Folsäure bei Kinderwunsch


Sanja Agatic

Symbolbild: Eine Frau hält einen Schwangerschaftstest in der Hand.
Folsäure sollte idealerweise bereits mehrere Wochen vor einer Schwangerschaft eingenommen werden.Foto:stock.adobe.com/Rawpixel.com

Viele Frauen greifen erst zur Folsäure, wenn der Schwangerschaftstest positiv ist. Genau das könnte allerdings zu spät sein. Denn die entscheidenden Entwicklungsschritte des Nervensystems finden bereits statt, bevor viele überhaupt wissen, dass sie schwanger sind.

Gerade deshalb zählt Folsäure zu den wichtigsten Empfehlungen bei Kinderwunsch und früher Schwangerschaft. Folsäure beziehungsweise Folat gehört zur Gruppe der B-Vitamine und spielt eine zentrale Rolle bei Zellteilung, Wachstum und Blutbildung. Besonders relevant wird das in der frühen Embryonalentwicklung. Ein Mangel kann das Risiko für sogenannte Neuralohrdefekte erhöhen. Dazu zählen schwere Fehlbildungen wie Spina bifida (offener Rücken) oder Fehlbildungen von Gehirn und Rückenmark. Das Neuralohr schließt sich bereits zwischen dem 22. und 28. Tag nach der Befruchtung, also zu einem Zeitpunkt, an dem viele Frauen noch gar nicht wissen, dass sie schwanger sind.

Fachgesellschaften empfehlen, bereits bei Kinderwunsch mit der Einnahme zu beginnen, idealerweise mindestens vier Wochen vor einer möglichen Schwangerschaft. Die Supplementierung sollte bis zumindest zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels fortgeführt werden. Für gesunde Frauen ohne Risikofaktor gilt eine tägliche Einnahme von 400 µg Folsäure als Standardempfehlung.

Nicht jede Frau braucht dieselbe Dosierung

In manchen Fällen kann eine höhere Dosierung notwendig sein. Dazu zählen:

  • bereits vergangene Schwangerschaften mit Neuralohrdefekten
  • bestimmte chronische Erkrankungen
  • Einnahme bestimmter Medikamente, etwa Antiepileptika
  • Adipositas
  • Erkrankungen mit verminderter Nährstoffaufnahme
  • Alkohol und Tabakrauch

Die Einnahme von Antikonvulsiva (Carbamazepin, Phenytoin, Primidon, Valproat), Barbituraten, Sulfasalazin, Nitrofurantoin, Tetrazyklinen, Antituberkulotika, Triamteren, Metformin und Zidovudin können einen Folsäuremangel auslösen.

Hier sollte die Dosierung individuell ärztlich abgeklärt werden.

Folat aus der Ernährung

Folat kommt zwar natürlicherweise in Lebensmitteln wie grünem Blattgemüse, Hülsenfrüchten oder Vollkornprodukten vor, die Aufnahme reicht im Alltag jedoch häufig nicht aus, um den erhöhten Bedarf rund um die Schwangerschaft sicher abzudecken. Zusätzlich ist natürliches Folat empfindlich gegenüber Lagerung und Erhitzung. Genau deshalb wird bei Kinderwunsch eine gezielte Supplementierung empfohlen.

Viele Präparate kombinieren Folsäure mittlerweile mit weiteren Mikronährstoffen wie Jod, Vitamin D, Eisen oder DHA. Nicht jede Kombination ist jedoch automatisch sinnvoll. Vor allem bei Jod sollte auf bestehende Schilddrüsenerkrankungen geachtet werden. Auch hochdosierte Präparate sind nicht für jede Frau notwendig.

Verwechslungsgefahr

Immer häufiger finden sich Produkte mit „aktivem Folat“ beziehungsweise 5-Methyltetrahydrofolat (5-MTHF). Hintergrund ist eine genetische Variante des MTHFR-Enzyms, die die Umwandlung von Folsäure beeinflussen kann. Ob aktive Folatformen tatsächlich routinemäßig Vorteile bringen, wird allerdings weiterhin diskutiert. Für die allgemeine Empfehlung bleibt klassische Folsäure derzeit Standard.

Folsäure gilt oft als „typisches Schwangerschaftsvitamin“. Tatsächlich beginnt ihre Bedeutung jedoch bereits deutlich davor. Gerade bei Kinderwunsch zählt nicht erst der positive Test, sondern die Vorbereitung des Körpers in den Wochen davor.



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