingerole und Shogaole scheinen direkt auf Magen-Darm-Trakt und Brechzentrum einzuwirken. Im Gegensatz zu Antihistaminika verursacht Ingwer in der Regel keine Müdigkeit. Patient:innen, die Gerinnungshemmer wie Warfarin oder Phenoprocoumon einnehmen, sollten jedoch aufmerksam sein. Zwar sind klinisch relevante Wechselwirkungen selten, aufgrund möglicher Effekte auf die Blutgerinnung wird dennoch zur Vorsicht geraten.

Bei der Auswahl des passenden Mittels spielen Alter, Begleiterkrankungen und bestehende Medikation eine wichtige Rolle. Menschen, die selbst ein Fahrzeug lenken müssen, profitieren häufig von nicht sedierenden Alternativen oder nicht-medikamentösen Maßnahmen. Bei Kindern sind die jeweiligen Altersgrenzen der Präparate zu beachten. Auch Schwangere sollten nicht automatisch zu frei verkäuflichen Präparaten greifen, sondern die Anwendung vorab ärztlich oder pharmazeutisch abklären lassen.

Zusätzliche Tipps

Medikamente sind nicht die einzige Möglichkeit, Beschwerden zu reduzieren. Studien zeigen, dass bereits einfache Maßnahmen die Symptome abschwächen können. Dazu gehören:

  • Blick auf den Horizont richten
  • Lesen und Smartphone-Nutzung vermeiden
  • Sitzplatz in Fahrtrichtung wählen
  • Regelmäßige Frischluftzufuhr
  • Leichte Mahlzeiten vor Reiseantritt
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr

Im Flugzeug gelten Plätze über den Tragflächen als besonders ruhig, auf Schiffen ist die Bewegung mittschiffs meist am geringsten.



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