Betablocker nach Herzinfarkt: Therapiestandard auf dem Prüfstand


Viktoria Anderle

Betablocker
Die REBOOT-Studie stellt den routinemäßigen Einsatz von Betablockern nach unkompliziertem Herzinfarkt zunehmend infrage. Insbesondere bei Frauen zeigte sich in einer Subgruppenanalyse ein mögliches erhöhtes Risiko unter Betablocker-Therapie.Foto: sharafmaksumov/stock.adobe.com

Die REBOOT-Studie untersuchte 8505 Patienten mit unkompliziertem Herzinfarkt und erhaltener Herzfunktion. Forschende fanden dabei keinen klinischen Nutzen durch Betablocker. In einem Interview sprachen die Studienautoren deshalb von einem Ergebnis, „das einen langjährigen Therapiestandard auf den Kopf stellen könnte.“

Betablocker zählen seit Jahrzehnten zur Standardtherapie nach einem Herzinfarkt. Eine große internationale Studie stellt diesen routinemäßigen Einsatz nun jedoch teilweise infrage. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass Patienten mit unkompliziertem Herzinfarkt und erhaltener Herzfunktion möglicherweise keinen zusätzlichen Nutzen durch die Medikamente haben. Bei Frauen könnten sie unter Umständen sogar mit einem erhöhten Risiko verbunden sein.

8505 Patienten aus 109 Krankenhäusern

Die Ergebnisse stammen aus der sogenannten REBOOT-Studie, einer internationalen klinischen Untersuchung mit 8505 Patienten aus 109 Krankenhäusern in Spanien und Italien. In der offenen, randomisierten Studie wurde die Wirkung einer Betablocker-Therapie im Vergleich zu keiner Betablocker-Therapie bei Patienten mit akutem Herzinfarkt, mit oder ohne ST-Strecken-Hebung, und einer linksventrikulären Ejektionsfraktion von über 40 Prozent untersucht.

Geleitet wurde die Studie unter anderem von Dr. Valentin Fuster, Präsident des Mount Sinai Fuster Heart Hospital sowie Generaldirektor des spanischen Centro Nacional de Investigaciones Cardiovasculares (CNIC). Präsentiert wurden die Daten beim Kongress der European Society of Cardiology (ESC) in Madrid, zusätzlich erschienen sie im „New England Journal of Medicine“. In einem auf der Website des Mount Sinai Hospital veröffentlichten Interview ordnete Fuster die Ergebnisse der REBOOT-Studie näher ein.

Zusatznutzen fraglich

Die Wissenschaftler erklären: Betablocker wurden in einer Zeit zum Standard nach einem Herzinfarkt, als die kardiologische Versorgung noch deutlich anders aussah als heute. Mittlerweile werden verschlossene Herzkranzgefäße meist rasch wiedereröffnet, zusätzlich erhalten Patienten moderne Therapien wie Statine oder Thrombozytenaggregationshemmer. Dadurch stellte sich zunehmend die Frage, ob Betablocker bei Patienten mit erhaltener Pumpfunktion des Herzens weiterhin einen relevanten Zusatznutzen bringen.

Genau dies untersuchte die REBOOT-Studie. Die Teilnehmer wurden nach ihrem Krankenhausaufenthalt zufällig entweder einer Behandlung mit Betablockern oder keiner Betablocker-Therapie zugeteilt. Über einen Zeitraum von durchschnittlich knapp vier Jahren analysierten die Wissenschaftler anschließend Todesfälle, erneute Herzinfarkte sowie Krankenhauseinweisungen aufgrund einer Herzinsuffizienz. 

Das Ergebnis: Bei Patienten mit unkompliziertem Herzinfarkt und erhaltener Herzfunktion konnte durch Betablocker keine signifikante Verringerung der allgemeinen Sterblichkeit, erneutem Herzinfarkt oder Hospitalisierenden durch eine Herzinsuffizienz festgestellt werden. 

„Studie wird internationale Leitlinien verändern“

„Diese Studie wird internationale klinische Leitlinien verändern“, zeigte sich Studienleiter Fuster überzeugt. Die Ergebnisse würden dazu beitragen, bestehende Behandlungskonzepte in der Herz-Kreislauf-Medizin neu zu bewerten. 

Auch Hauptprüfarzt Dr. Borja Ibáñez, wissenschaftlicher Direktor des CNIC, sieht weitreichende Konsequenzen für die Praxis. „Derzeit werden mehr als 80 Prozent der Patienten nach einem unkomplizierten Herzinfarkt mit Betablockern entlassen“, erklärte Ibáñez. Die REBOOT-Ergebnisse seien „einer der bedeutendsten Fortschritte in der Herzinfarkttherapie seit Jahrzehnten“. 

Laut den Autoren könnten dadurch künftig unnötige Medikationen reduziert, Nebenwirkungen vermieden und Therapien vereinfacht werden. Betablocker gelten zwar grundsätzlich als sicher, können jedoch unter anderem Müdigkeit, Bradykardien oder sexuelle Funktionsstörungen verursachen. 

Auffällige Ergebnisse bei Frauen

Besondere Aufmerksamkeit erhielt eine Subanalyse der Studie, die im „European Heart Journal“ veröffentlicht wurde. Dabei zeigte sich bei Frauen unter Betablocker-Therapie ein erhöhtes Risiko für Tod, erneuten Herzinfarkt oder Krankenhausaufnahmen wegen Herzinsuffizienz im Vergleich zu Frauen ohne Betablocker-Therapie. Ein vergleichbarer Zusammenhang wurde bei Männern nicht beobachtet. 

Besonders auffällig war dieser Effekt bei Frauen mit vollständig erhaltener Herzfunktion, also einer linksventrikulären Ejektionsfraktion von mindestens 50 Prozent. In dieser Gruppe war das absolute Sterberisiko innerhalb von 3,7 Jahren um 2,7 Prozent erhöht. Frauen mit nur leicht eingeschränkter Herzfunktion zeigten diesen Zusammenhang hingegen nicht. 

Die Autoren betonen jedoch ausdrücklich, dass Patient:innen ihre Medikamente keinesfalls eigenständig absetzen sollten. Vielmehr könnten die Ergebnisse langfristig zu individuelleren Therapieentscheidungen beitragen. 

Moderne Therapien stellen Nutzen infrage

„Nach einem Herzinfarkt erhalten Patienten meist mehrere Medikamente gleichzeitig, was die Therapietreue erschweren kann“, erklärte Ibáñez. Betablocker hätten früher die Sterblichkeit deutlich reduziert, insbesondere durch die Senkung des Sauerstoffverbrauchs des Herzens und die Verhinderung von Herzrhythmusstörungen. Durch moderne Behandlungsmöglichkeiten habe sich die Situation heute jedoch verändert. In diesem neuen Kontext sei der Nutzen von Betablockern bei unkompliziertem Herzinfarkt zunehmend unklar geworden. 

Gezielter Einsatz

Die Gesamtheit der Daten deutet damit zunehmend darauf hin, dass Betablocker nach Herzinfarkt künftig gezielter eingesetzt werden könnten. Während Patient:innen mit eingeschränkter Herzfunktion weiterhin profitieren dürften, scheint der routinemäßige Einsatz bei unkompliziertem Herzinfarkt mit normaler Pumpfunktion zunehmend infrage gestellt zu werden.



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