Sedierende Antihistaminika werden seit Jahrzehnten zur Behandlung von Allergien, Juckreiz oder als Schlafmittel eingesetzt. Gerade bei älteren Menschen können die Wirkstoffe jedoch mit einer Reihe unerwünschter Wirkungen verbunden sein. Internationale Deprescribing-Guidelines empfehlen daher, die Notwendigkeit einer Langzeitanwendung regelmäßig zu hinterfragen und gegebenenfalls ein strukturiertes Ausschleichen in Betracht zu ziehen.
Beim „Deprescribing“ handelt es sich um das geplante und überwachte Reduzieren oder Absetzen von Arzneimitteln, deren Nutzen die potenziellen Risiken nicht mehr überwiegt. Ziel ist es, die Arzneimitteltherapie regelmäßig an die aktuelle Situation der Patient anzupassen und unnötige Belastungen durch Medikamente zu vermeiden. Gerade bei älteren Menschen kann dies ein wichtiger Baustein zur Reduktion von Nebenwirkungen und Polypharmazie sein.
Was sind sedierende Antihistaminika?
Zu den sedierenden Antihistaminika der ersten Generation zählen unter anderem:
- Diphenhydramin
- Dimetinden
- Promethazin
- Pheniramin
Die Wirkstoffe blockieren Histamin-H1-Rezeptoren und werden unter anderem bei allergischen Erkrankungen, Juckreiz oder teilweise auch aufgrund ihrer beruhigenden beziehungsweise schlaffördernden Wirkung eingesetzt.
Warum Therapie regelmäßig überprüfen?
Nach den Deprescribing-Guidelines gibt es mehrere Situationen, in denen ein Absetzen oder Reduzieren erwogen werden sollte. Dazu zählen unter anderem:
- fehlende oder nicht mehr bestehende Indikation
- Langzeitanwendung über mehr als sechs Monate
- unzureichende Therapietreue
- Patientenwunsch
- erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen
- Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln
- hohe anticholinerge Belastung beziehungsweise hohe Arzneimittellast
Besonders kritisch sehen die Guidelines den langfristigen Einsatz als Schlaf- oder Beruhigungsmittel. Auch bei allergischen Erkrankungen sollte geprüft werden, ob zuvor moderne, nicht sedierende Antihistaminika eingesetzt wurden.
Was könnte problematisch sein?
Sedierende Antihistaminika der ersten Generation passieren die Blut-Hirn-Schranke und wirken dadurch auch im zentralen Nervensystem. Dies erklärt zwar ihre beruhigende Wirkung, erhöht jedoch gleichzeitig das Risiko für unerwünschte Effekte.
Zu den genannten Nebenwirkungen zählen:
- Schläfrigkeit und Müdigkeit
- Schwindel, erhöhtes Sturzrisiko
- Verwirrtheit
- Kopfschmerzen
- Obstipation
- Mundtrockenheit, trockene Augen
- verschwommenes Sehen
- Harnverhalt
Insbesondere bei älteren Menschen werden sedierende Antihistaminika mit einem erhöhten Risiko für Stürze und kognitive Beeinträchtigungen in Verbindung gebracht. Deshalb wird eine langfristige Anwendung in dieser Patientengruppe kritisch gesehen.
Vorsicht bei älteren Menschen
Den Guidelines zufolge gibt es keine Hinweise darauf, dass sedierende Antihistaminika bei histaminvermittelten Erkrankungen wirksamer wären als moderne Antihistaminika der zweiten Generation.
Für chronischen Juckreiz besteht zudem nur dann ein Nutzen, wenn Histamin tatsächlich an der Entstehung beteiligt ist. Gerade bei älteren Menschen können jedoch andere Ursachen wie trockene Haut, Grunderkrankungen, Polypharmazie oder neuropathische Beschwerden hinter dem Juckreiz stehen. In diesen Fällen sprechen die Beschwerden häufig nicht auf Antihistaminika an.
Für wen kommt Deprescribing infrage?
Ein Gespräch über das Reduzieren oder Absetzen kann insbesondere sinnvoll sein bei:
- Langzeitanwendung über sechs Monate
- fehlender aktueller Indikation
- Auftreten von Nebenwirkungen
- erhöhtem Sturzrisiko
- kognitiven Einschränkungen
- hoher anticholinerger Belastung
- Wunsch der Patienten nach einer Reduktion der Medikation
Nicht empfohlen wird ein Absetzen, wenn eine allergische Erkrankung weiterhin eine Behandlung erfordert und andere Therapieoptionen bereits erfolglos ausgeschöpft wurden.
Wie sollte das Absetzen erfolgen?
Expert:innen empfehlen in der Regel ein schrittweises Ausschleichen: Dabei kann die tägliche Dosis alle ein bis vier Wochen um etwa 25 bis 50 Prozent reduziert werden. Gegen Ende der Therapie können kleinere Reduktionsschritte von etwa 12,5 Prozent sinnvoll sein. Nach Erreichen der niedrigsten Dosis kann die Behandlung nach rund zwei Wochen beendet werden.
Sind nur wenige Dosierungsstärken verfügbar, kann auch eine Einnahme an jedem zweiten Tag als Unterstützung beim Ausschleichen in Betracht gezogen werden. Treten schwerwiegende Nebenwirkungen auf, kann ein rascheres Absetzen oder ein sofortiges Beenden der Therapie notwendig sein.
Kommt es während des Ausschleichens zu Absetzsymptomen oder einem Wiederauftreten der ursprünglichen Beschwerden, empfehlen die Deprescribing-Guidelines die Rückkehr zur zuletzt gut vertragenen Dosis. Ein erneuter Absetzversuch sollte erst nach sechs bis zwölf Wochen erfolgen. Dabei wird eine langsamere Dosisreduktion empfohlen, beispielsweise um fünf bis 12,5 Prozent der Tagesdosis pro Monat.
Welche Alternativen gibt es?
Die Wahl möglicher Alternativen hängt von der ursprünglichen Indikation ab. Bei allergischen Erkrankungen empfehlen die Leitlinien gegebenenfalls den Wechsel auf ein nicht sedierendes Antihistaminikum, beispielsweise Loratadin. Bei bestimmten Erkrankungen wie der chronischen Urtikaria kann deren Dosierung bei Bedarf auf das Vierfache der Standarddosis gesteigert werden, ohne die Sicherheit wesentlich zu beeinträchtigen.
Bei chronischem Juckreiz können zusätzlich nicht medikamentöse Maßnahmen sinnvoll sein, etwa:
- Vermeidung von Allergenen oder irritierenden Stoffen
- kühle Raumtemperaturen
- feuchte Umschläge
- Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung
Zusätzlich können lokale Maßnahmen wie Feuchtigkeitspflege, entzündungshemmende Präparate oder topische Lokalanästhetika zum Einsatz kommen.
Was ist beim Ausschleichen zu erwarten?
Nach einer Dosisreduktion können innerhalb von ein bis drei Tagen anticholinerge Absetzsymptome auftreten. Diese sind meist mild und umfassen beispielsweise:
- Übelkeit, Erbrechen
- Schwindel
- Kopfschmerzen
- Schwitzen
- Angstgefühle
Die Deprescribing-Guidelines weisen darauf hin, dass Absetzsymptome individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können. In manchen Fällen können die Beschwerden über einen Zeitraum von bis zu sechs bis acht Wochen bestehen bleiben. Darüber hinaus kann innerhalb von ein bis zwei Wochen ein Wiederauftreten der ursprünglichen Beschwerden beobachtet werden, etwa Juckreiz, Hautausschläge, Niesen oder tränende Augen.
In seltenen Fällen können auch stärkere Beschwerden wie Harnbeschwerden, Tachykardie, orthostatische Hypotonie, ausgeprägte Angstzustände oder schwere Schlafstörungen auftreten. Dann empfehlen die Guidelines eine Rückkehr zur zuletzt gut vertragenen Dosis.
Langfristige Anwendung regelmäßig hinterfragen
Sedierende Antihistaminika sind bei bestimmten Indikationen wirksame Arzneimittel, ihre langfristige Anwendung sollte jedoch regelmäßig hinterfragt werden. Internationale Deprescribing-Guidelines empfehlen insbesondere bei älteren Menschen eine kritische Nutzen-Risiko-Abwägung, da das Risiko für Sedierung, Stürze und anticholinerge Nebenwirkungen steigt. Ist die Therapie nicht mehr erforderlich oder überwiegen die Risiken den Nutzen, kann ein strukturiertes Ausschleichen helfen, die Arzneimittelbelastung zu reduzieren.
