Heiße Temperaturen können nicht nur das Herz-Kreislauf-System belasten, sondern sich möglicherweise auch auf die Fruchtbarkeit auswirken. Eine aktuell veröffentlichte Studie zeigt, dass höhere Umgebungstemperaturen bei einer IVF- oder ICSI-Behandlung mit einer geringeren Zahl gewonnener Eizellen verbunden waren. Arzt DDr. Michael Feichtinger beruhigt jedoch: „Niemand muss deshalb eine Kinderwunschbehandlung aus Angst vor sommerlichen Temperaturen verschieben.“
Die Studie erschien im Fachjournal Human Reproduction und untersuchte Daten von 58.468 Frauen, die zwischen 2018 und 2024 ihren ersten IVF-Zyklus (In-vitro-Fertilisation) oder ICSI-Zyklus (intrazytoplasmatische Spermieninjektion) absolvierten. Bei der IVF kommt es zur Befruchtung der Eizelle außerhalb des Körpers. Bei bei der ICSI handelt es sich um eine direkte Injektion eines Spermiums in die Eizelle.
Mit jedem Anstieg der Umgebungstemperatur um 1 C sank die Gesamtzahl der gewonnenen Eizellen um 0,25 Prozent. Die Zahl der reifen Eizellen verringerte sich um 0,22 Prozent und jene der normal befruchteten Eizellen mit zwei Vorkernen ebenfalls um 0,22 Prozent. Auch bei Berücksichtigung der gefühlten Temperatur, in die neben der Lufttemperatur die Luftfeuchtigkeit einfließt, zeigten sich vergleichbare Ergebnisse. Die normale Befruchtungsrate und die Blastozystenbildungsrate blieben hingegen unverändert.
„Keine Angst vor sommerlichen Temperaturen“
Für den Kinderwunschexperten DDr. Michael Feichtinger, Leiter des Wunschbaby Instituts Feichtinger, unterstreichen die Ergebnisse, dass Umweltfaktoren in der Reproduktionsmedizin zunehmend an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig ordnet er die Resultate ein: „Die Studie zeigt eindrucksvoll, dass Umweltfaktoren auch in der modernen Reproduktionsmedizin eine Rolle spielen können. Gleichzeitig ist wichtig zu betonen, dass der beobachtete Effekt für die einzelne Patientin vergleichsweise klein ist. Niemand muss deshalb eine Kinderwunschbehandlung aus Angst vor sommerlichen Temperaturen verschieben.“
Die Autoren der Studie vermuten, dass hohe Temperaturen über hormonelle Veränderungen, insbesondere über das luteinisierende Hormon (LH), das eine zentrale Rolle bei der Reifung der Eizellen spielt, dazu führen könnten, dass weniger Eizellen heranreifen und die Eierstockfunktion beeinträchtigt wird. Gleichzeitig scheinen andere Hormone wie das follikelstimulierende Hormon (FSH) und Estradiol diesem Effekt entgegenzuwirken und ihn teilweise auszugleichen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Körper versucht, Hitzebelastung hormonell zu kompensieren. Damit liefert die Untersuchung einen biologisch plausiblen Mechanismus für den beobachteten Zusammenhang.
Erfolg von anderen Faktoren abhängig
„Die Erfolgsaussichten einer IVF hängen weiterhin in erster Linie vom Alter der Frau, der Eizellreserve und der individuellen medizinischen Situation ab. Eine Behandlung muss im Sommer keineswegs vermieden werden. Wer sich einer Kinderwunschbehandlung unterzieht, sollte jedoch, wie generell bei großer Hitze, ausreichend trinken, extreme Hitzebelastungen meiden und auf den eigenen Gesundheitszustand achten.“, so Feichtinger.
Die Studienautoren weisen zudem darauf hin, dass kein ursächlicher Zusammenhang bewiesen werden konnte. Dennoch zeigen die Daten, dass Umwelt- und Klimafaktoren künftig stärker in der reproduktionsmedizinischen Forschung berücksichtigt werden sollten.
„Die Reproduktionsmedizin entwickelt sich ständig weiter. Neben modernsten Labormethoden verstehen wir heute auch immer besser, welchen Einfluss Lebensstil und Umwelt auf die Fruchtbarkeit haben. Dieses Wissen hilft uns, Patientinnen noch individueller zu beraten und Behandlungen weiter zu optimieren“, so Feichtinger abschließend.
APA
