Dekokt: Wurzeln, Rinden und Sonderfälle


Sanja Agatic

Symbolbild: Nahaufnahme von einem kochendem Topf mit verschiedenen Kräutern.
Abkochungen, auch Dekokte genannt, werden definitionsgemäß durch längeres Erhitzen von Drogenteilen mit Gereinigtem Wasser hergestellt.Foto:stock.adobe.com/Freer

Bei manchen Arzneidrogen reicht heißes Wasser allein nicht aus: Erst die längere Wärmeeinwirkung löst die gewünschten Inhaltsstoffe ausreichend aus dem Pflanzengewebe. Doch beim Dekokt entscheidet nicht nur, ob eine Wurzel oder Rinde besonders hart ist. Bei alkaloidhaltigen Drogen kann sogar der pH-Wert darüber mitentscheiden, wie gut die Wirkstoffe in den Auszug gelangen.

Die Abkochung (Dekokt), kommt vor allem bei kompakteren Pflanzenteilen wie Hölzern, Rinden und Wurzeln zum Einsatz. Ihre feste Gewebestruktur erschwert es dem Wasser rasch einzudringen und lösliche Inhaltsstoffe herauszulösen. Die längere Wärmewirkung unterstützt deshalb die Extraktion. Dafür wird die zerkleinerte Droge zunächst mit Gereinigtem Wasser (Aqua purificata) gründlich durchfeuchtet und kurz stehen gelassen. Anschließend kommt siedendes Wasser hinzu, bevor die Mischung im bedecktem Gefäß 30 Minuten im Wasserbad erhitzt wird. Nach dem Abseihen und leichten Abpressen wird verdunstetes Wasser wieder ergänzt. Das ist entscheidend, damit der fertige Auszug nicht stärker konzentriert ist als vorgesehen.

Ein Dekokt ist damit kein besonders langer gezogener Kräutertee. Temperatur, Zeit, Drogenmenge und Zerkleinerungsgrad bestimmen gemeinsam, was und in welcher Menge aus dem Pflanzenmaterial extrahiert wird.

Warum auch der Zerkleinerungsgrad zählt

Wie gut die Inhaltsstoffe beim Dekokt in das Wasser übergehen, hängt auch von der Größe der Pflanzenstücke ab. Je stärker eine Droge zerkleinert ist, desto größer ist ihre Kontaktfläche mit dem Wasser, beliebig fein darf sie dennoch nicht sein.

Blätter, Blüten und Kräuter werden entsprechend Sieb I, Hölzer, Rinden und Wurzeln sowie Isländische Flechte und Irländische Alge entsprechend Sieb II zerkleinert. Für alkaloidhaltige Drogen und Bärentraubenblätter ist Sieb IV, für saponinhaltige Drogen Sieb V vorgesehen. Der Zerkleinerungsgrad ist damit Teil einer gezielten Extraktion: Er wird an die jeweilige Droge angepasst und beeinflusst, wie gut ihre Inhaltsstoffe während der Abkochung für das Wasser zugänglich sind.

Dosierungsangaben laut ÖAB

Für Zubereitungen aus nicht stark wirkenden Arzneidrogen werden grundsätzlich zehn Teile der vorschriftsmäßig zerkleinerten Droge mit 100 Teilen gereinigtem Wasser verarbeitet. Ein anderes Mengenverhältnis oder ein abweichender Zerkleinerungsgrad ist nur zulässig, wenn dies ärztlich ausdrücklich verordnet wurde. Bei stark wirkenden Arzneidrogen (ehemals Separanda) muss laut Österreichischem Arzneibuch (ÖAB) die Ärztin oder der Arzt das Verhältnis zwischen Droge und fertigem Auszug festlegen. Fehlt diese Angabe, muss Rücksprache gehalten werden.

Sonderfälle

Alkaloidhaltige Drogen

Besonders interessant sind alkaloidhaltige Drogen. Alkaloide sind stickstoffhaltige Naturstoffe, die häufig eine ausgeprägte pharmakologische Wirkung besitzen. Bekannte Vertreter sind etwa Chinin, Coffein, Atropin oder Morphin. Gemeinsam ist ihnen jedoch keineswegs ihre Wirkung: Die Stoffgruppe reicht von stimulierenden bis zu hochwirksamen und toxischen Substanzen (Separanda). Bei der Herstellung entsprechender Dekokte soll gemäß ÖAB Zitronensäure zugesetzt werden. Bei der Vorbehandlung soll so viel Zitronensäure in die Reibschale eingewogen werden, wie die Droge Alkaloid enthält.

Der Grund dafür liegt in der Chemie der Alkaloide. Viele Vertreter dieser Stoffgruppe besitzen basische Eigenschaften und sind als freie Basen vergleichsweise schlecht wasserlöslich. Wir das Milieu angesäuert, können sie Protonen aufnehmen und Salze bilden, die sich besser in Wasser lösen.

Chinarinde

Ein weiteres Beispiel liefert die Chinarinde. Sie enthält Chinolin-Alkaloide, allen voran Chinin und wir bei der Herstellung des Dekokts angesäuert. Dabei kommen 0,5 ml verdünnte Salzsäure pro Gramm Droge zum Einsatz. Das Prinzip bleibt dasselbe: Durch das saure Milieu wird die Löslichkeit der Alkaloide im Wasser verbessert. Gerade dieses Beispiel zeigt jedoch, dass sich die Herstellung nicht auf die Formel „Rinde plus heißes Wasser“ reduzieren lässt. Bei einem Dekokt kann die chemische Beschaffenheit der Inhaltsstoffe ebenso wichtig sein wie die Härte des Pflanzenmaterials.

Kondurangorinde

Obwohl Rinden grundsätzlich zu den klassischen Kandidaten für eine Abkochung zählen, wird sie als Kaltauszug zubereitet. Die Droge wird mit kaltem Wasser angesetzt und erst nach der Extraktionszeit abgeseiht. Damit zeigt sich, warum bei Arzneidrogen nicht allein die Festigkeit des Pflanzenteils über die Zubereitung entscheidet. Bei Kondurangorinde ist ein Kaltauszug beziehungsweise Mazerat im Arzneibuch vorgesehen. Nach österreichischen Angaben wird für eine Tasse etwa 1 Teelöffel Kondurangorinde mit kaltem Wasser übergossen und nach 30 Minuten abgeseiht, der Tee kann anschließend etwas erwärmt werden. Die Vorstellung, längeres Erhitzen müsse zwangsläufig mehr Inhaltsstoffe liefern, greift hier zu kurz.

Auch Drogen mit herzwirksamen Glykosiden zählen zu den Sonderfällen, bei denen eine klassische Abkochung vermieden wird. Bei pharmakologischen hochaktiven Stoffen ist eine möglichst starke Extraktion ohnehin nicht das Ziel.

Warum Dekokte frisch hergestellt werden

Abkochungen werden frisch zubereitet. Das ist besonders bei wässrigen Pflanzenextrakten relevant, denn sie bieten ohne entsprechende Konservierung keine guten Voraussetzungen für eine längere Haltbarkeit. Zudem können sich Bestandteile des Auszugs während des Stehens verändern oder absetzen. Ist ein Dekokt stark trüb, muss es deshalb vor der Anwendung geschüttelt werden (Schütteletikett). So werden Bestandteile wieder möglichst gleichmäßig in der Flüssigkeit verteilt.



Newsletter

Bleiben Sie stets informiert!