Wenn die Wade nachts verkrampft


Sanja Agatic

Symbolbild: Eine Frau fasst sich an die Wade im Bett.
Nächtliche Wadenkrämpfe haben viele mögliche Ursachen. Ein Magnesiummangel gehört dazu, ist aber längst nicht immer der Auslöser.Foto:stock.adobe.com/weyo

Ein stechender Schmerz reißt Betroffene mitten in der Nacht aus dem Schlaf, der Wadenmuskel verhärtet sich innerhalb weniger Sekunden. Viele greifen anschließend automatisch zu Magnesium. Doch ein Mangel ist nur eine von mehreren möglichen Ursachen und längst nicht die häufigste.

Nächtliche Wadenkrämpfe entstehen durch eine plötzliche, unwillkürliche Kontraktion der Muskulatur. Warum sie auftreten, lässt sich nicht immer eindeutig beantworten. Klar ist jedoch: Hinter wiederkehrenden Beschwerden steckt häufig mehr als ein Mangel an Magnesium. Für eine normale Muskel- und Nervenfunktion müssen Magnesium, Kalium, Calcium und Natrium in einem ausgewogenen Verhältnis vorliegen.

Verschiebt sich dieses Gleichgewicht, steigt die Erregbarkeit der Muskelzellen. Solche Veränderungen können nach starkem Schwitzen, Durchfallerkrankungen, Erbrechen oder durch entwässernde Medikamente entstehen. Studien zeigen, dass Magnesium vor allem dann hilft, wenn tatsächlich ein Mangel vorliegt. Für Menschen ohne nachgewiesenen Magnesiummangel ist der Nutzen bei idiopathischen nächtlichen Wadenkrämpfen dagegen nur begrenzt belegt.

Auch Arzneimittel können Wadenkrämpfe auslösen

Bei wiederkehrenden nächtlichen Kämpfen lohnt sich ein Blick auf die Hausmedikation. Zu den bekannten Auslösern zählen unter anderem Diuretika, die den Elektrolyt- und Flüssigkeitshaushalt beeinflussen. Auch Statine werden immer wieder mit Muskelbeschwerden in Verbindung gebracht. Neben Muskelschmerzen können in seltenen Fällen auch Muskelkrämpfe auftreten. Weitere Arzneistoffe, bei denen Muskelkrämpfe beschrieben sind, sind beispielsweise Salbutamol und andere Sympathomimetika, Donepezil oder Raloxifen. Ein eigenmächtiges Absetzen der Medikation kommt jedoch nicht infrage. Treten die Beschwerden neu auf oder nehmen sie zu, sollte die Ursache ärztlich abgeklärt werden.

Nicht jede Ursache sitzt im Muskel

Nächtliche Wadenkrämpfe können auch Begleiterkrankungen sein. Dazu gehören Diabetes mellitus mit Nervenschädigungen, chronische Nierenerkrankungen, Schilddrüsenfunktionsstörungen sowie Erkrankungen der Blutgefäße. Während der Schwangerschaft treten Muskelkrämpfe ebenfalls häufiger auf, insbesondere im zweiten und dritten Trimester. Als mögliche Ursache gelten Veränderungen des Mineralstoffhaushalts, eine höhere Belastung der Muskulatur und die veränderte Durchblutung.

Magnesium gilt als Standardempfehlung bei nächtlichen Wadenkrämpfen. Die Studienlage zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild. Ein nachgewiesener Magnesiummangel sollte ausgeglichen werden, bei Menschen ohne Mangel konnte ein klarer Nutzen bislang nicht belegt werden. Eine 2020 veröffentliche Cochrane-Übersichtsarbeit mit elf randomisierten Studien kommt zu dem Schluss, dass Magnesium bei idiopathischen Muskelkämpfen im höheren Lebensalter die Häufigkeit der Beschwerden kaum verringert. Für schwangerschaftsbedingte Wadenkrämpfe ist die Datenlage uneinheitlich: Einige Studien zeigen einen möglichen Nutzen, andere konnten keinen Vorteil gegenüber Placebo nachweisen.

Auch randomisierte, placebokontrollierte Studie mit Magnesiumoxid fanden keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Magnesium und Placebo hinsichtlich der Häufigkeit nächtlicher Wadenkrämpfe. Beide Gruppen berichteten zwar über weniger Krämpfe, der Effekt war jedoch vergleichbar.

Dehnen ist besser untersucht als viele vermuten

Für regelmäßige Dehnübungen der Wadenmuskulatur gibt es zwar keine umfangreiche Evidenz, mehrere Leitlinien und Übersichtsarbeiten sehen sie jedoch als sinnvolle, risikoarme Maßnahme. Vor allem vor dem Schlafengehen können Dehnübungen die Häufigkeit nächtlicher Wadenkrämpfe bei manchen Betroffenen reduzieren und werden deshalb häufig als erste nichtmedikamentöse Maßnahme empfohlen.

Ist ein Magnesiummangel nachgewiesen oder wahrscheinlich, lohnt sich auch ein Blick auf die verwendete Verbindung. Organische Magnesiumsalze wie Magnesiumcitrat oder Magnesiumbisglycinat werden im Allgemeinen besser aufgenommen als Magnesiumoxid. Höhere Dosierungen können allerdings Durchfall verursachen. Wichtig ist außerdem der richtige Einnahmeabstand. Magnesium vermindert die Aufnahme einiger Arzneistoffe, darunter Levothyroxin, Tetrazykline, Chinolone und Bisphosphonate. Zwischen den Einnahmen sollten daher mehrere Stunden liegen.

Ein gelegentlicher Wadenkrampf ist meist harmlos. Treten die Beschwerden mehrmals pro Woche auf, halten sie über Wochen an oder kommen Muskelschwäche, Gefühlsstörungen, Schwellungen oder anhaltende Schmerzen hinzu, sollte die Ursache ärztlich untersucht werden. Gleiches gilt, wenn Krämpfe nach Beginn einer neuen Arzneimitteltherapie erstmals auftreten.



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