Ein Magenbypass kann die Arzneimittelwirkung verändern


Sanja Agatic

Symbolbild: Eine medizinische Fachperson zeigt an einem anatomischen Magenmodell die Lage und den Aufbau des Magens.
Nach einem Magenbypass kann sich die Aufnahme einzelner Arzneimittel deutlich verändern. Besonders bei Retardpräparaten und Wirkstoffen mit enger therapeutischer Breite ist eine genaue Kontrolle wichtig.Foto:stock.adobe.com/Nadzeya

Nach einem Magenbypass verändert sich nicht nur die Nahrungsaufnahme. Auch Medikamente treffen auf andere Bedingungen: Der Magen ist kleiner, der pH-Wert verändert und Teile des Dünndarms werden umgangen. Wie viel Wirkstoff tatsächlich im Körper ankommt, kann sich dadurch verändern.

Gleiche Tablette, gleiche Dosis aber nicht zwingend die gleiche Wirkung. Besonders nach einem Roux-en-Y-Magenbypass ist die normale Passage durch den Magen-Darm-Trakt deutlich verändert. Ein kleiner Magenpouch wird mit einem weiter unten gelegenen Abschnitt des Dünndarms verbunden. Zwölffingerdarm und Teile des Jejunums werden umgangen.

Damit verändern sich mehrere Faktoren, die für orale Arzneimittel entscheidend sind: Magenvolumen, Säureproduktion, Transitzeit, Resorptionsfläche und Kontakt mit Gallensäuren. Wie stark, lässt sich jedoch nicht pauschal vorhersagen. Eine Übersichtsarbeit zeigt, dass die Wirkstoffexposition nach Roux-en-Y-Bypass bei 44 Prozent der untersuchten Arzneimittel sinkt, bei jeweils 26 Prozent blieb sie unverändert oder stieg sogar.

Retardiertes Metoprolol: weniger Wirkstoff verfügbar

Wie deutlich sich eine veränderte Anatomie auswirken kann, zeigt sich am Beispiel Metoprolol. In einer kleinen pharmakokinetischen Studie wurde der Betablocker vor und sechs Monate nach einem Roux-en-Y-Bypass untersucht. Bei der sofort freisetzenden Form schwankte die Bioverfügbarkeit nach der Operation stark zwischen den einzelnen Patient:innen. Bei retardiertem Metoprolol fiel sie dagegen deutlich ab: Die gemessene Wirkstoffexposition lag nach dem Eingriff nur noch bei rund 43 bis 77 Prozent des Ausgangswerts. Die Autoren empfehlen deshalb eine engmaschige Kontrolle der klinischen Wirkung.

Das Beispiel zeigt zugleich, warum die einfache Regel „Retardpräparate funktionieren nach einem Bypass nicht“ zu kurz greift. Die Auswirkung hängen vom einzelnen Präparat ab.

Antidepressiva: Wirkung im Auge behalten

Auch bei Antidepressiva kann sich die Aufnahme verändern. Für Sertralin, Paroxetin, Duloxetin, Venlafaxin, Citalopram und Escitalopram empfehlen Fachautoren insbesondere in den ersten sechs Monaten nach der Operation auf Hinweise für ein Therapieversagen zu achten. Bei Bedarf kann eine Bestimmung der Wirkstoffkonzentration sinnvoll sein.

Das sich nicht jedes Antidepressivum gleich verhält, zeigen neuere Daten ebenfalls. Eine aktuelle Untersuchung belegt unterschiedliche Absorptionsmuster zwischen einzelnen Wirkstoffen, ein weiterer Hinweis darauf, dass sich Veränderungen nach bariatrischen Eingriffen kaum von einer Arzneistoffgruppe auf die nächste übertragen lassen.

Lithium kann in die andere Richtung kippen

Besonders aufmerksam sollte die Medikation bei Arzneimitteln mit enger therapeutischer Breite verfolgt werden. Dazu gehört Lithium. Nach bariatrischen Operationen wurden Veränderungen der Pharmakokinetik beschrieben, weshalb eine engmaschige Kontrolle und gegebenenfalls eine Dosisanpassung empfohlen werden.

Auch bei Vitamin-K-Antagonisten wie Warfarin oder Phenprocoumon kann sich der Bedarf verändern. Nach der Operation sind deshalb häufigere INR-Kontrollen angezeigt. Die notwendige Dosis kann zunächst sinken und sich im weiteren Verlauf wieder dem Wert vor der Operation annähern.

Levothyroxin

Ein anderes Bild liefert Levothyroxin. Eine Untersuchung nach Roux-en-Y-Bypass zeigte keine verminderte Gesamtaufnahme des Schilddrüsenhormons. Die Resorption erfolgte allerdings verzögert. Gerade solche Ergebnisse zeigen, warum nach einem Magenbypass nicht automatisch jede orale Therapie geändert werden muss. Entscheidend sind der jeweilige Wirkstoff, seine Arzneiform und die klinische Wirkung.

Retard- oder magensaftresistente Tabletten sollten dabei nicht eigenmächtig geteilt oder gemörsert werden. Stattdessen kann je nach Präparat eine andere Arzneiform, eine Dosisanpassung oder engmaschigeres Monitoring notwendig sein.



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