Impfen, pharmazeutische Dienstleistungen und DNA-Analysen: Deutsche Apotheken zeigen, wie sie Prävention stärker in den Apothekenalltag integrieren und ihre Kund:innen langfristig begleiten. Der Aufbau neuer Angebote erfordert zunächst Zeit, Personal und Investitionen. Damit sie sich dauerhaft etablieren können, braucht es aber auch Sichtbarkeit und eine entsprechende Vergütung. Was davon lässt sich auf Österreich übertragen und vor allem wie?
Unter dem Titel „Das Beste aus zwei Welten: Was macht die Apotheke von morgen erfolgreich?“ lud der Wort & Bild Verlag ins Hotel Motto in Wien. Jan Wagner, Geschäftsführer des Verlags, eröffnete den Abend mit einem Blick über die Grenze: „Deutschland schaut neidisch auf Österreichs Versandhandelsverbot und die gut vernetzte Standespolitik. Doch auch die Apothekenreform hat einiges geändert. Und darauf wollen wir an diesem Abend schauen.“
Über ihre Erfahrungen berichteten Karima Ballout, Apothekerin aus Bottrop und Vorstandsmitglied des Apothekerverbands Westfalen-Lippe, Melanie Tilgner, Apothekerin aus Hamburg und Delegierte der Apothekerkammer Hamburg, sowie Tobias Schmid, Apotheker aus Straubing. Durch den Abend führte Gudrun Kreutner-Reisinger, die mit ihren Fragen immer wieder den Blick auf die praktische Umsetzung und die Übertragbarkeit auf Österreich lenkte.
Impfen als Vertrauensbrücke
In Deutschland konnten Apotheken bislang vor allem Impfungen gegen Influenza und COVID-19 anbieten. „Das Thema Impfen war bereits durch COVID-19 und Influenza präsent. Mit der Apothekenreform wird das mögliche Angebot auf weitere Impfungen mit Nicht-Lebendimpfstoffen, darunter Tetanus und FSME, ausgeweitet. Das Portfolio wird also erweitert“, erklärte Ballout. Kreutner-Reisinger verwies auf eine Umfrage vom August: Rund 19 Prozent der etwa 16.000 deutschen Apotheken würden bereits impfen. Durch die Erweiterung auf weitere Impfstoffe könnten noch einmal 18 Prozent dazukommen.
Für Ballout liegt darin weit mehr als ein zusätzliches Angebot: „Das ist das beste Marketinginstrument für den eigenen Betrieb. Apotheken haben die Chance, sich als Dienstleister zu präsentieren. Menschen fassen durch das Impfen enormes Vertrauen und viele werden zu Stammkunden.“
„Besser in einer ruhigen Phase beginnen“
Der Aufbau sei allerdings mit zusätzlichem Aufwand verbunden. „Natürlich war es zuerst ein Prozess, der Zeit und Personal kostet. Ich würde nie in der Hochsaison mit dem Impfen beginnen, sondern besser in einer ruhigen Phase, bis sich der Vorgang eingespielt hat.“ Ihr Rat an interessierte Apotheken lautet dennoch: „Es ist schaffbar, man muss es nur einmal organisieren.“
Wie gut das Angebot angenommen werde, zeige unter anderem die von Apotheker:innen initiierte „Lange Nacht der Impfung“. Die Menschen seien freiwillig für eine Impfung Schlange gestanden. Rund 1000 zusätzliche Impfungen habe man so erreicht, berichtet sie. Im November habe Ballouts Apotheke zeitweise rund 50 Impfungen täglich durchgeführt.

Apothekerin Karima Ballout (l.) gab praxisnahe Einblicke in den Impfalltag und teilte ihre Erfahrungen mit der Umsetzung in der Apotheke.TARA24
Apotheke als Lotse im Gesundheitssystem
Seit 2022 haben gesetzlich Versicherte in Deutschland Anspruch auf fünf vergütete pharmazeutische Dienstleistungen. Dazu zählen die erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation, die standardisierte Risikoerfassung bei Bluthochdruck, das Üben der Inhalationstechnik sowie die pharmazeutische Betreuung bei oraler Antitumortherapie und nach einer Organtransplantation.
Tilgner stellte diese Entwicklung in einen größeren Zusammenhang: „Wir haben wohl wie in Österreich ein demografisches Thema. Unsere Bevölkerungen werden immer älter und brauchen immer mehr Versorgung. Wir Apotheken haben somit die Chance, als Teil der Lösung beizustehen. Der Apothekerberuf muss sich zum Gesundheitsdienstleister weiterentwickeln.“
Durch die Apothekenreform in Deutschland sollen die Angebote zur Prävention und Früherkennung weiter ausgebaut werden. Vorgesehen sind unter anderem Beratungen und Messungen zu kardiovaskulären und metabolischen Risikofaktoren sowie Kurzinterventionen zur Rauchentwöhnung. Sie sieht Apotheker:innen künftig noch stärker als „Lotsen im System“. Denn oftmals werde bereits in der Apotheke entschieden, „ob Patient:innen in die Notaufnahme, zum Arzt oder in der Selbstmedikation geholfen werden kann“.
Wie lässt sich die Politik überzeugen?
Aus dem Publikum kam die zentrale Frage, wie politische Entscheidungsträger:innen dazu bewegt werden können, Leistungen wie Impfungen oder Inhalationsschulungen angemessen zu vergüten.
Ballout berichtete, dass sie Politiker:innen bewusst in ihre Apotheke eingeladen habe: „Ich habe sie durch meine Apotheke geführt und ihnen gezeigt, was wir derzeit alles gratis tun und was bei entsprechender Vergütung alles möglich wäre.“ Dabei müsse sichtbar gemacht werden, welche Folgekosten sich durch Impfungen, Medikationsanalysen und andere Präventionsangebote vermeiden ließen. „Ich habe klipp und klar gesagt: Wir sichern mit unseren teilweise kostenfreien Angeboten den sozialen Frieden. Ohne unser Zutun würde manche Lage prekärer aussehen.“
Für Ballout ist deshalb klar: „Die beste Zeit ist jetzt, die Politik aufmerksam zu machen, denn Prävention ist günstiger.“ Die Erfahrungen aus Deutschland zeigen damit auch für Österreich, dass neue Leistungen nicht nur angeboten, sondern ihr Nutzen für das gesamte Gesundheitssystem nachvollziehbar dargestellt werden muss.
DNA-Tests: „Trauen Sie sich“
Einen weiteren Weg beschreitet Schmid mit DNA-Tests. Wirtschaftlichkeit stehe bei der Einführung neuer Leistungen nicht immer sofort an erster Stelle: „Es ist wohl bei uns allen so, dass wir Apothekersein als Berufung und nicht nur als Beruf sehen.“
Die Tests werden mittels Mundabstrich durchgeführt und können unter anderem Hinweise darauf liefern, wie Arzneistoffe individuell verstoffwechselt werden. „Besonders relevant sind die Ergebnisse bei Medikamenten wie Statinen, Tamoxifen oder Clopidogrel“, erklärte Schmid. Bei Clopidogrel handle es sich um ein Prodrug, das zunächst in seine wirksame Form umgewandelt werden müsse. „Wenn das bei entsprechender genetischer Ausprägung nicht ausreichend geschieht, ist das bei einer blutverdünnenden Therapie nach einem Herzinfarkt denkbar ungünstig.“
Nach Schmids Erfahrung ist das Interesse an solchen Präventionsangeboten groß, selbst bei einem Preis von rund 450 Euro pro Test: „Manche meiner Kund:innen fahren 400 Kilometer zu mir, um sich testen zu lassen. Andere sparen einige Monate, um sich den Test leisten zu können. Aber der Präventionsgedanke ist ihnen so wichtig, dass sie es tun.“
Sein Rat an österreichische Konzessionär:innen ist entsprechend direkt: „Starten Sie einfach, trauen Sie sich.“ Rund vier Monate habe es gedauert, bis das Angebot angelaufen sei. „Zu Beginn hat es etwas gedauert, dann aber war es ein echter Selbstläufer. Viele Getestete erzählen in ihrem Umfeld, wie zufrieden sie sind, und das führt zu weiteren Testungen.“
Gute Angebote müssen sichtbar werden
Mundpropaganda sei besonders wirkungsvoll, dennoch brauche es für neue Dienstleistungen eine Kommunikation über mehrere Kanäle. Die drei Podiumsgäste nannten soziale Medien, Bezirkszeitungen und Newsletter als mögliche Wege, um auf die Angebote aufmerksam zu machen.
Dass der anfängliche Marketingaufwand Wirkung zeigen kann, bestätigte Tilgner: „Der Marketingaufwand mag zu Beginn hoch sein. Tatsächlich wurde durch das Aussenden unseres Newsletters das Impfportal aufgrund des großen Andrangs lahmgelegt.“
Neue Dienstleistungen rechnen sich womöglich nicht vom ersten Tag an. Sie benötigen klare Abläufe, geschultes Personal, passende Räumlichkeiten und eine aktive Kommunikation. Sobald sie etabliert sind, können sie jedoch die Prävention stärken und Kund:innen deutlich enger an die Apotheke binden.
Vom Produkt zum Gesundheitsdienstleister
Zum Abschluss stand die Frage im Raum, ob es dafür eine neue Generation von Apotheker:innen braucht. Die drei Podiumsgäste waren sich einig, dass zumindest ein Umdenken notwendig ist.
Tilgner brachte den Grundtenor des Abends auf den Punkt: „Es sollte ein klarer Mindset-Wandel stattfinden. Zuerst muss man in die Dienstleistungen, in Personal und in die IT-Infrastruktur investieren. Aber wir wollen doch künftig unseren Heilberuf stärken. Wir wollen weg von der eckigen Packung hin zum Gesundheitsdienstleister.“
Genau darin liegt auch die wichtigste Mitnahme für Österreich: Ob Impfen, pharmazeutische Dienstleistungen oder DNA-Analysen, Apotheken können einen wichtigen Beitrag zur Prävention leisten und ihre Kund:innen zugleich enger und langfristiger begleiten. Der Weg dorthin bedeutet zunächst Mehrarbeit. Die Beispiele aus Deutschland zeigen jedoch: Wenn ein Angebot gut organisiert, sichtbar gemacht und konsequent umgesetzt wird, kann es sich etablieren und die Rolle der Apotheke nachhaltig stärken.
