Kontinuierliche Glukosemesssysteme (CGM) wurden für Menschen mit Diabetes entwickelt. Mittlerweile werden die Sensoren jedoch auch Personen ohne Diabetes zur Optimierung von Ernährung, Bewegung und Gesundheit angeboten. Eine aktuelle Übersichtsarbeit findet für diese Anwendung keinen wissenschaftlich belegten gesundheitlichen Nutzen. Die Daten könnten vielmehr zu unnötigen Einschränkungen und Verunsicherung führen.
Continuous Glucose Monitors (CGM) messen den Glukosegehalt in der Zwischenzellflüssigkeit über einen Sensor, der meist am Oberarm getragen wird. Die Werte werden nahezu in Echtzeit an ein Empfangsgerät oder eine Smartphone-App übertragen. Dadurch lassen sich der Glukoseverlauf und mögliche Schwankungen beobachten.
Vom Medizinprodukt zum Lifestyle-Trend
Ursprünglich wurden CGM-Systeme für Menschen mit Typ-1-Diabetes entwickelt. Mittlerweile kommen sie auch bei Typ-2-Diabetes zum Einsatz. In den vergangenen Jahren werden die Sensoren zunehmend als Lifestyle-Produkte vermarktet: Auch Menschen ohne Diabetes sollen anhand der Messwerte ihre Ernährung anpassen, ihre sportliche Leistung verbessern und Erkrankungen vorbeugen können.
Für solche Versprechen fehlt allerdings die wissenschaftliche Grundlage, wie die Universität Göteborg in einer Pressemitteilung zu einer aktuellen Übersichtsarbeit schreibt.
Begrenzte Evidenz
Bei Typ-2-Diabetes kann die kontinuierliche Glukosemessung die Anpassung der Behandlung erleichtern und wiederholte Messungen an der Fingerbeere reduzieren. Dies gilt laut den Forschenden insbesondere für Personen mit einem erhöhten Risiko für Hypoglykämien ihre Behandlungen anzupassen.
Bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes zeigte sich in randomisierten Studien unter der Anwendung eines GCM im Vergleich zur Blutzuckerselbstmessung an der Fingerbeere eine geringe, aber konsistente Senkung des HbA1c-Wertes um durchschnittlich etwa 0,3 Prozent. Einzelne Patient:innen profitierten jedoch deutlich stärker. Für den Einsatz bei Menschen mit Typ-2-Diabetes, die keine blutzuckersenkenden Medikamente erhielten, sowie bei Personen mit Prädiabetes oder Adipositas lagen hingegen nur begrenzte und indirekte Belege vor.
Ebenso fehlen laut den Wissenschflter:innen derzeit Belege dafür, dass CGM-Systeme bei Typ-2-Diabetes langfristig Erkrankungen oder Folgekomplikationen verhindern. Auch ihr Nutzen für Personen, die nicht mit Insulin behandelt werden, sei weiterhin unzureichend untersucht.
Mehr Transparenz gewünscht
Noch dünner ist die Datenlage bei Personen ohne Diabetes. Die Forschenden fanden keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass eine kontinuierliche Glukosemessung in dieser Gruppe die Gesundheit verbessert oder Erkrankungen verhindert.
„Diese Technologie ist für bestimmte Patientengruppen äußerst wertvoll. Sie wird jedoch zunehmend von Gruppen verwendet, bei denen wir schlicht nicht wissen, ob sie überhaupt einen Nutzen bringt oder möglicherweise sogar schaden kann“, erklärt Minna Johansson, Allgemeinmedizinerin und außerordentliche Professorin an der Sahlgrenska Academy der Universität Göteborg.
„Ich bin der Ansicht, dass Unternehmen, die diese Technologie vermarkten, deutlich transparenter darauf hinweisen sollten, dass es keine Belege dafür gibt, dass sie die Gesundheit von Menschen ohne Diabetes verbessert“, so Johansson.
Normale Schwankungen können verunsichern
Glukosewerte verändern sich auch bei gesunden Menschen im Tagesverlauf. Ohne medizinischen Kontext könnten solche normalen Schwankungen jedoch als krankhaft interpretiert werden. Die Forschenden warnen, dass dies Ängste oder unnötige und möglicherweise ungesunde Einschränkungen der Ernährung auslösen könnte.
Hinzu kommt die schwierige Interpretation der großen Datenmengen: „Wir sehen bereits, dass gesunde Menschen medizinische Hilfe suchen, um ihre Messwerte einordnen zu lassen, obwohl wir nicht wissen, ob diese Daten zu einer besseren Gesundheit führen“, so Johansson. Sie betont, dass neue Medizintechnologien dort eingesetzt werden sollten, wo ihr Nutzen nachgewiesen ist und nicht nur, weil sie verfügbar sind oder mehr Daten liefern. Bei einer weiteren Zunahme der Nutzung könnten dadurch Zeit und Ressourcen gebunden werden, die Patient:innen mit einem größeren Versorgungsbedarf fehlen.
Narrative Übersichtsarbeit
Bei dem Paper „Continuous Glucose Monitoring in Type 2 Diabetes and Beyond“ handelt es sich um eine narrative Übersichtsarbeit, die im JAMA Internal Medicine erschienen ist. Die Wissenschaftler:innen werteten 16 systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen randomisierter Studien zur kontinuierlichen Glukosemessung bei Typ-2-Diabetes aus, die in den vergangenen 15 Jahren veröffentlicht worden waren.
