Aktivkohle: Schwarzer Alleskönner oder überschätzter Trend?


Sanja Agatic

Symbolbild: Aktivkohle, eine Zahnbürste mit schwarer Zahnpasta und schwarze Kaspeln.
Aktivkohle findet sich heute in Tabletten, Zahnpasta und Kosmetik, doch ihr Nutzen hängt stark davon ab, wo und wofür sie eingesetzt wird.Foto:stock.adobe.com/ronnarong

Sie steckt in Zahnpasta, Gesichtsmasken, Seifen und Tabletten gegen Durchfall, immer mit demselben Versprechen: Aktivkohle soll Unerwünschtes an sich binden. Pharmakologisch kann sie das erstaunlich gut. Doch zwischen einer Vergiftung in der Notfallmedizin und einer schwarzen Gesichtsmaske liegt ein Unterschied: Nicht überall, wo Kohle adsorbiert, entsteht daraus auch ein nachweisbarer Nutzen.

Aktivkohle ist kein gewöhnliches Stück Holzkohle in Pulverform. Ausgangsmaterialien wie Holz oder Kokosnussschalen werden so verarbeitet, dass eine stark poröse Struktur mit enorm großer innerer Oberfläche entsteht. An dieser Oberfläche können sich andere Moleküle anlagern. Fachlich spricht man von Adsorption, nicht von Absorption, bei der Stoffe aufgenommen und im Material verteilt werden. Diese Eigenschaft hat Aktivkohle ihren festen Platz in der Medizin verschafft. Gleichzeitig liefert sie die Grundlage für zahlreiche Anwendungen, deren Nutzen deutlich weniger gut belegt ist.

Wo Aktivkohle Arzneistoffe abfängt

Am klarsten lässt sich ihre Wirkung bei bestimmten akuten Vergiftungen zeigen. Befindet sich ein geeignerter Arznei- oder Giftstoff noch im Magen-Darm-Trakt, kann er an die Kohle gebunden und seine Aufnahme in den Körper verringert werden. Die Metaanalyse „The effect of activated charcoal on drug exposure in healthy volunteers“ zeigte, dass Aktivkohle die Aufnahme verschiedener Arzneistoffe deutlich reduzieren kann, besonders wenn sie früh nach der Einnahme gegeben wird. Auch eine spätere Gabe kann bei einzelnen Substanzen noch einen Effekt haben. Das funktioniert allerding längst nicht bei allen Vergiftungen, Alkohole, starke Säuren und Laugen sowie einige Metalle wie Eisen werden von Aktivkohle schlecht oder gar nicht gebunden. Außerdem birgt die Anwendung bei beeinträchtigtem Bewusstsein ein Aspirationsrisiko.

Kohletabletten bei Durchfall

Bei Durchfall klingt das Prinzip zunächst einleuchtend. Aktivkohle soll unerwünschte Stoffe und möglicherweise bakterielle Toxine im Darm binden. Der pharmakologische Mechanismus ist vorhanden, die klinische Evidenz für einen zuverlässigen Nutzen bei akutem Durchfall ist dagegen überschaubar.

Die europäische pädiatrischen Leitlinien von ESPGHAN und ESPID bewerteten unter anderem Kombinationen aus Asdorbentien und Aktivkohle. Für Aktivkohle fand sich nur sehr begrenzte Evidenz, entsprechende Adsorbentien werden bei akuter Gastroenteritis bei Kindern nicht empfohlen. Damit unterscheidet sich der Einsatz deutlich von einer Vergiftung: Dass Aktivkohle etwas binden kann, beweist noch nicht, dass dadurch Dauer oder Schwere eines gewöhnlichen Durchfalls relevant beeinflusst werden.

Weißere Zähne durch Kohle?

Besonders erfolgreich hat Aktivkohle den Sprung ins Badezimmer geschafft. Schwarze Zahncremes sollen Verfärbungen binden und Zähne heller erscheinen lassen. Die Daten fallen nüchterner aus. Eine 2024 im Journal of Dentistry veröffentlichte Untersuchung von Da Silva und Kolleg:innen verglich mehrere Aktivkohle-Zahncremes mit konventioneller Zahnpasta. Die Produkte mit Kohle entfernten Verfärbungen nicht besser, reines Aktivkohlepulver verursachte gleichzeitig stärkeren Verschleiß und Veränderungen der Schmelzoberfläche.

Auch eine randomisierte klinische Studie aus dem Jahr 2024 mit 56 Teilnehmer:innen fand für Aktivkohlepulver und Aktivkohle-Zahnpasta keinen überzeugenden Whitening-Vorteil. Ein klassisches Bleaching mit Carbamidperoxid erzielte deutlich stärkere Ergebnisse.

Der vermeintliche Whiteing-Effekt entsteht bei Kohleprodukten vor allem durch das Entfernen oberflächlicher Beläge und durch abrasive Bestandteile. Die eigentliche Zahnfarbe kann Aktivkohle nicht chemisch aufhellen. Ein aktueller Umbrella Review zur Evidenz verschiedener Zahnpasten rät wegen begrenzter Wirksamkeitsdaten und möglicher Abrasion ebenfalls davon ab, Aktivkohle gezielt als Whitening-Methode einzusetzen.

Gesichtsmasken und Cleanser: kleine Evidenz

Auch auf der Haut wird dieselbe Eigenschaft vermarktet. Aktivkohl soll Talg, Schmutz und Schadstoffe aus den Poren „ziehen“, Unreinheiten reduzieren oder sogar gegen Akne wirken. Hier wird aus einem realen chemischen Prinzip schnell ein kosmetisches Versprechen. Die Übersichtsarbeit „Charcoal: An ancident material with a new face“ untersuchte den Einsatz von Aktivkohle in dermatologischen Produkten. Das Ergebnis: Für Behauptungen zu Akne, Peeling oder Anti-Aging fehlt überzeugende klinische Evidenz.

Auch für die oft beworbene „porentiefe Entgiftung“ existiert kein überzeugender Nachweis. Dass Kohle bestimmte Moleküle an ihrer Oberfläche festhalten kann, bedeutet nicht, dass sie Stoffe aus tieferen Hautschichten herauszieht. Stiftung Warentest kam bei schwarzen Masken und anderen Kohlekosmetika ebenfalls zu dem Schluss, dass eine besondere Reinigungswirkung bislang nicht wissenschaftlich belegt ist.

Vom Filter bis zum Deo

Ganz nutzlos ist Aktivkohle außerhalb der Medizin deshalb nicht. Ihre Adsorptionseigenschaften werden technisch seit Langem eingesetzt, etwa in Wasser- und Luftfiltern. Auch geruchsbildende Moleküle können an Kohleoberflächen gebunden werden, weshalb sie beispielsweise in bestimmten Deos, Einlegesohlen oder Geruchsfiltern auftaucht. Dabei handelt es sich jedoch um ein physikalischen Filtereffekt und nicht um eine „Entgiftung“ des Körpers.



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