Ärztekammer fordert mehr ärztliche Hausapotheken


Redaktion

Poträtbild von Dr. Johannes Steinhart
Ärztliche Hausapotheken sollen nach dem Willen der Ärztekammer künftig leichter möglich sein und die Medikamentenversorgung besonders in ländlichen Regionen absichern. ÄK Wien / Oliver Topf

Ärztliche Hausapotheken sollen nach Ansicht der Österreichischen Ärztekammer künftig deutlich breiter möglich sein. Eine aktuelle Studie sieht darin Vorteile für die Versorgung im ländlichen Raum, kürzere Wege für Patientinnen und Patienten sowie Einsparungen bei Kosten und Emissionen.

Österreich könnte in den kommenden Jahren vor wachsenden Problemen bei der Besetzung von Kassenstellen stehen. Besonders betroffen sind kleinere Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern. Die Österreichische Ärztekammer nimmt eine aktuelle Studie von Kreutzer Fischer und Partner zum Anlass, erneut eine Lockerung der Regeln für ärztliche Hausapotheken zu fordern.

Studienautor Andreas Kreutzer nennt drei zentrale Punkte, die aus seiner Sicht für eine breitere Freigabe sprechen. Kürzere Wege bei der Medikamentenversorgung könnten demnach volkswirtschaftliche Kosten von zumindest 160 Millionen Euro einsparen. Gleichzeitig würden weniger Fahrten zur Apotheke auch die Umwelt entlasten. Laut Studie verursachen private Pkw-Fahrten zur Beschaffung rezeptpflichtiger Medikamente jährlich rund 300.00 Tonnen CO2.

Darüber hinaus könnten ärztliche Hausapotheken dazu beitragen, die medizinische Versorgung in dünn besiedelten Regionen abzusichern. Befürchtungen, öffentliche Apotheken könnten dadurch wirtschaftlich unter Druck geraten, weist Kreutzer zurück. Auch bei einem Ausbau sei deren Existenz laut Studie nicht gefährdet.

Forderung nach allgemeinem Dispensierrecht

Dr. Johannes Steinhard, Präsident der Österreichischen Ärztekammer fordert deshalb eine weitgehende Öffnung. „Es ist höchste Zeit für mehr ärztliche Hausapotheken“, sagte Steinhart. Patientinnen und Patienten können dadurch Medikamente direkt im Anschluss an den Arztbesuch erhalten. Aus Sicht der Ärztekammer betrifft das Thema nicht ausschließlich ländliche Regionen. Auch in Wien müssten Patientinnen und Patienten teils längere Wege zur nächsten geöffneten Apotheke zurücklegen. Steinhard spricht sich daher für ein allgemeines und freiwilliges Dispensierrecht für Ärztinnen und Ärzte aus.

Den Nutzen sieht er nicht nur beim Zugang zu Arzneimitteln. Gemeinden könnten nach Ansicht der Ärztekammer leichter Ärztinnen und Ärzte für offene Stellen gewinnen, wenn eine Hausapotheke Teil der Ordination sein kann. Damit würde zugleich die wohnortnahe medizinische Versorgung gestärkt.

Ärztekammer will Kilometergrenze streichen

Auch Edgar Wutscher, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, fordert eine Lockerung der bestehenden Vorgaben. Die Diskussion um die sogenannten Kilometergrenze  werde bereits seit Jahren geführt.

OMR Dr. Edgar Wutscher, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte.
„Die Forderung nach einer Lockerung der Regeln für die Führung einer ärztlichen Hausapotheke kommt nicht von der Ärzteschaft allein“, sagte Wutscher. Auch die Bundeswettbewerbsbehörde habe sich bereits dafür ausgesprochen, die Kilometergrenze zu streichen. Wutscher stellt dabei die Versorgung der Patientinnen und Patienten in den Vordergrund.ÄK Tirol / Wolfgang Lackner

Es gehe nicht um einen „Verdrängungswettkampf“, sondern darum, wie Medikamente möglichst rasch verfügbar gemacht werden könnten. Besonders für ältere Menschen oder Personen mit eingeschränkter Mobilität seien lange Wege problematisch.

Nach Angaben der Ärztekammer gibt es in Österreich rund 800 ärztliche Hausapotheken. Ihr Einzugsgebiet umfasst demnach etwa drei Millionen Menschen.

Öffentliches Apothekensystem soll bestehen bleiben

Silvester Hutgrabner, Leider des Referats für Hausapotheken und Medikamentenangelegenheiten in der Österreichischen Ärztekammer, sieht öffentliche und ärztliche Apotheken nicht als Gegensätze. Ärztliche Hausapotheken seien ursprünglich für die Versorgung mit Medikamenten im ländlichen Raum vorgesehen worden. Das derzeitige System mit öffentlichen Apotheken in Ballungsräumen und ärztlichen Hausapotheken in ländlichen Regionen bezeichnet Hutgrabner als grundsätzlich sinnvoll. Beide Berufsgruppen seien aufeinander angewiesen. Gerade Gemeinden ohne niedergelassene Ärztinnen und Ärzte seien auch für öffentliche Apotheken kein attraktiver Standort.

Offen sieht Hutgrabner zudem die Rolle von Primärversorgungseinheiten in dünn besiedelten Gebieten. Während Primärversorgungszentren vor allem in Ballungsräumen ihre Berechtigung hätten, seien in ländlichen Regionen Primärversorgungsnetzwerke häufig besser geeignet. Dabei müsse allerdings geklärt werden, wie bestehende ärztliche Hausapotheken eingebunden werden können.

OTS



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