Melanotan: Ist die „Barbie-Droge“ zurück?


Viktoria Anderle

Symbolbild: Eine Barbie sitz auf einem Pinken Flamingo im Sand.
Makellose Bräune ohne Sonne und auch noch ein Aphrodisiakum, das schlank macht? Zu Melanotan gibt es zahlreiche Versprechen, doch über die vielfältigen Risiken wird kaum gesprochen.Atlas/AdobeStock_629491108

Melanotan soll die Haut ohne langes Sonnenbad bräunen. Bereits 2010 warnten Behörden vor illegal angebotenen Injektionen und Implantaten. Nun erleben Produkte mit Melanotan offenbar ein Comeback: In sozialen Medien werden vor allem Nasensprays und Kapseln beworben. Die versprochene Bräune ist jedoch mit erheblichen und teilweise noch unbekannten Risiken verbunden.

Schlank, gebräunt und eine gesteigerte Libido: Mit diesen Versprechen werden Melanotan-Produkte derzeit auf TikTok, Instagram und anderen sozialen Netzwerken beworben. Teilweise werden auch unerwartete Erektionen als erwünschte Wirkung dargestellt. Erhältlich sind die Produkte über unregulierte Online-Shops unter anderem als Nasenspray, Kapseln oder Pulver zur Selbstinjektion.

„Barbie-Droge ist eine unregulierte Substanz“

Laut Stiftung Warentest war Melanotan bereits in den 2010er-Jahren vor allem in der Fitness- und Bodybuilder-Szene verbreitet. Der aktuelle Trend zu stark gebräunter Haut und sehr schlanken Körpern dürfte nun zum Comeback der sogenannten „Barbie-“ oder „Ken-Droge“ beitragen.

„Melanotan II, auch bekannt als ‚Barbie-Droge‘, ist eine unregulierte Substanz mit schwerwiegenden gemeldeten Nebenwirkungen und ist für den Verbrauchergebrauch nicht sicher“, warnt Dr. Deborah Sarnoff, Präsidentin der amerikanischen Skin Cancer Foundation (SCF).

Was ist Melanotan?

Melanotan bezeichnet synthetisch hergestellte Peptide, die dem körpereigenen alpha-Melanozyten-stimulierenden Hormon ähneln. Durch die Aktivierung von Melanocortinrezeptoren regen sie die Bildung des Hautpigments Melanin an. Die Haut kann dadurch auch ohne intensive Sonnenexposition dunkler erscheinen. Als Sonnenschutz eignet sich die künstlich erzeugte Bräune jedoch nicht.

Melanotan I und Melanotan II wurden in den 1980er-Jahren ursprünglich mit dem Ziel erforscht, lichtempfindliche Menschen vor ultravioletter Strahlung zu schützen. Melanotan I, auch als Afamelanotid bezeichnet, wirkt überwiegend am Melanocortin-1-Rezeptor (MC1-Rezeptor) und damit vor allem auf die Pigmentbildung. Melanotan II aktiviert mehrere MC-Rezeptoren (MC1R, MC3R, MC4R, MC5R). Dadurch kann es neben der Hautpigmentierung auch den Appetit sowie die sexuelle Erregung beeinflussen. Diese Wirkungen werden im Internet als Hilfe beim Abnehmen, zur Steigerung der Libido oder gegen Erektionsstörungen vermarktet.

Afamelanotid für seltene Erkrankung zugelassen

Afamelanotid ist in der Europäischen Union unter dem Handelsnamen Scenesse zugelassen. Das Arzneimittel erhielt im Mai 2008 den Status eines Arzneimittels für seltene Leiden und verfügt seit Dezember 2014 über eine Zulassung.

Die Zulassung gilt laut EMA ausschließlich zur Vorbeugung phototoxischer Reaktionen bei Erwachsenen mit erythropoetischer Protoporphyrie. Dabei handelt es sich um eine seltene genetische Erkrankung, die zu einer ausgeprägten Lichtempfindlichkeit führt. Scenesse wird als Implantat von medizinischem Fachpersonal unter die Haut eingesetzt. Die Zulassung gilt daher nicht für kosmetische Bräunungszwecke und auch nicht für Nasensprays, Kapseln oder frei verkaufte Injektionspräparate. 

Melanotan II ist weder in der Europäischen Union noch in den USA als Arzneimittel zugelassen. Der Verkauf melanotanhaltiger Produkte zur kosmetischen Bräunung ist in Österreich illegal. Bereits 2010 warnte das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vor entsprechenden Injektionen und Implantaten.

Melanome, Nierenfunktionsstörungen und Hirnschwellungen

Als mögliche Nebenwirkungen werden unter anderem Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Appetitverlust, Gesichtsrötung und Veränderungen des Blutdrucks beschrieben. Weiters wurde ein Gähn- und Streckbedürfnis beschrieben.

Laut der australischen Arzneimittelbehörde Therapeutic Goods Administration (TGA) liegen im Zusammenhang mit Melanotan II zudem Berichte über eine Zunahme von Muttermalen und Sommersprossen, Nierenfunktionsstörungen und Hirnschwellungen vor. Bestehende Muttermale können sich vergrößern oder stark verdunkeln. Dadurch lassen sich verdächtige Veränderungen möglicherweise schwerer erkennen.

Die Hautkrebsstiftung SCF verweist außerdem auf Fallberichte über Melanome nach der Anwendung von Melanotan II. Diese geben Hinweise auf schwerwiegende gesundheitliche Folgen sowie eine systemische Toxizität und Muskelschäden. Diese Berichte können zwar keinen ursächlichen Zusammenhang beweisen, heißt es in der Presseaussendung, zeigen nach Einschätzung der Organisation jedoch wesentliche Sicherheitsbedenken auf.

Vorsicht vor Internetkäufen

Ein zusätzliches Risiko besteht durch den Bezug über unregulierte Internetquellen. Weder Reinheit und Dosierung noch die tatsächliche Zusammensetzung der Produkte lassen sich verlässlich überprüfen. Die TGA warnt außerdem davor, die erzeugte Pigmentierung mit Sonnenschutz gleichzusetzen: Auch gebräunte Haut bleibt ohne geeigneten Sonnenschutz gegenüber ultravioletter Strahlung ungeschützt.

Die klare Empfehlung der Hautkrebsstiftung lautet: „Der Wunsch nach Bräune sollte niemals die Bedenken hinsichtlich Gesundheit und Sicherheit überwiegen. Wer eine gebräunte Haut anstrebt, sollte auf injizierbare oder nasale Bräunungsmittel verzichten und stattdessen sicherere kosmetische Alternativen wie Selbstbräuner in Betracht ziehen.“



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