Mehr als 40 Euro für einen Liter Salzwasser mit Redox-Molekülen?


Viktoria Anderle

Symbolbild: Eine rothaarige Frau hält ein Wasserglas hoch und schaut skeptisch.
Statt der beworbenen Redox-Signalmoleküle fanden Untersuchungsämter in früheren Proben unter anderem Chlor, Trihalogenmethane, Chlorat und Perchlorat. Die herangezogenen Grenzwerte wurden teilweise um ein Vielfaches überschritten.Krakenimages.com/AdobeStock_455109271

Wasser, das mithilfe sogenannter Redox-Signalmoleküle die Zellerneuerung anregen, die Zellkommunikation verbessern und die körperliche Regeneration fördern soll? Klingt gut, hat aber seinen Preis: Rund 200 Euro kostet ein Vier-Liter-Paket des als Nahrungsergänzungsmittel bezeichneten Wassers. Ein Nutzen konnte in einer randomisierten, placebokontrollierten Studie nicht bestätigt werden. Zudem rät die Verbraucherzentrale von der Einnahme ab und verweist auf problematische Befunde aus früheren Laboruntersuchungen.

Hinter dem Produkt steht das US-amerikanische Unternehmen ASEA, das seine Nahrungsergänzungsmittel (NEM) im Direktvertrieb und über Netzwerkmarketing vermarktet. Ein Karton ASEA Redox mit vier Ein-Liter-Flaschen kostet laut deutschsprachiger Produktseite, abhängig vom gewählten Angebot, zwischen 167 und 185 Euro. Somit erhält man einen Liter für rund 40 Euro.

Redox-Signalmoleküle im Wasser

Nach Angaben des Herstellers handelt es sich um das „weltweit erste NEM mit Redox-Signalmolekülen“. Das Getränk nutze eine wissenschaftlich basierte Technologie und verändere Leben auf der ganzen Welt. Die Zutatenliste fällt im Vergleich dazu ausgesprochen übersichtlich aus: „Demineralisiertes Wasser, Natriumchlorid.“

Dem Wasser zunächst Mineralstoffe zu entziehen und anschließend Kochsalz zuzusetzen, ergibt für sich genommen noch keinen plausiblen gesundheitlichen Zusatznutzen. Das Getränk enthält nach Angaben des Anbieters rund 2,7 g Natriumchlorid pro Liter. Empfohlen werde eine tägliche Trinkmenge von 120 ml.

Die Einordnung als NEM sieht die Verbraucherzentrale grundsätzlich kritisch. Sie bezeichnet die Werbung mit Redox-Signalmolekülen als fragwürdig und die Produkte als stark überteuert.

Ihr Urteil fällt eindeutig aus: „Wir können von der Verwendung dieser Produkte nur abraten.“

„Inakzeptabel“: Chlorat, Perchlorat und Trihalogenmethane

Noch kritischer sind Laborbefunde, auf welche die Verbraucherzentrale in ihrer Bewertung von ASEA verweist. Die Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter Karlsruhe und Stuttgart untersuchten in den Jahren 2014 und 2015 mehrere Proben eines aus den Vereinigten Staaten stammenden Produkts, das als NEM mit Redox-Signalmolekülen angeboten wurde. Laut Zutatenliste sollte es lediglich Wasser und Natriumchlorid enthalten.

Nach Angaben der Untersuchungsämter enthielten die damaligen Proben jedoch erhebliche Mengen an freiem Chlor sowie Verunreinigungen mit Trihalogenmethanen. Zudem wurden hohe Konzentrationen von Chlorat und Perchlorat gemessen. Die Proben enthielten bis zu 16 mg freies Chlor pro Liter und bis zu 424 µg Trihalogenmethane pro Liter. Bei Chlorat wurden 19,5 mg pro Liter und bei Perchlorat 0,36 mg pro Liter festgestellt.

Bei der empfohlenen täglichen Aufnahme von 118 ml wurde der damals von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit abgeleitete tolerierbare Tageswert laut Untersuchungsbericht bei Chlorat um das Elffache und bei Perchlorat um das Zweifache überschritten. Perchlorat kann die Aufnahme von Jodid in die Schilddrüse hemmen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung stufte das untersuchte Produkt aufgrund der gemessenen Chlorat- und Perchloratgehalte laut Bericht als gesundheitsschädlich ein.

Die Laborproben wurden als „inakzeptabel für den Verzehr durch den Menschen“ beurteilt.

Dabei ist eine zeitliche und quellenkritische Einschränkung wichtig: Die Befunde stammen aus den Jahren 2014 und 2015. Der öffentlich zugängliche Bericht der Untersuchungsämter nennt den Markennamen ASEA nicht, die Verbraucherzentrale stellt in ihrer aktuellen Bewertung des Unternehmens jedoch ausdrücklich den Bezug zu diesen Untersuchungen her. Aus der damaligen Mitteilung lässt sich daher nicht ohne eine aktuelle Produktanalyse ableiten, dass heute verkaufte Flaschen dieselben Konzentrationen enthalten.

Unklare Produktwirkung

Redox-Signalwege sind keine Erfindung des Marketings. Reaktive Sauerstoffspezies (ROS) können im Körper in niedrigen Konzentrationen als Signalmoleküle wirken und verschiedene Zellprozesse beeinflussen. Ihre Wirkung hängt jedoch stark von Konzentration, Entstehungsort und zeitlichem Verlauf ab. In höheren Konzentrationen können dieselben reaktiven Verbindungen oxidativen Stress auslösen und Biomoleküle schädigen.

Aus der Bedeutung zellulärer Redoxprozesse folgt daher nicht automatisch, dass oral aufgenommene „Redox-Signalmoleküle“ die Zellkommunikation oder Regeneration verbessern. Dafür müsste unter anderem nachvollziehbar sein, welche Moleküle das Getränk in welcher Konzentration enthält, ob sie Lagerung und Verdauung überstehen, in den Körper aufgenommen werden und dort die behaupteten Zielstrukturen in wirksamer Konzentration erreichen.

Genau an dieser Stelle bleibt die Werbung vage. Nach Einschätzung der Verbraucherzentrale wird nicht nachvollziehbar erläutert, um welche Redox-Signalmoleküle es sich konkret handelt. Für die behauptete Verbesserung der Zellkommunikation und der körpereigenen Regeneration sieht sie keine seriösen wissenschaftlichen Belege.

Herstellerstudie mit wenig greifbaren Angaben

Auf seiner Website verweist ASEA auf eine im Jahr 2015 vom Unternehmen beauftragte Untersuchung von Stephens & Associates. Demnach habe sich die Zellerneuerung bereits nach einer 30-tägigen Anwendung beschleunigt.

Die dort angeführten Informationen reichen für eine wissenschaftliche Bewertung jedoch nicht aus. Es fehlen wesentliche Angaben zur Zahl und Auswahl der Teilnehmenden, zu einer möglichen Kontrollgruppe, zur Verblindung, zur konkreten Anwendung, zu den Messmethoden und zur Größe des beobachteten Effekts. Auch eine vollständige, begutachtete Veröffentlichung wird in der kurzen Darstellung nicht genannt. Die Aussage lässt sich daher anhand der Herstellerwebsite weder nachvollziehen noch unabhängig bewerten.

Doppelblind gegen Salzwasser getestet

Eine unabhängige Arbeitsgruppe der Utah State University untersuchte, ob ASEA die aerobe Leistungsfähigkeit und die ventilatorische Schwelle verbessern kann. Die Studie unter dem Titel „ASEA Redox Supplement Fails to Improve Aerobic Capacity and Ventilatory Threshold: A Double-Blind, Placebo-Controlled Study“ erschien 2019 im Journal of Exercise Physiologyonline.

An der Untersuchung nahmen elf körperlich aktive junge Erwachsene teil, darunter sechs Frauen und fünf Männer. Das Durchschnittsalter betrug 21,9 Jahre. Alle Teilnehmenden absolvierten zunächst einen Ausgangstest und anschließend jeweils eine zweiwöchige Einnahmephase mit ASEA sowie eine zweiwöchige Einnahmephase mit Placebo. Dazwischen lag eine einwöchige Auswaschphase. Die Reihenfolge wurde nach dem Zufallsprinzip festgelegt, und weder die Teilnehmenden noch die untersuchende Person wussten, welches Getränk gerade verwendet wurde. Durch dieses Crossover-Design diente jede Person zugleich als eigene Kontrolle.

Die Teilnehmenden tranken täglich 118 ml, aufgeteilt auf 59 ml morgens und abends. Unmittelbar vor dem abschließenden Belastungstest wurden zusätzlich 237 ml eingenommen. Dieses Schema entsprach den damaligen Herstellerempfehlungen und sollte eine zuvor vom Unternehmen berichtete Leistungssteigerung unter kontrollierten Bedingungen überprüfen.

Als Placebo verwendete das Forschungsteam destilliertes Wasser mit derselben Natriumchloridmenge wie im Prüfprodukt. Zuvor wurde ASEA mittels Atomemissionsspektrometrie untersucht. Dabei zeigte sich, dass der Natriumchloridgehalt ungefähr der Angabe auf dem Etikett entsprach. Die laut Hersteller enthaltenen aktiven Signalmoleküle waren dort nicht einzeln ausgewiesen.

Kein signifikanter Unterschied

Gemessen wurden die relative und absolute maximale Sauerstoffaufnahme, die Zeit bis zum Erreichen der maximalen Sauerstoffaufnahme, die ventilatorische Schwelle und die maximale Herzfrequenz. Die relative maximale Sauerstoffaufnahme lag zu Beginn bei durchschnittlich 55,0 ml pro kg Körpergewicht und Minute, nach Placebo bei 53,6 und nach ASEA bei 53,7. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Auch bei den übrigen Messgrößen zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen Ausgangswert, Placebo und ASEA.

Das Fazit der Autoren fällt entsprechend klar aus: „ASEA verbessert die aerobe Leistungsfähigkeit junger, körperlich fitter Erwachsener nicht.“ Zwei Wochen tägliche Einnahme verbesserten somit weder die aerobe Kapazität noch die ventilatorische Schwelle oder die Zeit bis zum Erreichen der maximalen Sauerstoffaufnahme.

Die Studie hat mit nur elf ausgewerteten Personen und einer Einnahmedauer von zwei Wochen deutliche Grenzen. Sie erlaubt keine Aussage zu sämtlichen beworbenen Gesundheits- oder Regenerationseffekten. Für die konkret untersuchte Behauptung einer raschen Verbesserung der aeroben Leistungsfähigkeit liefert das randomisierte, placebokontrollierte und doppelblinde Design jedoch keinen Wirksamkeitsnachweis.

Wissenschaftlicher Nachweis bleibt aus

Die Existenz biologischer Redox-Signalwege ist unbestritten, sie belegt jedoch nicht die Wirksamkeit eines Getränks, dessen deklarierte Zutaten aus demineralisiertem Wasser und Natriumchlorid bestehen. Die unabhängige kontrollierte Studie fand keinen Vorteil gegenüber entsprechendem Salzwasser bei der aeroben Leistungsfähigkeit. Für weiterreichende Versprechen zur Zellkommunikation, Regeneration oder Hauterneuerung fehlen öffentlich nachvollziehbare klinische Belege. Bei einem Preis von bis zu 185 Euro für vier Liter bleibt damit vor allem eines eindrucksvoll: die Differenz zwischen wissenschaftlich klingender Werbung und wissenschaftlich nachgewiesener Wirkung.



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