Rot, braun, orange oder sogar grün: Verändert sich unter einer Arzneimitteltherapie plötzlich die Farbe des Urins, liegt der Gedanke an Blut oder eine Erkrankung nahe. Doch manche Wirkstoffe und ihre Metaboliten bringe ihre Farbe gewissermaßen selbst mit.
Urin verdankt seinen normalen gelben Farbton hauptsächlich dem Pigment Urochromen.Es entsteht beim Hämoglobinabbau. Arzneimittel können dieses Bild auf mehrere Weisen verändern. Der Wirkstoff kann selbst gefärbt sein, bei seiner Biotransformation können farbige Metaboliten entstehen oder ausgeschiedene Substanzen reagieren nachträglich im Urin. Eine Arzneimittelverfärbung ist daher nicht mit einer Hämaturie gleichzusetzen. Umgekehrt darf ungewöhnlich gefärbter Urin nicht vorschnell als harmlose Nebenwirkung abgetan werden.
Rifampicin: Wenn nicht nur der Urin orange wird
Zu den klassischen Beispielen gehört Rifampicin. Das Rifamycin-Antibiotikum kann Urin orange bis rötlich-braun verfärben. Dabei beschränkt sich der Effekt nicht auf die Niere. Auch Tränen, Speichel, Schweiß und andere Körperflüssigkeiten können betroffen sein. Selbst weiche Kontaktlinsen können dauerhaft verfärbt werden. Die Intensität kann mit der aufgenommenen Wirkstoffmenge zunehmen. Der Grund liegt in der intensiven Eigenfarbe von Rifampicin und seiner Ausscheidung. Pharmakologisch ist die Verfärbung damit zunächst kein Zeichen einer Blutung. Was zunächst vielleicht wie Blut im Urin aussieht, kann schlicht mit einer laufenden Antibiotika-Therapie zusammenhängen.
Metronidazol: Dunkler Urin
Weniger bekannt ist der Effekt bei Metronidazol. Unter der Behandlung wurde dunkelbrauner Urin beschrieben. Laut Fachinformation gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Metabolit des Wirkstoffs als Ursache. Rund 60 bis 80 Prozent der Dosis werden als Wirkstoff und Metaboliten über den Urin ausgeschieden, während unverändertes Metronidazol nur einen Teil der renal ausgeschiedenen Substanzen ausmacht.
Nitrofurantoin und Levodopa
Auch Nitrofurantoin kann den Urin dunkelgelb bis bräunlich erscheinen lassen. In Übersichten zu arzneimittelbedingten Urinverfärbungen wird der Wirkstoff entsprechend den braunen Verfärbungen zugeordnet.
Noch auffälliger kann eine Dunkelfärbung unter Levodopa sein. Bei solchen Arzneistoffen spielt neben ausgeschiedenen Metaboliten auch deren chemische Veränderung eine Rolle. Levodopa wird umfangreich metabolisiert, dabei entstehen unter anderem Catechol-Verbindungen. Dunkle Verfärbungen können dadurch besonders auffallen, wenn ausgeschiedene Substanzen weiter oxidieren. Levodopa wird entsprechend als möglicher Auslöser brauner bis schwarzer Urinverfärbungen beschrieben.
Das erklärt auch, warum eine Farbe nicht zwingend unmittelbar nach der Miktion ihre maximale Ausprägung haben muss. Oxidationsprozesse können das Erscheinungsbild nachträglich verändern.
Propofol kann den Urin grün färben
Das wohl spektakulärste Beispiel liefert Propofol. Nach einer Sedierung kann der Urin selten grünlich erscheinen. Dahinter steckt nicht eine grüne Eigenfarbe des Narkosemittels, sondern ein Stoffwechselprodukt. Propofol wird unter anderem zu phenolischen Metaboliten umgewandelt und anschließend konjugiert. Werden entsprechende Metaboliten renal ausgeschieden, können sie dem Urin einen grünen Farbton verleihen. Fallberichte beschreiben die Erscheinung als selten und reversibel, nach Absetzen verschwindet die Verfärbung also wieder.
Wichtig: Grüner Urin wirkt alarmierend, kann unter Propofol jedoch eine harmlose Stoffwechselfolge sein. Gleichzeitig existieren krankhafte Ursachen für blau-grünen Urin, darunter Infektionen mit Pseudomonas aeruginosa. Eine Medikamentenanamnese ersetzt deshalb nicht die Differentialdiagnostik.
Methylenblau: Blau hinein, grün heraus
Einen anderen Mechanismus liefert Methylenblau. Der intensiv gefärbte Arznei- und Diagnostikstoff beziehungsweise seine ausgeschiedenen Anteile können den Urin blau bis blaugrün erscheinen lassen. Warum Wirt der Urin häufig Grün statt rein Blau? Der blaue Farbstoff trifft auf den physiologisch gelben Urin. Die optische Überlagerung kann einen grünen Farbeindruck erzeugen. Damit entsteht die beobachtete Farbe nicht zwingend anhand eines „grünen“ Metabolits.
Auch Amitriptylin, Indometacin und Cimetidin werden mit blau-grünlichen Verfärbungen in Verbindung gebracht. Solche Effekte sind allerdings deutlich weniger charakteristisch als die orange-rötliche Verfärbung unter Rifampicin.
Immer auf Umstände achten
Pharmakologisch verursachte Urinverfärbungen können eindrucksvoll aussehen und dennoch klinisch bedeutungslos sein. Die entscheidende Falle liegt jedoch im Umkehrschluss. Nicht jeder rote Urin unter Rifampicin und nicht jeder braune Urin unter Metronidazol stammt zwangsläufig vom Arzneimittel.
Eine rötliche Färbung kann etwa auf Erythrozyten oder Hämoglobin hinweisen, brauner Urin unter anderem mit einer erhöhten Myoglobin- oder Bilirubin-Ausscheidung zusammenhängen. Neben Arzneimitteln sind somit auch die Ernährung und Stoffwechselerkrankungen einzubeziehen.
