Nach bunten Vapes und Nikotinbeuteln dürfte nun das nächste Nikotinprodukt um die Aufmerksamkeit junger Menschen ringen: Nikotin-Zahnstocher. Vor allem in sozialen Medien wie TikTok werden die kleinen Holzstäbchen inszeniert. Expert:innen warnen jedoch vor dem Suchtpotenzial und davor, dass die Produkte auf den ersten Blick kaum von normalen Zahnstochern zu unterscheiden sind. Erste Schulen in Österreich und Deutschland reagieren bereits auf die Gefahr und verbieten Zahnstocher.
Neben Rizinusöl im Bauchnabel dürften nikotin-haltige Zahnstocher nun der nächste, potenziell jedoch deutlich gefährlichere, TikTok-Trend sein. Neben aromatisierten, nikotinfreien Zahnstochern sind nun auch nikotinhaltige Zahnstocher zu finden. Diese haben Geschmacksrichtungen wie Cola, Erdbeere oder Minze. Ansprechende Namen wie „Cocky Cola“ sollen zum Kauf verleiten. Gerade diese Mischung aus süßen Aromen, bunten Verpackungen und einer möglichst trendigen Bewerbung sorgt für Kritik.
Online-Trend: Schulen verbieten Zahnstocher
Nikotinhaltige Zahnstocher sind in Deutschland nicht zugelassen und dürfen dort auch nicht verkauft werden. In Österreich dürfte es sich bei den Zahnstochern um eine Grauzone handeln. Aufgrund des enthaltenen Nikotins dürften sie, sofern erhältlich, erst ab 18. Lebensjahr gekauft werden. In einem Schreiben des österreichischen Parlaments im Juni heißt es dazu: „In Hinkunft sollen aus gesundheitspolitischen Gründen sowohl nikotinhaltige Produkte (beispielsweise Nikotinpouches, Nikotinzahnstocher) als auch nikotinfreie verwandte Erzeugnisse, die oft aufputschende Subtanzen (Koffein, Guarana) enthalten, wie klassische Tabakprodukte behandelt und damit einem umfassenden Schutzniveau (inklusive Abgabe- und Werbeverbot) unterworfen werden.“
Über das Internet lassen sich die Nikotin-Zahnstocher vergleichsweise leicht, auch schon in jüngeren Jahren, aus dem Ausland bestellen. Genau das macht die Produkte für Schulen und Eltern schwer greifbar: Äußerlich unterscheiden sich nikotinhaltige Zahnstocher kaum von gewöhnlichen oder bloß aromatisierten Varianten.
Mehrere Schulen haben deshalb reagiert und Zahnstocher auf dem Schulgelände pauschal verboten. Medien berichteten zunächst über eine Schule in München, inzwischen gibt es auch in Österreich erste Reaktionen. Laut „Kronen Zeitung“ haben etwa Schulen in der Steiermark und Tirol sämtliche Zahnstocher aus Sicherheitsgründen untersagt.
Wie viel Nikotin steckt in den Zahnstochern?
Wie hoch die Nikotinmenge tatsächlich ist, hängt vom Produkt ab. Nikotin-Zahnstocher enthalten laut Medien meist zwei bis drei Milligramm Nikotin, in einzelnen Produkten können es aber auch bis zu sechs Milligramm sein. Zum Vergleich: Eine Zigarette enthält je nach Sorte zwar rund acht bis zehn Milligramm Nikotin, aufgenommen wird beim Rauchen aber nur etwa ein Milligramm.
Wie viel Nikotin aus einem Zahnstocher tatsächlich im Körper ankommt, lässt sich derzeit nicht pauschal sagen. Dr. Andrea Rabenstein, Suchtmedizinerin an der Tabakambulanz des LMU Klinikums München, erklärte in mehreren Medienberichten, dass dazu bislang nur wenige Daten vorliegen. Klar sei aber: Nikotin-Zahnstocher seien keineswegs harmlos. Gerade bei Jugendlichen könne das Abhängigkeitspotenzial erheblich sein.
Warum Fachleute warnen
Das Alkaloid Nikotin gelangt durch die Zahnstocher über die Mundschleimhaut in den Blutkreislauf. Unabhängig davon, ob es geraucht, gevapt oder oral konsumiert wird, gilt der Stoff als stark suchterzeugend. Zu den möglichen akuten Folgen zählen Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Herzrasen oder ein Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz. Bei höheren Mengen sind auch ausgeprägtere Vergiftungssymptome möglich.
Hinzu kommen lokale Risiken im Mundraum. Fachleute warnen vor Reizungen der Mundschleimhaut, Zahnfleischproblemen und einem erhöhten Kariesrisiko. Zudem wird auch auf mögliche Langzeitfolgen wie maligne Entartungen der Mundschleimhaut hingewiesen. Gerade weil die Produkte gelutscht oder gekaut und dabei teils über längere Zeit im Mund behalten werden, ist die Schleimhaut einer wiederholten Nikotinexposition ausgesetzt.
Konsummuster früh verfestigen
Besonders kritisch ist der Konsum bei Kindern und Jugendlichen. Das Gehirn befindet sich in dieser Lebensphase noch in Entwicklung, gleichzeitig können sich Konsummuster früh verfestigen. Fachleute befürchten deshalb, dass Nikotin-Zahnstocher als Einstieg in eine spätere Nikotinabhängigkeit dienen könnten. Das sei vor allem dann der Fall, wenn sie über süße Aromen und soziale Medien als harmloser Lifestyle-Trend vermarktet werden.
Hinzu kommt: Ein Unterschied zwischen nikotinfreien Aromazahnstochern und nikotinhaltigen Produkten ist für Außenstehende kaum zu erkennen. Genau darin sehen Suchtmedizinerinnen und Suchtmediziner ein zusätzliches Problem. Wer sich an das Ritual und an die Geschmacksrichtungen gewöhnt, könnte leichter auch zu nikotinhaltigen Varianten greifen.
Vorsicht auch bei Nikotinbeuteln
Ähnliche Sorgen gibt es bei sogenannten Nikotinbeuteln, auch Nikotinpouches genannt. Dabei handelt es sich um kleine tabakfreie Beutel, die Nikotin enthalten und im Mund unter die Lippe gelegt werden. Nach Einschätzung des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) kann der Nikotingehalt stark schwanken. Das Institut berichtet von Produkten mit sehr hohen Nikotinmengen. Die höchste dem BfR bekannte Menge lag bei 47,5 Milligramm Nikotin pro Beutel, heißt es in einer Stellungnahme.
Besonders relevant ist dabei nicht nur die Dosis, sondern auch die Aufnahmegeschwindigkeit. Laut BfR können hoch dosierte Nikotinbeutel Nikotinspiegel im Blut erzeugen, die mit jenen nach dem Konsum von Zigaretten vergleichbar sind oder diese sogar übersteigen. Auch sie sind damit alles andere als harmlose Lifestyle-Produkte.
Neue Regeln für Nikotinprodukte ab 1. April
Mit April 2026 hat Österreich hat das Tabakmonopolgesetz drastisch reformiert. Damit folgte man den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), unkontrollierte Verkaufsstellen für Nikotinprodukte zu dezimieren. Nikotinbeutel (Pouches) wurden nun offiziell in das Tabakmonopol aufgenommen und dürfen nur noch über lizenzierte Trafiken verkauft werden. Zudem wurde der Online-Versandhandel komplett verboten. Die Einfuhr über den Großhandel bis zum Verkauf von Nikotinpouches, E-Zigaretten und Liquids wird nun strenger reguliert.
Eine Entwicklung, die Sorgen bereitet
Nikotin-Zahnstocher wirken unscheinbar, sind aber kein harmloser Internet-Gag. Während aromatisierte, nikotinfreie Zahnstocher für sich genommen noch kein Suchtmittel darstellen, bergen nikotinhaltige Varianten ein reales Abhängigkeits- und Gesundheitsrisiko. Gerade weil sie über soziale Medien beworben werden, äußerlich kaum von harmlosen Produkten zu unterscheiden sind und sich leicht online bestellen lassen, beobachten Fachleute den Trend mit Sorge. Ob sich Nikotin-Zahnstocher durchsetzen und zu einem Hype entwickeln, bleibt laut Expert:innen abzuwarten.
