Nasenspray gegen Hämorrhoiden?


Viktoria Anderle

Bei der Anwendung auf einem Gazestück kann Xylometazolin länger einwirken und damit die Wahrscheinlichkeit einer systemischen Aufnahme erhöhen. AdobeStock_305188636/Igor Nikushin

Abschwellende Nasensprays mit Wirkstoffen wie Xylometazolin werden in Foren und teils auch in Erfahrungsberichten von Hebammen als „Hausmittel“ gegen Hämorrhoiden in der Schwangerschaft genannt. Pharmakologisch klingt die Idee zunächst plausibel: Gefäßverengung kann Gewebe abschwellen lassen. Klinisch ist diese Anwendung, vor allem in der Schwangerschaft, aber nicht belegt. Auch das niederländische Pharmakovigilanz-Zentrum Lareb sieht die Anwendung kritisch.

Bekannt ist diese off-label Anwendung unter anderem durch einen Bericht von Lareb im Dezember 2022. Bei Lareb handelt es sich um das niederländische Pharmakovigilanz-Zentrum. Es beschäftigt sich mit Nebenwirkungen und der Arzneimittelsicherheit. Der Teilbereich „Moeders van Morgen“, auf Deutsch „Mütter von Morgen“, untersucht speziell die Anwendung von Arzneimitteln in Schwangerschaft und Stillzeit. Bereits mehr als 11.000 Frauen wurden so mittels Fragebögen begleitet.

Wenn der Nasenspray plötzlich woanders landet

Aus diesen Fragebögen des Programms ging hervor, dass schwangere Frauen Xylometazolin-Nasenspray bei Hämorrhoiden anwenden. Insgesamt berichteten laut Lareb 14 Teilnehmerinnen über diese Anwendung: sechs während der Schwangerschaft und acht während der Stillzeit. Die Dauer der Anwendung während der Schwangerschaft betrug drei Tage, sieben Tage, zehn Tage und dreimal war die genaue Dauer unbekannt.

Auch in heimischen Internetforen sowie bei Hebammen kursiert der Tipp, abschwellende Nasensprays bei Hämorrhoiden einzusetzen. Wer sich nun fragt, wie das Nasenspray und die Hämorrhoiden überhaupt zusammenfinden sollen, kann beruhigt werden: Gemeint ist nicht das Spray an den betroffenen Ort zu führen, sondern meist wird empfohlen, eine Kompresse mit dem Wirkstoff zu tränken und diese kurz auf den betroffenen Bereich zu legen.

Mehr als nur geschwollenes Gewebe

Die Empfehlung klingt ungewöhnlich, hat aber eine nachvollziehbare Idee dahinter: Xylometazolin wird üblicherweise bei verstopfter Nase eingesetzt. Dort führt das Alpha-Sympathomimetikum zu einer lokalen Gefäßverengung, die Nasenschleimhaut schwillt ab, und das Atmen fällt leichter. Übertragen auf Hämorrhoiden lautet die Annahme: Wenn geschwollenes Gewebe durch weniger Durchblutung kleiner wird, könnten auch Beschwerden im Analbereich kurzfristig nachlassen. Daher kann diese Idee auf den ersten Blick logisch erscheinen, weil Beschwerden wie Druckgefühl, Brennen oder Schwellung häufig im Vordergrund stehen. Ein kurzfristiges Abschwellen wäre also theoretisch denkbar. Wissenschaftlich belegt ist diese Anwendung aber nicht.

Aber Hämorrhoiden sind nicht einfach nur „geschwollenes Gewebe“. Es handelt sich um ein krankhaft vergrößertes Hämorrhoidalpolster, das unter anderem durch Stuhlverhalten, Pressen, Verstopfung, Schwangerschaft und erhöhten Druck im Beckenbereich Beschwerden machen kann. Das bloße Abschwellen behandelt daher nicht die Ursache.

Keine Daten zu möglichen Risiken

Lareb bewertet die anale Anwendung mit Zurückhaltung. Die Sicherheit dieser Applikationsform sei nicht bekannt. Als mögliches Risiko nennt das Zentrum, dass Xylometazolin bei einer (übermäßigen) Anwendung auf Hämorrhoiden in den Blutkreislauf gelangen könnte. Dann wäre theoretisch auch eine Gefäßverengung an anderen Stellen möglich, etwa in der Plazenta. Die Expert:innen warnen explizit vor diesem „Internet-Geheimtipp“. Bei Hämorrhoiden in der Schwangerschaft sollten stattdessen immer speziell dafür zugelassene, sichere Salben oder Hausmittel (wie Sitzbäder) nach Rücksprache mit dem Arzt oder der Hebamme verwendet werden.

Bei bestimmungsgemäßer Anwendung in der Nase gilt Xylometazolin in der Schwangerschaft bei üblicher Dosierung und kurzer Anwendungsdauer als möglich. Embryotox, das Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité, beschreibt eine indikationsgerechte, kurzzeitige Anwendung in therapeutischer Dosierung während der Schwangerschaft als möglich. Für die Stillzeit wird eine kurzzeitige Anwendung bei entsprechender Indikation ebenfalls als vertretbar eingestuft.

Diese Einschätzung bezieht sich jedoch auf die normale Anwendung bei verstopfter Nase. Sie lässt sich nicht eins zu eins auf Hämorrhoiden übertragen. Die Schleimhaut und gereizte Haut im Analbereich können Wirkstoffe anders aufnehmen als die Nasenschleimhaut. Bei entzündeten, nässenden oder verletzten Arealen ist eine stärkere Aufnahme in den Körper zumindest denkbar.

Was sagt die Evidenz?

Die deutschsprachige S3-Leitlinie „Hämorrhoidalleiden“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF; Leitlinie derzeit in Überarbeitung) beschreibt als zentrale konservative Maßnahmen vor allem Stuhlregulation, ballaststoffreiche Ernährung, ausreichende Flüssigkeitszufuhr und die Vermeidung von starkem Pressen oder langen Toilettensitzungen. Leichte bis mäßige Beschwerden sollen demnach zunächst konservativ behandelt werden. Topische Mittel werden erwähnt; unter anderem Hydrocortison, Phenylephrin, Hamamelis und flavonoid-haltige Salben.

Xylometazolin oder abschwellendes Nasenspray werden in dieser Leitlinie nicht als Therapieoption bei Hämorrhoiden genannt. Auch daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, dass die Anwendung unwirksam oder gefährlich ist. Es zeigt aber: Sie gehört nicht zu den etablierten, leitliniengestützten Behandlungsmaßnahmen.

Zurückhaltung in Schwangerschaft

Die Leitlinie empfiehlt die medikamentöse Behandlung in der Schwangerschaft insgesamt zurückhaltend. Zwar wurden in einzelnen Studien orale Flavonoide eingesetzt, wobei Beschwerden wie Juckreiz, Blutung, Sekretion und teils auch Schmerzen gebessert wurden. Die Leitlinie weist jedoch darauf hin, dass bei dominierenden Schmerzen möglicherweise nicht klassische Hämorrhoiden, sondern andere schmerzhafte anorektale Veränderungen wie Analvenenthrombosen im Vordergrund standen.

Auch lokale Präparate, etwa ein Schaum aus Cortison und Lokalanästhetikum, wurden nur in kleinen Fallserien untersucht; die Nachbeobachtung erfolgte dabei lediglich über selbst entworfene Fragebögen. Insgesamt betont die Leitlinie, dass Medikamente bei Schwangeren und Stillenden wegen möglicher fetaler beziehungsweise neonataler Exposition grundsätzlich sehr zurückhaltend eingesetzt werden sollten

Erfahrungsberichte sind keine Studien

Dass Hebammen, Betroffene oder Foren von positiven Erfahrungen berichten, ist nicht wertlos. Solche Beobachtungen können Hinweise geben, welche Anwendungen im Alltag tatsächlich vorkommen. Sie können auch eine Forschungsfrage anstoßen.

Es handelt sich aber um keine klinische Evidenz. Erfahrungsberichte haben in der Regel keine Kontrollgruppe, keine einheitliche Dosierung und keine systematische Erfassung von Nebenwirkungen. Außerdem können Hämorrhoidalbeschwerden schwanken und sich auch durch Schonung, Stuhlregulation oder den natürlichen Verlauf bessern. Ob das Nasenspray wirklich geholfen hat, lässt sich aus einzelnen Berichten daher nicht sicher ableiten. Für eine belastbare Empfehlung bräuchte es klinische Studien, die Wirksamkeit, Dosierung, lokale Verträglichkeit, systemische Aufnahme und Sicherheit in Schwangerschaft und Stillzeit untersuchen. Diese Daten fehlen derzeit.



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