Was passiert mit dem Gewicht, wenn eine Therapie mit GLP-1-Medikamenten beendet wird? Das US-Biotechnologieunternehmen Enveda entwickelt mit ENV-308 einen Wirkstoff, der die erreichte, Gewichtsabnahme und die fettfreie Muskelmasse erhalten soll. Erste Daten aus einer Phase-I-Studie mit 88 gesunden Erwachsenen liegen vor.
Nach dem Absetzen von GLP-1-Rezeptoragonisten kann das Gewicht wieder steigen. Genau hier setzt ENV-308 an. Der orale einzunehmende Wirkstoff soll Effekte körperlicher Aktivität auf den Stoffwechsel nachahmen und zugleich den Appetit beeinflussen. Entwickelt wird das Präparat vom US-Biotechnologieunternehmen Enveda aus Boulder im Bundesstaat Colorado.
Grundlage dafür ist Lactat-Phenylalanin, kurz Lac-Phe. Das Molekül wird im menschlichen Körper unter anderem bei intensiver körperlicher Belastung gebildet und rückte 2022 durch Forschungsarbeiten von Jonathan Long und seinem Team an der Standford University stärker in den Fokus. In Untersuchungen an Tieren wurde Lac-Phe mit einer verminderten Nahrungsaufnahme und einem geringeren Körperfettanteil in Verbindung gebracht. Für eine direkte Verwendung als Arzneimittel eignet sich Lac-Phe allerdings nicht: Das Molekül wird im Körper zu schnell abgebaut. Enveda entwickelte deshalb ENV-308, das dessen Wirkung nachahmen und als täglich einzunehmende Tablette eingesetzt werden soll.
Gewicht und Muskelmasse nach GLP-1-Therapie
Das Entwicklungsziel geht über die reine Gewichtskontrolle hinaus. Nach einer mit GLP-1-Medikamenten wie Wegovy erreichten Gewichtsabnahme soll ENV-308 helfen, das niedrigere Gewicht zu halten. Gleichzeitig soll möglichst viel fettfreie Muskelmasse erhalten bleiben. Damit adressiert der Wirkstoff zwei Punkte, die nach dem Ende einer medikamentösen Adipositastherapie relevant werden können: eine erneute Gewichtszunahme und den Erhalt der Körperzusammensetzung.
Noch befindet sich der Wirkstoff allerdings in einem frühen Entwicklungsstadium. In einer ersten Phase-I-Studie wurde der Wirkstoff an 88 gesunden Erwachsenen untersucht. Im Mittelpunkt standen Sicherheit, Verträglichkeit und die Wirkung verschiedener Dosierungen im Körper. Nach Angaben des Unternehmens wurde der Wirkstoff über den untersuchten Dosisbereich gut vertragen. Enveda spricht von einem „außergewöhnlich guten gastrointestinalen Sicherheitsprofil“. Ob sich dies in größeren und längeren Studien bestätigt, ist derzeit offen.
Leptin als weiterer Ansatzpunkt
Untersucht wurde auch der Einfluss der Behandlung auf Leptin. Das von Fettzellen freigesetzte Hormon ist an der Regulation von Appetit und Energiehaushalt beteiligt. Bei Adipositas sind die Leptinspiegel häufig dauerhaft erhöht, während die Reaktion des Körpers auf das Signal vermindert sein kann. In der Phase-I-Studie gingen die zirkulierenden Leptinspiegel unter der Behandlung zurück. „Die stärksten Reduktionen wurde bei Personen beobachtet, die zu Studienbeginn die höchsten Leptinwerte aufwiesen“, heißt es zu den Ergebnissen. Zuvor hatte bereits Tieruntersuchungen Hinweise darauf geliefert, dass der Wirkstoff die Leptinspiegel senken könnte.
Ob daraus auch ein klinisch relevanter Effekt auf Appetit, Gewicht und Gewichtserhalt entsteht, lässt sich aus den bisherigen Daten noch nicht ableiten.
Weitere Studien müssen Nutzen erst bestätigen
Als „Sport in Tablettenform“ lässt sich der Ansatz daher bislang nur als Beschreibung des zugrunde liegenden Wirkprinzips verstehen. Dass eine Tablette die gesundheitlichen Effekte körperlicher Bewegung ersetzen könnte, zeigen die vorliegenden Daten nicht.
Als nächstes soll der Wirkstoff bei Menschen untersucht werden, die zuvor GLP-1-Rezeptoragonisten zur Gewichtsreduktion erhalten haben. Erst diese Studien können zeigen, ob die Behandlung nach dem Ende einer GLP-1-Therapie das erreichte Gewicht stabilisieren und gleichzeitig zum Erhalt der fettfreien Muskelmasse beitragen kann.
APA
