Noch spielen digitale Identitäten eher weniger eine Rolle; mit dem Projekt ID Austria soll sich das aber ändern. Die entsprechende App wurde bereits von etwa fünf Millionen Österreicher:innen heruntergeladen, die ID ist bereits beispielsweise im Rahmen von digitalen Führerscheinen im Einsatz. Für Apotheken könnten digitale Identitäten künftig vor allem bei europaweit nutzbaren elektronischen Verschreibungen, Vollmachten und Berechtigungsnachweisen relevant werden.
Einer der Akteure am Markt ist Signicat. Das Unternehmen aus Norwegen, mit einem Sitz in Frankfurt am Main, ist kürzlich einer von mehr als 200 Partnern der ID Austria geworden. Mit der Integration der ID Austria reagiere man auf einen deutlichen Branchentrend. Digitalisierung werde immer wichtiger, damit nimmt auch der Bedarf an sicheren Online-Transaktionen zu. Auch das EUDI-Wallet, das Kernelement der eIDAS-Verordnung der Europäischen Union, deren Ziel die Regelung von „elektronischen Identifizierungs- und Vertrauensdiensten für elektronische Transaktionen“ ist, werde diese Entwicklung weiter befeuern.
Verfahren zur Identitätsprüfung
„Diese Erweiterung ermöglicht es europäischen Unternehmen, die Identität von über 4,8 Millionen österreichischen Nutzern – was 60 Prozent der erwachsenen Bevölkerung des Landes entspricht – sicher zu verifizieren und Onboarding-Prozesse durchzuführen“, heißt es von Signicat. Deren Kunden könnten österreichischen Nutzer:innen nun problemlos ein vertrauenswürdiges, staatlich ausgestelltes Verfahren zur Identitätsprüfung anbieten. Auch grenzüberschreitend tätige Unternehmen könnten die ID Austria bereits jetzt integrieren und akzeptieren.
„Da eIDAS 2.0 und die Geldwäscheverordnung den Markt bis 2027 neu gestalten werden, müssen sich Unternehmen auf eine gemischte Umgebung einstellen“, sagt Allard Keuter, Head of Authentication & Wallets bei Signicat. „Für einige Jahre werden sie die nationalen eIDs unterstützen müssen, die Millionen von Menschen – wie in Österreich – heute nutzen und denen sie vertrauen. Gleichzeitig müssen sie sich jedoch auf die EUDI-Wallet von morgen vorbereiten. Wir schlagen faktisch die strategische Brücke, um diese spannende Entwicklung zu unterstützen.“
Österreichs digitale ID werde die Grundlage für die künftige EUDI-Wallet im Land. „Die eigentliche Herausforderung für Europa besteht nicht nur in der Schaffung einer digitalen Wallet, sondern auch darin, sicherzustellen, dass sie an die Legacy-Systeme angebunden werden kann, die die Menschen bereits nutzen“, so Asger Hattel, CEO der Plattform Signicat.
Gemeinsamer europäischer Standard
Anders als die ID Austria soll die EUDI-Wallet nicht auf Österreich beschränkt bleiben. Digitale Nachweise sollen damit auch grenzüberschreitend und nach gemeinsamen europäischen Standards vorgelegt werden können. Nutzer:innen sollen dabei jeweils nur jene Daten freigeben, die für einen bestimmten Vorgang erforderlich sind. Neben Identitätsnachweisen werden unter anderem elektronische Unterschriften, Führerscheine, Bildungsabschlüsse, Reisedokumente, Zahlungsfreigaben, Sozialversicherungsnachweise und ärztliche Verschreibungen als mögliche Anwendungen erprobt.
Für den Ausbau der eigenen Position ist Signicat kürzlich einen weiteren Schritt gegangen: eine Kooperation mit TrustTech, ein Unternehmen für digitale Vertrauensinfrastruktur, das auf Identitätsprüfung, wiederverwendbare Compliance-Prüfungen und vertrauenswürdige Signaturen spezialisiert ist.
Gemeinsam wolle man dabei unterstützen, fragmentierte Identitätsprüfungen, passwortbasierte Authentifizierungen und sich wiederholende Signaturprozesse durch einen einzigen, von einem privaten Wallet gesteuerten Ablauf zu ersetzen. Die Partnerschaft werde sich zunächst auf Finanzdienstleistungen, Behörden, das Gesundheitswesen und die Pharmaindustrie konzentrieren, hieß es zudem.
ID Austria: Schon für Apotheken relevant
Die ID Austria bei muss bei einer Behörde beantragt werden; in Gemeinden – die dies schon zu mehr als zwei Dritteln können, Passbehörden, Landespolizeidirektionen, Finanzämtern und Magistraten ist das möglich. Österreicher:innen brauchen dann einen amtlichen Lichtbildausweis, ein Smartphone und eventuell ein aktuelles Passfoto. Die ID Austria gibt es auch mit Basisfunktion – diese stellen auch Sozialversicherungen aus.
Für Apotheken ist die ID Austria bereits heute relevant: Seit April 2026 kann die e-card über die Apps der Sozialversicherung auch digital genutzt werden. Die Anmeldung erfolgt über die ID Austria. Anschließend kann das NFC-fähige Smartphone in Ordinationen und Apotheken anstelle der physischen e-card verwendet werden. Die digitale e-card enthält ebenso wie die Kunststoffkarte keine Gesundheitsdaten, sondern dient als persönlicher Schlüssel zum e-card-System.
EUDI-Wallet in Apotheke und Arztpraxis europaweit?
Die digitale e-card ist allerdings nicht mit der künftigen EUDI-Wallet gleichzusetzen. Während die digitale e-card derzeit eine österreichische Lösung innerhalb der Apps der Sozialversicherung ist, soll die EUDI-Wallet ein europaweit einsetzbares System für unterschiedliche digitale Nachweise schaffen.
Auch die e-card könnte zukünftig digital in der Wallet vorliegen. Statt eine Karte zu stecken, könnte das Handy in der Arztpraxis an einen Scanner gehalten werden. Die Wallet könnte – einmal autorisiert – als Identifikationsmöglichkeit für verschiedenste Anwendung dienen. Die jeweils staatliche initiierte EUDI-Wallet stellt ein offenes Ökosystems zur Verfügung, nicht-staatliche Anbieter können sich mit ihren Lösungen beteiligen, nachdem diese zertifiziert und offiziell anerkannt sind.
Für Apotheken könnte vor allem die grenzüberschreitende Einlösung elektronischer Verschreibungen relevant werden. In europäischen Pilotprojekten wird bereits erprobt, wie Patient:innen über die Wallet Verschreibungsdaten an eine Apotheke übermitteln und damit die Arzneimittelabgabe anstoßen können. Denkbar ist etwa, dass eine in einem anderen Mitgliedstaat ausgestellte Verschreibung digital und eindeutig einer Person zugeordnet vorgelegt wird. Dabei handelt es sich derzeit um einen erprobten Anwendungsfall und noch nicht um eine flächendeckend verfügbare Funktion in österreichischen Apotheken
Digitale Vollmachten und Delegationen
In Deutschland hat sich bereits Apotheker Apotheker Michael Gäbe aus Dresden mit dem Thema beschäftigt. Mit der EUDI-Wallet könnten Patient:innen beispielsweise einzelne Zustimmungen erteilen. Die Apotheke könne die Berechtigung in Sekunden prüfen. Pflegekräfte würden dadurch entlastet und Angehörige könnten Botendienste und die Heimversorgung besser organisieren. In Apotheken würde die Abgabe- und Lieferlogistik beschleunigt. „Das EUDI-Wallet würde beispielsweise auch die Einlösung des E-Rezepts durch Pflegekräfte ermöglichen“, erklärte Gäbe.
Das EUDI-Wallet ermögliche digitale Vollmachten und Delegationen, die in Apotheken schnell und papierfrei geprüft werden könnten. Das entspreche auch einem hohen Sicherheitsschutz durch starke Identitätsprüfung und schütze vor Missbrauch, Personal werde entlastet. Ein weiterer Vorteil sei die Nachvollziehbarkeit, da jede Einlösung mit Einwilligung und Rolle verknüpft sei – transparent, revisionsfähig und DSGVO-konform.
