Eine kleine Menge Saccharoselösung kann die Schmerzen von Neugeborenen bei einer Blutentnahme wahrscheinlich deutlich reduzieren. Auf einer zehnteiligen Schmerzskala sanken die Werte während und kurz nach dem Einstich durchschnittlich um rund zwei Punkte. Zu diesem Ergebnis kommt ein Cochrane Review mit 29 Studien und mehr als 2700 Früh- und Reifgeborenen.
Blutentnahmen gehören insbesondere auf neonatologischen Intensivstationen zum Alltag. Frühgeborene und kranke Neugeborene müssen häufig mehrere schmerzhafte Eingriffe über sich ergehen lassen. Dennoch werden entsprechende Maßnahmen zur Schmerzlinderung in der klinischen Praxis nicht immer konsequent eingesetzt.
Wiederholte unbehandelte Schmerzen können in dieser frühen Lebensphase die Entwicklung des Gehirns und das körperliche Wachstum beeinträchtigen. Umso wichtiger sind einfach verfügbare Methoden, die sich auch bei kurzen Eingriffen anwenden lassen.
Wie Cochrane Deutschland in einer Pressemitteilung berichtet, untersuchte ein überwiegend kanadisches Forschungsteam die Wirkung von Saccharose bei venösen Blutentnahmen. Bei der Saccharoselösung handelt es sich um gewöhnlichen Haushaltszucker, der in Wasser gelöst und kurz vor dem Eingriff in den Mund des Kindes gegeben wird.
„Die Evidenz zeigt: Eine kleine Menge Saccharose, die kurz vor dem Eingriff verabreicht wird, ist eine einfache, schnelle und wirksame Methode, um Schmerzen zu verringern“, erklärt Erstautorin Mariana Bueno von der Universität Toronto.
29 Studien mit 2764 Neugeborenen
In den Review flossen 29 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 2764 Früh- und Reifgeborenen ein. Die Kinder waren zum Zeitpunkt der Untersuchung höchstens 44 Wochen nach dem errechneten Beginn der Schwangerschaft alt.
Verglichen wurde die Saccharoselösung unter anderem mit keiner schmerzlindernden Maßnahme, Wasser, der üblichen Standardversorgung, Stillen, direktem Hautkontakt sowie dem Saugen an einem Schnuller. Einige Untersuchungen kombinierten die Zuckerlösung mit einem Schnuller.
Zur Erfassung der Schmerzen wurden unterschiedliche, speziell für Neugeborene entwickelte Skalen verwendet. Dabei werden beispielsweise Gesichtsausdruck, Weinen, Bewegungen, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung beurteilt.
Rund zwei Punkte weniger auf der Schmerzskala
Im Vergleich zu keiner Behandlung, Wasser oder der üblichen Versorgung verringerte Saccharose die Schmerzen während der Blutentnahme wahrscheinlich deutlich. Auch 30 Sekunden nach dem Einstich war der schmerzlindernde Effekt noch erkennbar.
Auf einer Skala von null bis zehn lagen die gemessenen Schmerzwerte unter Saccharose durchschnittlich rund zwei Punkte niedriger. Dieses Ergebnis beruht auf sieben Studien mit 477 Neugeborenen. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz wurde sowohl für den Zeitpunkt des Einstichs als auch für die Messung 30 Sekunden später als moderat eingestuft.
Nicht alle vorhandenen Studien konnten in die gemeinsame Berechnung aufgenommen werden. Teilweise waren die Daten aufgrund unterschiedlicher Messmethoden oder Darstellungsformen nicht miteinander vergleichbar.
Ähnlicher Effekt wie Hautkontakt
Auch der direkte Hautkontakt zwischen Mutter und Kind kann Schmerzen bei medizinischen Eingriffen reduzieren. Zwei Studien mit insgesamt 208 Neugeborenen verglichen diese Methode mit der Gabe einer Zuckerlösung.
Während der Blutentnahme zeigte sich möglicherweise kaum oder kein Unterschied zwischen beiden Maßnahmen. Die Vertrauenswürdigkeit dieser Evidenz ist jedoch gering, weshalb sich daraus keine klare Überlegenheit einer Methode ableiten lässt.
Vergleich mit Stillen
In einer weiteren Studie wurde Saccharose mit Stillen während der Blutentnahme verglichen. Beim eigentlichen Einstich linderte die Zuckerlösung die Schmerzen wahrscheinlich stärker. Dieses Ergebnis beruht auf 103 Neugeborenen und besitzt eine moderate Vertrauenswürdigkeit.
Zwei Minuten nach der Blutentnahme war der Unterschied zwischen beiden Methoden möglicherweise gering oder nicht mehr vorhanden. Für diese Auswertung standen Daten von 104 Kindern zur Verfügung. Die Vertrauenswürdigkeit wurde als niedrig eingestuft.
Die Ergebnisse sprechen daher nicht grundsätzlich gegen das Stillen als schmerzlindernde Maßnahme. Sie zeigen vielmehr, dass Saccharose unmittelbar beim Einstich einen stärkeren Effekt haben könnte.
Kombination mit einem Schnuller
Besonders wirksam könnte die Verbindung mehrerer Maßnahmen sein. In zwei Studien mit 136 Neugeborenen wurde eine Kombination aus Saccharoselösung und Schnuller mit dem ausschließlichen Saugen an einem Schnuller verglichen.
Die Kombination reduzierte die Schmerzen während und nach der Blutentnahme wahrscheinlich stärker als der Schnuller allein. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz für den unmittelbaren Effekt wurde als moderat bewertet.
„Zuckerlösung, Schnuller, Stillen und Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Mutter und Kind schließen sich nicht gegenseitig aus“, betont Jörg Meerpohl, wissenschaftlicher Direktor von Cochrane Deutschland. Vielmehr handle es sich um verschiedene einfache Maßnahmen, die einander ergänzen und bei Bedarf miteinander kombiniert werden könnten. Stillen oder direkter Hautkontakt seien allerdings nicht in jeder klinischen Situation möglich. Eine Zuckerlösung könne hingegen nahezu unabhängig von Ort und Situation verabreicht werden.
Meist 24-prozentige Lösung verwendet
Die Saccharoselösung wurde in den Studien auf unterschiedliche Weise gegeben. Teilweise erfolgte die Verabreichung mit einer Spritze oder einem Tropfer direkt in den Mund. In anderen Untersuchungen wurde ein mit der Lösung benetzter Schnuller verwendet.
Die verabreichte Menge lag zwischen 0,1 und 2 ml. Am häufigsten kam eine Saccharosekonzentration von 24 Prozent zum Einsatz. Insgesamt reichte die untersuchte Konzentration je nach Studie von 12 bis 50 Prozent.
Welche Verabreichungsform oder Dosierung den besten Effekt erzielt, lässt sich aus dem Review nicht ableiten. Die verschiedenen Methoden wurden nicht direkt miteinander verglichen. Damit fehlen weiterhin einheitliche Standards für Konzentration, Menge und Verabreichungsweg.
Keine unmittelbaren Nebenwirkungen berichtet
Vier Studien suchten gezielt nach möglichen unerwünschten Wirkungen der Saccharosegabe. Dabei wurden keine unmittelbaren Nebenwirkungen wie Würgereiz, Husten, Erbrechen oder Atemaussetzer beobachtet.
Die begrenzte Zahl entsprechender Untersuchungen erlaubt jedoch keine umfassende Beurteilung der Sicherheit. Die Zuckerlösung sollte deshalb nach festgelegten klinischen Vorgaben und gezielt bei schmerzhaften Eingriffen eingesetzt werden.
Die Autorinnen und Autoren betonen ausdrücklich, dass Saccharose nicht routinemäßig zur Beruhigung eines weinenden Kindes gegeben werden sollte. Der Einsatz ist als schmerzlindernde Maßnahme unmittelbar vor oder während einer medizinischen Prozedur vorgesehen.
Einfache Ergänzung der Schmerzbehandlung
Der Review liefert nun relativ verlässliche Hinweise darauf, dass eine kleine Menge Zuckerlösung die Schmerzen bei venösen Blutentnahmen reduzieren kann. Stillen, Hautkontakt und Schnuller bleiben ebenfalls wichtige Maßnahmen und können abhängig von der klinischen Situation ergänzend eingesetzt werden.
Der Review ist unter dem Titel „Sucrose analgesia for venepuncture in neonates“ in der Cochrane Database of Systematic Reviews erschienen.
